Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 20 DIE^ Ringenden, dem jüdischen Juden des Ostens. Die letzte Zeit, wo drüben alles zur Entscheidung drängt, bringt uns leider Beweis auf Beweis für diese traurigen Tatsachen des Verfalles des jüdischen Volksgefühls im Westen, das einen mit Schmerz und Verbitterung erfüllen müßte, hätten nicht die Zionisten doch einen Teil des westeuropäischen Judentums zu sittlicher Höhe und zu jüdischem Solidaritätsbewußtsein erhoben. In Wien vermittelt Ritter von Taussig der russischen Regierung Geld, derselben Regierung, die jetzt von der Vertretung des russischen Volkes, der Duma, als eine verbrecherische bezeichnet wird. Nur mit Mühe und Not, man könnte beinahe sagen, mit Brachialgewalt, gelang es dem gesunden jüdischen Gefühl, gelang es der unnachsichtlichen zionistischen Empörung, den Mann aus dem Amte zu verdrängen, das er befleckt hat. Im preußischen Abgeordnetenhause werden als Kronzeugen geführt Herr Perlmann aus Königsberg, dessen rühmliche Taten sogar Antisemiten vom Schlage des Herrn Brandenstein befriedigen, und Herr Hugo Ganz, der „jüdische" Schriftsteller, der unter Beteiligung einer jüdischen Organisation nach Rußland reiste, um die Lage der russischen Juden zu studieren, und der, ein umgekehrter Bileam, zurückkehrte mit einem Buche, das von Ignoranz, Unwahrheit und ästhetisch sich gebendem Antisemitismus strotzt. Seine Theorie, daß der „Zustrom vom Osten" in Deutschland allein den Antisemitismus erzeuge, und Perlmann's Praxis haben im Parlament, bei der Regierung und bei — den Juden Schule gemacht. Leider läßt es sich nicht feststellen, wo und wie oft sich Juden schmählicher Handlungen gegen ihre östlichen Brüder schuldig machen — vieles bleibt ja unbekannt, und die Durchwandernden legen es zu dem andern Bündel Elend, das sie übers Meer schleppen — aber das, w as in die Öffentlichkeit kommt, würde auch schon genügen, um die höchste Empörung hervorzurufen. Man lese z. B. die nachfolgende Meldung des „Vorwärts": „Gewissenlose Leute! Großes Aufsehen erregte der Beschluß des Königsberger Hilfskomitees für durchreisende russische Juden, die Mitglieder des jüdischen „Bundes" nicht mehr zu unterstützen, da sie Charakter- und gewissenlose Leute und eine Plage für die anständigen Juden seien. Jetzt hat sich auch in Dan zig ein Fall ereignet, der dem Beschluß des Königsberger Komitees sehr ähnelt. Anfang Mai brauchte ein flüchtiger Krüppel aus der russischen Intelligenz dringend Unterstützung, man riet ihm, sich au das Danziger Hilfskomitee zu wenden, da diesem reiche Mittel zur Verfügung ständen. Der Vorsitzende dieses Komitees, ein freisinniger Mann namens Kadisch, fragte den Unglücklichen zuerst nach dem offiziellen russischen Gouvernernentspaß. Als dieser nicht vorgezeigt werden konnte, wollte der Vorsitzende des Hilfskomitees die von der russischen Polizei ausgestellte Legitimation sehen. Da der Hülfesuchende auch damit nicht dienen konnte, wurde ihm die Tür gewiesen. Der Mann ging darauf zu einem anderen Mitglied des Hülfskomitees, zu einem Herrn Behrendt, der das Amt eines Stadtverordneten bekleidet und ein „humanitärer Ethiker" ist. Doch wurde der Unglückliche dort ebenfalls abgewiesen. —" Kommentar überflüssig! Ein klägliches Beispiel hurrah-patriotischer Seelengröße ist auch die folgende Nachricht aus Köln, die der „Rheinischen Zeitung" entnommen ist: „Ein merkwürdiger Vorfall spielte sich Samstagmorgen in der Synagoge an der Roonstraße ab. Ein zugereister galizischer Jude war während des Gottesdienstes eingeschlafen und während des Gebetes für den Kaiser sitzen geblieben. Der Mann wurde geweckt und aufgefordert, sich zu erheben, er weigerte sich jedoch und blieb sitzen. Es ist zu .bemerken, daß der Galizier die deutsche Sprache nur unvollkommen verstand und nicht recht wußte, worum es sich eigentlich handelte. Indessen wurde durch das Benehmen des Mannes das Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde, Herr Heideiiheim, so sehr in seinen patriotischen Gefühlen gekränkt, daß er im