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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 20 DIE ELT 15 schaft der Grenzstädte Oberschlesiens. Die Berliner Polizei hat russische Staatsangehörige aus Deutschland ausgewiesen, auch wenn sie größere Bankguthaben nachweisen konnten. Diese Maßnahmen haben die Intelligenz des nachbarlichen Industriereviers gegen Deutschland derart scharf gemacht, daß sie mit einer Boykottierung der deutschen Kaufleute, die doch an den Ausweisungen nicht die mindeste Schuld tragen, drohen. Eine provisorische Versammlung, die am Dienstag in Sosnowice stattfand, beschäftigte sich bekanntlich bereits mit der Frage der Boykottierung, und eine zweite Versammlung, welche am heutigen Sonnabend in Sosnowice abgehalten werden wird, wird einen endgültigen Beschluß fassen. Die Boykottierung soll so durchgeführt werden, daß ein regelrechter Überwachungsdienst eingerichtet werden soll. Diejenigen, welche dann trotz eines Beschlusses auf Boykottierung bei deutschen Kaufleuten Einkäufe besorgen, werden auf eine „schwarze Liste" gesetzt und Schikanierungen werden die Folge sein. Noch ein zweites Mittel soll in Anwendung gebracht werden, nämlich die Forderung auf Entlassung der deutschen Beamten der Hütten und Gruben Russisch-Polens! Diese letztere Maßregel dürfte kaum von Erfolg begleitet sein. Die Beamtenschaft der Werke Russisch-Polens setzt sich fast ausnahmslos aus Ausländern zusammen — Russen, Franzosen und nicht zuletzt Deutsche arbeiten friedlich nebeneinander. Namentlich der deutsche Beamte wird hochgeschätzt, und es dürfte keinen Gruben- oder Hüttenrnagnaten geben, der seine deutschen Beamten auf diese Forderung hin entläßt. Der letzte Streik zu Ende des vorigen Jahres hat dies recht deutlich bewiesen. Eine Verwaltung sperrte sämtliche Arbeiter aus, welche die Entlassung eines deutschen Meisters gefordert hatten! Recht ernsthaft zu nehmen ist dagegen die angedrohte Boykottierung der deutschen Kaufleute. Die Kattowitzer Geschäfte, welche an erster Stelle in Frage kommen, verdanken ihr Aufblühen und ihre Existenz nicht zum wenigsten der Kundschaft aus Russisch-Polen, kurz „polnische Kundschaft" genannt. Sollte tatsächlich eine Boykottierung der deutschen Kaufleute eintreten, — der Pleitegeier, der in letzter Zeit 21 Opfer forderte, würde so manches von „polnischer Kundschaft" lebende Geschäft mit immer kleineren Schwingungen umkreisen und sich nach kurzer Zeit niederlassen. ... Es ist ein freudiger Moment, daß der „Verein selbständiger Kaufleute" in Kattowitz in einer außerordentlichen Generalversammlung, wie schon berichtet, zu der Frage Stellung genommen und eine einstimmig angenommene Resolution an die Regierung losgelassen hat, worin gegen die Ausweisungen Protest erhoben und energisch Abhülfe gefordert wird. Wenn russisch-polnische Intelligenz erfährt, daß die Kattowitzer Kaufmannschaft gegen die Ausweisung russischer Staatsangehöriger aus Deutschland energisch Protest eingelegt hat, wird sie hoffentlich diejenigen ihren" Zorn nicht entgelten lassen, die an der für Deutschland wenig rühmlichen Affäre unschuldig sind." 7.. r\___ -oi Wie allgemein bekannt, siegte Zu den Dumawahlen in Polen jn pole* bei den Wahlen Partei der „Nationaldemokraten", die einerseits die „Autonomie Polens" zu ihrer Losung gemacht hat, anderseits — und vielleicht mit nicht geringerem Eifer — die Parole: „Fort mit den Juden!" im Polenlande ausgegeben hatte. Der „Jewrejskaja Schisn" entnehmen wir nun auszugsweise folgende Schilderung der Ursachen und des Verlaufes der Wahlkampagne: Die Gruppierung der Parteien zur Zeit der Wahlen gestaltete sich folgendermaßen. Die sozialistischen Parteien der verschiedenen Schattierungen — die jüdische einbegriffen — vertraten das Prinzip des Boykotts der Duma und erzielten damit einen ziemlichen Erfolg in den Reihen der Fabrikarbeiter. Den Wahlkampf hingegen propagierten die „Nationaldemokraten", die unter ihren Fahnen einen großen Teil der Nation vereinigten, nämlich fast alle Intellektuellen — mit einzelnen Ausnahmen —, die Bourgeoisie und die Gutsbesitzer. Dank dem Einflüsse der Schlachta und der Geistlichkeit kam auch die polnische Bauernschaft hinzu. Die „Nationaldemokraten", die so verschiedene Klassen in ihrem Lager haben, vertreten kein bestimmtes Programm, sondern sind opportunistisch, dazu reaktionär und äußerst chauvinistisch. Die nationale Unterdrückung Polens seitens der russischen Regierung und die daraus hervorgehende Forderung der Autonomie Polens unigibt diese Partei in den Augen des Volkes mit einer Art Glorienschein. Anderseits basiert aber ihre Stärke — was für uns am wichtigsten erscheint — auf der Losung des unerbittlichen Kampfes mit den Juden, was aus der ökonomischen Entwicklung Polens in den letzten hundert Jahren zu erklären ist. Die Position, die einst