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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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diese an sich noch so ersprießlich und gedeihlich sein. Schließlich macht sich dann ein Banausentum breit, ein philanthropisches Qetue, das gewiß nicht ge&ignet ist, das nationale Bewußtsein zu pflegen und zu heben. Ich wiederhole, daß ich gegen die offizielle Leitung unserer Organisation auch nicht den geringsten Vorwurf erheben will. Sie tut das, was sie tun soll und muß. Hingegen beklage ich es sehr, daß unter den nationalen Juden in der letzten Zeit fast unzählige Unternehmungen ins Leben gerufen worden sind, von denen wir noch zu befürchten haben, daß ein Unternehmen dem andern das Lebenslicht ausblasen wird. Nichts aber ist geschehen für die Erhaltung und die Förderung unserer nationalen Kulturgüter, Was ist aus der hebräischen Sprache geworden? und wie sieht es mit unserem nationalen Schrifttum aus? Wenn das so fortgeht, so wird das jüdische Volk allmählich sein Ursein einbüßen; in Palästina werden aber verschiedene Gründungen „secher lechurban" bleiben. . . Anm. d. Red.: Wir bringen gerne die Ausführungen unseres gesch. Mitarbeiters, obwohl wir weder seine weitgehenden Befürchtungen noch seine pessimistischen Ansichten teilen. Wir haben unseren Standpunkt in dieser Frage des öfteren geäußert und kommen auch in dieser Nummer darauf zurück. BEMERKUNGEN ZUR AUSWANDERUNGSFRAGE Von DR. ALEXANDER HAUSMANN (Wien) I. Seit Kischinew hat die Auswanderung der Juden aus Rußland i^anz beispiellose Dimensionen angenommen. Man ist nun in jüdischen Kreisen, insbesondere auch in denjenigen Kreisen, die sich der ihnen obliegenden Pflicht, helfend einzugreifen, nicht mehr entziehen zu dürfen glauben, geneigt, nicht nur das kolossale Anschwellen des Auswandererstromes, sondern auch die Auswanderung selbst ganz oder mindestens zum allergrößten Teile auf Konto der grauenhaften Judenexzesse zu setzen, deren Zeugen wir in den Jahren 1904 und 1905 waren. Eine solche Auffassung führt zu der sehr bedenklichen Konsequenz, daß mit der Versorgung der Opfer der letzten Exzesse, mit der Placierung jener Zehntausende jüdischer Existenzen aus den von der Verfolgung betroffenen Ortschaften, für die in Rußland keines Bleibens mehr war, die Frage der jüdischen Auswanderung gelöst sein werde oder wenigstens die Frage der Massenauswanderung, da der gewisse, dem Juden angeblich innewohnende Wandertrieb, der Mangel des Sinnes für Seßhaftigkeit, ein vollständiges Aufhören jüdischer Wanderungen nie zulassen werde. Zugegeben wird, daß die Exzesse sich wiederholen können und daß für diesen Fall vorgesorgt werden sollte. Richtig an dieser Auffassung der Sachlage ist nur das eine, daß das kolossale, plötzliche Anwachsen der Auswanderung auf die Pogrome zurückzuführen ist. Unrichtig aber die Verkennung jener tiefer liegenden, dauernd wirksamen wirtschaftlichen Faktoren, welche die Massenauswanderung der Juden aus ihren bisherigen Zentren zu einer dauernden, regelmäßigen Erscheinung machen, der gegenüber ein einmaliges oder sogar wiederholtes philanthropisches Helfen, eine einmalige oder wiederholte Placierung auch größerer Massen absolut unzulänglich ist. Als Gebiete der Massenauswanderung sind vor allem Rußland und Galizien anzusehen, in geringerem Maße Rumänien und Ungarn. Die galizische Auswanderung wurde durch rein wirtschaftliche und soziale Ursachen hervorgerufen. Durch die Bildung und mächtige Entwicklung eines einheimischen Mittelstandes während des XIX. Jahrhunderts, dessen wirtschaftliche und soziale Funktionen bis dahin die Juden ausgeübt hatten, wurden diese