Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Ersatz menschlicher Arbeitskräfte durch die mit Dampfkraft betriebene Maschine hat noch in allen europäischen Ländern zu kolossalen Krisen auf dem Arbeitsmarkte und zu Massenauswanderungen geführt, wie zum Beispiel in England am Anfang des XIX. Jahrhunderts und in Deutschland in der Mitte und zu Beginn der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Dasselbe findet jetzt in Polen und Litauen statt, und es trifft die Juden um so stärker, als sie dort einen ganz bedeutenden Prozentsatz aller Kleingewerbe stellen, als das Handwerk in der Form des Lohnwerkes ihre Haupterwerbsquelle ist und als der Ersatz der Menschenkraft durch die motorische in der letzten Zeit in Gewerbezweigen Platz griff, die bisher zumeist von Juden betrieben wurden, z. B. in der Weberei. Neben dem Freiwerden von Menschenhänden durch die höhere Produktivität der Maschine ist ein Nieder- und Zugrundegehen der Zwergbetriebe eine Folge der höheren Konkurrenzfähigkeit der Fabrik. Wenn auch die Fabrik nicht den Untergang allen Handwerkes bedeutet, wie die Erfahrung, entgegen allen orthodoxsozialistischen Theorien, nachgewiesen hat, der Untergang des auf Kapital überhaupt nicht fundierten Lohnwerkes ist sie sicherlich. Das jüdische Kleingewerbe des Ansiedlungsrayons ist aber durchwegs Lohnwerk, jedenfalls Handwerk ohne eigenes, im wirtschaftlichen Kampfe auch nur irgendwie in Betracht kommendes Kapital. Es sind Zwergbetriebe, in denen meistens der Meister allein mit zeitweiliger Unterstützung durch seine Familienmitglieder, in der geringeren Anzahl der Fälle auch einige wenige Lehrlinge und Gehilfen arbeiten, Zwergbetriebe, die der Konkurrenz der rationell auf der Höhe der Zeit betriebenen Fabrik unmöglich standhalten können. Auf dem Arbeitsmarkte der sich mächtig entwickelnden Industrie werden die Juden, auch diejenigen, die bisher in dem nunmehr der Industrialisierung verfallenen Gewerbe tätig waren, ebenso wie in Galizien durch den auf dem Lande überschüssigen Bauern verdrängt, eine Tatsache, die von allen Seiten bestätigt wird und die schwerwiegende Folge hat, daß auch hier eine Proletarisierung der aus den selbständigen Berufen Herausgeworfenen zur Unmöglichkeit wird. Die Wirksamkeit der Verdrängung durch die Maschine, der Konkurrenz der Fabriken und des Ausschlusses des jüdischen Arbeiters vom Arbeitsmarkte der Industrie durch den Bauer gibt sich in nachstehenden statistischen Daten kund, die der Brüsseler Konferenz mitgeteilt wurden. Auf 79224 Personen, die im produktiven Alter von 14—45 Jahren standen, und 5483, die über 45 Jahre zählten, also sich noch im erwerbsfähigen Alter befanden, entfielen im Auswandererjahr 1903/04 nicht weniger als 35334 Handwerker und gelernte Arbeiter, während bloß 3464 von ihnen Händler waren. Dieser enorm hohe Prozentsatz der im Gewerbe Tätigen kann unmöglich als Wirkung der damals noch nicht so umfassenden Exzesse aufgefaßt werden, sondern ist auf Konto der eben geschilderten wirtschaftlichen Verhältnisse zu setzen. Neben der Verdrängung durch die Maschine, die Fabrik und den Bauer, macht sich in ähnlicher Weise wie in Galizien die Konkurrenz des mächtig entwickelten christlichen Kleinbürgertums fühlbar, das auf die bisher gewissermaßen im Monopole der Juden befindlichen Erwerbszweige übergreift. Die Möglichkeit der Ausdehnung der Erwerbsgelegenheiten