höchsten Zorne einen Schutzmann holen ließ. Dieser ELT war glücklicherweise so vernünftig, den Galizier nicht festzunehmen, sondern gab ihm nur den Rat, baldigst weiter zu reisen. Wir meinen, daß namentlich in der Zeit unerhörter preußischer Judenverfolgungen (siehe die Massenausweisungen ausländischer Juden aus Berlin!) Herr Heidenheim seinen patriotischen Überschwang etwas hätte dämpfen können. Mindestens schien es uns sehr überflüssig, zur Erledigung dieses unbedeutenden Vorfalles die Dienste eines preußischen Polizeibeamten in Anspruch zu nehmen." Es lohnt natürlich nicht, auf diese hochherzige Handlungsweise eines wohlakkreditierten Gemeindegewaltigen zurückzukommen, schon die Wiedergabe des Tatbestandes wird wohl genügen, ihn der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben. Aber symptomatisch an all diesen Vorfällen, denen sich noch andere anreihen ließen, ist die nicht nur unjüdische, sondern antijüdische, spießbürgerliche und beschränkte Gesinnung, die aus ihnen spricht. Und das sind die Wohltäter des jüdischen Volkes, das sind die Vorsteher der Gemeinde, die Mitglieder der „Bruderlogen", das sind mit einem Wort die „anständigen" Juden — von denen man im Reichstag und Landtag spricht, im Gegensatz zu den „Schnorrern und Verschwörern" von drüben. Die Duma. Leere Worte, nichtssagende Versprechungen waren die Ouvertüre der ersten russischen Duma, die Thronrede. Mit keinem Worte wurde der wirklichen, dringenden Bedürfnisse des Landes gedacht. Allgemeine Redensarten, wie sie in solchen Fällen immer gedrechselt werden. Aber die Duma ist keine Versammlung von Schönrednern. Es sind Männer des Volkes gekommen, das Recht der Menschen und der Völker Rußlands zu verlangen, zu erlangen. Die Adresse, die sie als Antwort auf die Thronrede annahmen, ist ein Programm, das Rußland in die Reihe der vorgeschrittensten Länder Europas rücken würde. Hier wurde nicht vergessen, hier wurde nicht umgangen. Man hat befürchtet, die Dnma werde judenfeindlich sein. Nun lautet eine Stelle der Adresse: „Bei der ihr bevorstehenden gesetzgeberischen Tätigkeit erachtet die Reichsduma es als eine unumgängliche Notwendigkeit, das Volk durch festbestimmte Gesetze sicherzustellen. Die Unantastbarkeit der Person, die Freiheit des Gewissens, des Wortes, der Presse, der Vereine, Versammlungen und Ausstände, das sind die Grundlagen, die schon der Erlaß vom 30. Oktober gelegt hat und ohne die eine Reform der sozialen Verhältnisse undenkbar ist. Die Reichsduma geht von der unerschütterlichen Überzeugung aus, daß weder die Freiheit noch die Ordnung befestigt werden kann, ohne die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Sie wird daher ein Gesetz ausarbeiten, das die Gleichberechtigung aller Bürger ausspricht und gleichzeitig alle ständischen, nationalen und religiösen Vorrechte aufhebt." Und nicht nur die Persönlichkeit des Juden, das jüdische Individuum soll befreit werden, auch die jüdische Nationalität soll befreit werden. Dafür bürgen uns die Worte der Adresse: „Auch hält die Reichsduma es für nötig, unter den unaufschiebbaren Aufgaben auch die Entscheidung der Frage über die Befriedigung längst reifer Forderungen einzelner Nationalitäten aufzuführen. Rußland stellt einen von vielen Stämmen und Nationalitäten bevölkerten Staat dar. Die günstige Einigung aller dieser ist nur möglich bei Befriedigung der Bedürfnisse eines jeden von ihnen in der Art, daß dabei die Eigenartigkeit einzelner Seiten ihres Lebens gewahrt und entwickelt würde. Die Reichsduma wird für weitgehende Befriedigung dieser gerechten Bedürfnisse Sorge tragen." Das jüdische Volkstum bedarf in Rußland keiner Anerkennung mehr. Es ist, es lebt, es ist durch die Gesellschaft, durch die Staatsordnung anerkannt. Und wenn die Duma die Schranken beseitigen wird, dann wird ein neues Aufblühen der jüdischen Volkskraft zu erwarten sein. An den jüdischen Abgeordneten ist es, den Augen blick auszunutzen, ihnen, den Trägern des jüdischen Willens, ist die Aufgabe zugefallen, an der Regenerierung der jüdischen Ge-