letzteren nicht nur ein überflüssiges, sondern direkt hemmendes Element für die weitere Entfaltung des autochthonen Kleinbürgertums, welches wirtschaftlich auf die Erwerbsgelegenheiten und Berufe, die die Juden innehaben, also auf das Kleinhandwerk, den Handel, die freien Berufe, das Geldgeschäft und das Vermittlungswes'en angewiesen ist. In dem Konkurrenzkämpfe mit dem christlichen Bürgertum, der dahin zielte, neue wirtschaftliche Positionen, entsprechend ihrer natürlichen Vermehrung und den geänderten Verhältnissen, zu erlangen, unterlagen die Juden und wurden überdies aus den alten Positionen, die sie bisher besessen hatten, hinausgedrängt. Das Eindringen kapitalistischer Wirtschaftsformen mit ihrer Tendenz, Kleinbetriebe, die nicht auf der Höhe der Zeit stehen, wie das Kleinhandwerk, das Vermittlungswesen und das Geldgeschäft von Mann zu Mann, also lauter jüdische Hauptberufe, auszuschalten und die bestehende Oberbevölkerung begünstigen das Herausdrängen der Juden. Auf dein Arbeitsmarkte der sich, wenn auch langsam, aber immerhin doch vorwärtsentwickelnden Industrie sind die Juden der Konkurrenz des Angebotes, das durch die am Lande überschüssige Bauernbevölkerung gestellt wird, nicht gewachsen. Die Möglichkeit der Proletarisierung der aus den kleinbürgerlichen Berufen herausgeworfenen, der deklassierten und pauperisierten Juden ist nicht gegeben. Die geschilderten wirtschaftlichen Faktoren steigern ihre Wirkung mit der natürlichen Vermehrung der einheimischen wie der jüdischen Bevölkerung, und die Folge davon ist eine stetig anwachsende jüdische Auswanderung. In dem Dezenium 1890—1900 sind aus Galizien rund 108 000 Juden ausgewandert, eine Ziffer, die bei einer jüdischen Bevölkerung von 811 000 im Jahre 1900 bereits einen abnorm hohen Prozentsatz abgibt, immerhin aber ihr absolutes Anwachsen durch die natürliche Vermehrung nicht gänzlich verhindert hat. Seither sind die Auswandererziffern noch weiter gewachsen und haben ihren vorläufigen Höhepunkt im Jahre 1904 erreicht, wo nach Amerika allein rund 21 000 galizische Juden emigrierten. Im Jahre 1905 ist eine kleine Abschwächung zu konstatieren, da nach Amerika bloß rund 17 000 Galizianer gegangen sind. In dieser Abschwächung ist eine Unterbrechung der geschilderten Entwicklung nicht zu erblicken, da 1905 ein Jahr des wirtschaftlichen Aufschwunges in Österreich und Deutschland war, wodurch einerseits den für die Auswanderung wirksamen Faktoren für den Augenblick ein Gegengewicht geschaffen und anderseits für einen Teil der aus Galizien Herausgedrängten die Möglichkeit gegeben war, im übrigen Österreich und in mehreren deutschen Großstädten sich ansässig zu machen. Für die Zukunft aber muß man nach wie vor mit einer sehr bedeutenden, immer mehr anwachsenden galizischen Auswanderung rechnen. In der russischen Auswanderung, deren merkliches Anwachsen mit dem Pogrom jähre 1881 beginnt, sind zwei Perioden zu unterscheiden, von denen die erste etwa bis Anfang oder Mitte der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts hineinreicht. In dieser ersten Periode ist die Auswanderung auf die Schiebungen innerhalb der russisch-jüdischen Bevölkerung zurückzuführen, die durch die Ausweisungen aus Innerrußland und die Regierungsv'erordnungen hervorgerufen wurden, welche die jüdischen Rechte einschränkten und insbesondere die Wohnungsverbote in den inneren Gouvernements und auf dem flachen Lande aufstellten. Ein Teil der Juden Innerrußlands wanderte in den Rayon, insbesondere nach Königreich Polen ein, ein geringerer Teil wanderte aus. Für die zweite Periode ist die Entwicklung maßgebend ge- 2*

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