entsprechend der natürlichen Vermehrung, (die übrigens relativ stärker ist als die der nichtjüdischen Bevölkerung), erleidet hierdurch eine um so empfindlichere Einbuße, als das Feld der jüdischen Erwerbsmöglichkeiten durch gesetzliche Bestimmungen, die die Juden von einer Anzahl von Berufen ausschließen und ihre Bewegungsfreiheit einengen, überhaupt eingeschränkt ist. Dies insbesondere in Ansehung der Erwerbsmöglichkeiten auf dem flachen Lande, wo die Juden noch außerdem aus dem von ihnen traditionell betriebenen Schankgewerbe herausgeworfen worden sind. Die Intensität der wirtschaftlichen Krise der Juden des Ansiedlungsrayons wurde durch den Zuzug, den sie durch die in den achtziger und in der ersten Hälfte der neunziger Jahre erfolgte Einwanderung von Juden aus Innerrußland erfahren hatte, nur verstärkt. Dem entsprechend weisen die Auswanderungsziffern seit 1896, abgesehen von plötzlichem, ganz enormem Anschwellen in Katastrophenjahren, ein stetiges Wachstum auf, das auf die stetigwirksamen, zur Auswanderung drängenden wirtschaftlichen Faktoren zurückgeführt werden muß. Wenn auch bereits im Auswandererjahre 1906 07 auf einen ganz bedeutenden Rückgang der Auswanderung gegenüber den Jahren 1904/05 und 1905/06 gerechnet werden kann, so ist doch, insolange nicht durch Aufhebung des Ansiedlungsrayons in Rußland selbst Raum geschaffen wird, an ein Aufhören der Massen aus Wanderung aus Rußland nicht zu denken. Ich glaube nicht, mich von der Wirklichkeit weit zu entfernen, wenn ich die regelmäßige Auswandererziffer aus .Rußland für die nächsten Jahre mit 50 000—70 000 jährlich veranschlage. Hierzu tritt noch die galizische Auswanderung, die man im Durchschnitt ruhig mit 20 000 jährlich ansetzen kann, und jedenfalls noch eine in ihrem Umfange nicht bestimmte Auswanderung aus Rumänien und Ungarn. Alles in allem hat die jüdische Welt damit zu rechnen, daß sie jährlich 70 000—90 000 Juden zu placieren haben wird. Ob und in welcher Weise dies möglich sein wird, ist die für das Schicksal des Judentums in der Gegenwart wichtigste Frage, und zwar eine noch offene Frage. Der Pflicht, ihre Lösung zu versuchen, darf sich kein Jude entziehen, dem an dem Wohle seines Volkes gelegen ist. (Fortsetzung folgt.) POLITISCHE REVUE o o o o °JSl Westliche Brüder. Während die russischen Juden vor einer schicksalsschweren Entscheidung stehen, die vielleicht im Leben des ganzen jüdischen Volkes eine historische Rolle spielen wird, während sie zur Stunde als Kämpfer — und nicht als die schlechtesten — für die Freiheit ihres Volkes, doch auch für die Befreiung eines großen Teiles der Menschheit überhaupt, auf den Plan treten, beeilen sich die westlichen Juden mit einer wahren Angst, sich vor dem Sturme zu verkriechen und ihre russischen Brüder im Stiche zu lassen, zu verleugnen, ja sogar abzuschütteln. Die westlichen Juden haben sich der östlichen stets nur dann erinnert, wenn bereits Blut in Strömen floß, wenn der Schrei des jüdischen Elends sie nicht mehr schlafen ließ, wenn die jüdische Not sich in ihre Länder zu wälzen begann/ Galt es aber, die östlichen Juden in jenem ungeheuren Kampfe zu unterstützen, den sie als Juden jeden Tag, jede Stunde kämpfen mußten, dann erwachte im westlichen Juden der Geist des Satten, Gesicherten, Hurrah-Patrioten und er zog seine wohlgepflegte Hand ängstlich zurück vor jeder Berührung mit dem Kämpfenden, Leidenden,