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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ERNSTE GEDANKEN Von Dr. SIMON BERNFELD Die Ereignisse in Rußland, soweit sie unser Volk betreffen, entwickeln sich so, wie sie sich naturgemäß entwickeln müssen. Es wäre vergebliche Mühe, auf sie theoretisch einwirken zu wollen oder gar den volkstümlichen Strömungen sich zu widersetzen. Ich bin dahin gekommen, an die erziehliche Bedeutung und Wirksamkeit der Geschichte nicht mehr zu glauben. Jedes Volk, das zum politischen Leben erwacht, fängt immer so an, wie die anderen vor ihm angefangen haben. Durch geschichtliche Analogien läßt sich kein Volk belehren und von Irrtümern zurückhalten; jedes muß eben die Gehversuche selbst machen und natürlich ebenfalls auch dabei Schaden nehmen. Der Schwerpunkt des jüdisch-nationalen Lebens war bisher in Rußland, wo in der Tat unter den Juden nationaler Inhalt zu finden war. Ob es aber in der Zukunft auch so bleiben wird, das ist mir jetzt sehr zweifelhaft geworden. Vor Jahren, als selbst die Optimisten unter uns kaum noch an die Möglichkeit glauben konnten, daß sich die Lage der russischen Juden bessern würde, wurde in der jüdischen Presse eingehend die Frage erörtert, ob die nationale Bewegung unter uns eine natürliche, von innen ausgehende sei, oder bloß die Folge des von außen auf uns geübten Druckes. Ich selbst, ich will es offen gestehen, neigte mich mehr zu der letzteren Ansicht. Und nicht nur das, für mich stand es auch klar, daß unter den russischen Juden, wenn ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung in Rußland geboten würde, der jüdisch-nationale Gedanke dann eine weitgehende Abschwächung erleiden müßte. Es läßt sich darüber nicht einmal Klage führen, denn so traurig die Entnationalisierung unseres Volkes an sich auch ist, die Erfahrung hat doch gelehrt, daß die Juden dieser Versuchung nicht widerstehen können. Gleich bei den ersten Emanzipationsversuchen, die Kaiser Joseph II. in Österreich gemacht hat, äußerte Mendelssohn in einem Briefe an Homberg sein Bedenken darüber. Er ahnte nämlich, daß die wohlwollende Behandlung der Juden schneller zur Assimilation führen würde, als die grausame und unmenschliche der früheren Jahrhunderte. Worin ich mich getäuscht habe, ist nur die Erscheinung, daß ein großer Teil der russischen Juden gar nicht einmal gewartet hat, bis die Gleichberechtigung kommt. Es genügte die einfache Möglichkeit, die Hoffnung auf eine Besserung der Lage, um in kultureller Beziehung eine Umwälzung hervorzurufen. Wie gesagt, gegen eine Volksströmung, die mit elementarer Gewalt auftritt, läßt sich mit Argumenten der Logik nicht ankämpfen. Ich kenne nur einen namhaften Publizisten unter den russischen Juden, der konsequent und sich selbst treu geblieben ist — Achad Haam. Wir sehen aber, wie es ihm in der letzten Zeit ergangen ist, wie alle Parteien, so uneinig sie unter sich auch sein mochten, darin zusammentrafen, diesen Mann aus dem öffentlichen Leben auszuschalten. Das Bedenklichste dabei ist noch, daß das Volk in seinem Rechte ist oder wenigstens zu sein scheint. Es ist tatsächlich keine Kleinigkeit, wenn man in politischer und wirtschaftlicher Knechtschaft lebt und einem die Hoffnung winkt, aus dieser Notlage herauskommen zu können. Das Volk ist sich dessen nicht bewußt, daß dies mit der Vernichtung seines nationalen Lebens verbunden ist, weil dieses Aufhören der nationalen Eigenart nicht auf einmal eintritt, sondern allmählich. Man fürchtet den jähen Tod und das Gift, welches dazu führt; aber man fürchtet nicht das langsam wirkende Gift, zumal wenn es so süß und angenehm ist. Die russischen Juden werden, gleichviel ob langsamer oder rascher, denselben Entwicklungsprozeß durchmachen, den die westeuropäischen Juden im 19. Jahrhundert durchgemacht haben. Und sie werden auch ganz gewiß dieselben Enttäuschungen erleben. In dieser Überzeugung werde ich nicht im mindesten durch das Verhalten der progressiven