die Juden in Polen einnahmen, nämlich die des Mittelstandes, der in Handel und Wandel alles in seinen Händen vereinigte, wurde allmählich von den Polen besetzt. Zwischen den Grundherren und den „Cholopi" (Landarbeiter) welche einst die Bevölkerung Polens ausmachten, schob sich allmählich eine zahlreiche und starke Klasse der Stadtbewohner ein — der mittleren und kleineren Bourgeoisie, für die der ökonomische Kampf mit den Juden zum Lebensprinzip wurde. Und so bereicherte sich der alte polnische Judenhaß feudal-klerikalen Ursprungs um den modernen Antisemitismus, der aus dem ökonomischen Kampfe hervorgeht. Natürlich siegte in diesem Kampfe die polnische Bourgeoisie, die stärker ist und die Sympathien der umgebenden Bevölkerung auf ihrer Seite hat. Die Folgen davon für die Juden sind allgemein bekannt. Die ungeheure Entwicklung des Pauperismus innerhalb der jüdischen Bevölkerung, das Hineinziehen der jüdischen Massen Polens in den Strom der Emigration, andererseits die geringe Anteilnahme des jüdischen Proletariats an der industriellen Entwicklung Polens — das sind alles allgemein bekannte Tatsachen, die nur die „Polen mosaischer Konfession" nicht zu sehen vorgaben. Es ist weiter zu bemerken, daß sich an den Wahlen noch eine zweite Partei beteiligte — die „progressive Demokratie", die allerdings zunächst das Prinzip des Boykotts vertrat und erst im letzten Moment ihre Ansichten änderte und sich in den Wahlkampf warf. Ihrem Programm nach ist sie freiheitlich und demokratisch. Sie ist aber "ziemlich wenig verbreitet und besteht zu mehr als der Hälfte aus -■- Juden. Ungeachtet ihrer freiheitlichen Prinzipien vertritt diese Partei den Juden gegenüber einen äußerst assimilatorischen Standpunkt, und dieser Umstand hat das Schicksal der Wahlen vollends besiegelt. Die „progressiven Demokraten" wußten, daß sie nur einzig und allein auf die Juden rechnen konnten und schlössen mit ihnen infolgedessen überall Kompromisse. Zum Siege brachte es der Block der Juden mit den progressiv-demokratischen Polen nur in der Stadt Lublin, wo von den 7 Wahlmännermandaten 3 den Juden überlassen wurden. Der Sieg der Juden war jedoch — ungeachtet der äußerster, Anstrengung des jüdischen Wahlkomitees — ein Pyrrhussieg. Die Polen behielten sich das Recht vor, diejenigen jüdischen Kandidaten zu streichen, die den Argwohn erwecken könnten, national-jüdisch gesinnt, zu sein, wobei die Juden keine Möglichkeit hatten, dagegen zu protestieren, daß zwei der Kandidaten der „progressiven Demokratie" zu gleicher Zeit als Kandidaten der „Nationaldemokraten" fungierten und so also nicht frei von Antisemitismus sein konnten. In Lodz siegte, wie bekannt, der Block der „Nationaldemokraten" und Deutschen, die sich für gewöhnlich in den Haaren liegen, aber diesmal im gemeinsamen Haß gegen die Juden sich die Hände reichten. Besonders charakteristisch verliefen die Wahlen in Warschau. Die „progressivenrDemokraten" wendeten sich an die Warschauer Kultusgemeinde mit dem Vorschlag, die Juden zum Wahlkampf zu organisieren, wobei sie, die eigene Schwäche erkennend, sich den Juden gegenüber sehr entgegenkommend erwiesen und als Deputierten der Stadt Warschau einen Juden annehmen wollten. Als Kandidat war Herr Dikstein bestimmt worden, ein Vertreter der allerschlimmsten Sorte Assimilation, der auf alles Jüdische mit Verachtung und Feindseligkeit niederschaut. Dieser Umstand hat von vornherein das Interesse der Juden an den Wahlen sehr verringert, da es klar war, daß Herr Dikstein nicht nur die jüdischen Interessen nicht vertreten, sondern auf jede nur mögliche Weise ihnen Schaden bringen werde. Es blieb natürlich noch eine Möglichkeit für die Juden, den Kandidaten Dikstein fallen zu lassen und die Stimmen ihrer Wähler auf einen anständigen Polen zu vereinigen, wie z. B. Swentochowsky, einen der Kandidaten der progressiven Demokratie. Daß das nicht der Fall war, daran trägt wieder die Schuld die Warschauer Kultusgemeinde und ihre assimilatorischen Freunde. Die Herren ließen sich nämlich von dem angenehmen Gedanken einlullen, daß die Polen und selbst die „nationalen Demokraten" sicherlich vollständig objektiv bleiben und der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus einen Platz in der Duma überlassen würden. Die Herren „Nationaidemokraten" ihrerseits haben sich nicht beeilt, die „Polen mosaischer Konfession" aus ihrem angenehmen Irrtum herauszubringen und haben ihre wirklichen Intentionen bis zur letzten Stunde geheim gehalten. Dafür haben sie in der letzten kritischen Zeit vor den Wahlen eine desto energischere Tätigkeit entfaltet und gebrauchten zur Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung Drohungen, die sich in nichts von den berühmten Mitteln der „schwarzen Bande" in Rußland unterschieden. Sie haben

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