Elemente zur Judenfrage gestört; der Ruf „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit", der jetzt überall in Rußland erschallt, ändert an den Dingen durchaus nichts. Genau so war der Gang der Ereignisse in allen westeuropäischen Staaten, und als im Völkerfrühling alles so schön und blühend stand, sangen alle das Lied von der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Es ist aber eine bekannte Tatsache, daß fast alle Wortführer der liberalen Bewegung^aus dem Jahre 1848, soweit sie es erlebt haben, später mit der Reaktion und mit dem Antisemitismus geliebäugelt oder gar sich mit ihnen öffentlich verbunden haben. Eine Ausnahme bilden nur jene Staaten, wo die Juden klein an der Zahl waren und sich rasch assimilierten. Und auch da bin ich noch dessen nichtfsicher, ob nicht unter der Asche noch der Judenhaß glimmt. Gewiß, historische Erfahrungen sind weder mathematische noch logische Lehrsätze. Es ist ja nicht unmöglich, daß sich die Dinge in Rußland anders gestalten. Aber das wäre im höchsten Grade unwahrscheinlich. Wir müssen uns doch darauf gefaßt machen daß der Rückschlag früher oder später eintreten wird; bis dahin aber befürchte ich, daß das Judentum als religiöse und nationale Erscheinung gründlich zerstört sein wird. Und was dann? Wir sehen ja, welche schwere Mühe es uns kostet, im Westen Europas den letzten noch vorhandenen Funken vom Judentum anzufachen, und wie wenig Erfolg wir aufzuweisen haben. Sollen wir wenigstens nicht bei Zeiten alles aufbieten, was in unseren Kräften liegt, die nationale Idee im jüdischen Volkein Rußland zu erhalten? Müssen wir denn ruhig zusehen, wie alles der Vernichtung anheimfällt, damit spätere Geschlechter sich abmühen, winzige Reste zu retten und zu erhalten? Und da bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich zu den Zionisten sprechen will. Ich meine nicht damit die zionistische Organisation und deren offizielle Leitung, die an ein bestimmtes und genau umschriebenes Programm gebunden ist. Meine Mahnung ist an die nationalen Elemente im jüdischen Volke gerichtet. Wohl ist es begreiflich, das jetzt, wo uns sozusagen das Dach über dem Kopf brennt, an die Lösung von Kulturaufgaben nicht gedacht werden kann. Aber ich sehe, daß man doch nach und nach zur gemeinsamen Arbeit zurückkehrt, daß die Parteien sich allmählich organisieren und zum Kampf rüsten. Auch die Zionisten in Rußland haben bereits begonnen, sich zu rühren. Zu meinem aufrichtigen Bedauern finde ich aber, daß unsere Gesinnungsgenossen in der letzten Zeit so sehr praktisch geworden sind, so sehr in den Plänen der „Gegenwartsarbeit" stecken, daß sie darüber die Vergangenheit und die Zukunft des jüdischen Volkes vergessen. In den meisten zionistischen Aufrufen wird freilich die praktische Arbeit in Palästina betont. Ich brauche mich wohl nicht gegen den Verdacht zu schützen, als ob mir die praktische Arbeit auf dem Boden unserer geschichtlichen Heimat gleichgültig wäre. Aber ich muß es doch als eine weitgehende Einseitigkeit bezeichnen, wenn sich der Zionismus lediglich auf diesen einen Punkt beschränken sollte. Unsere geschichtliche Heimat ist uns deshalb so teuer, weil sie der Ausgangspunkt unseres nationalen Kulturlebens ist, das nach unserer Überzeugung dort dereinst seinen natürlichen Fortgang finden wird. Das nationale Kulturleben ist aber jedenfalls die Hauptsache. Es kann daher durchaus nicht gebilligt werden, wenn wir alle so „praktisch" wären, und uns eine Kuh in Palästina wichtiger wird, als alle unsere Kulturgüter, die wir in der Diaspora unter den ungünstigsten Bedingungen so sorgsam gepflegt haben. Unser Ideal ist, daß der Zionismus das Niveau unseres nationalen Kulturlebens heben und nicht herabdrücken wird. Nie und nimmer können wir uns damit zufrieden geben, daß die nationale Bewegung sich in einer Reihe von agrarischen oder industriellen Unternehmungen in Palästina auflöst, mögen

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