Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 20 DiE^ELT 5 die Assimilation der Schwarzen trotz der unüberwindlichen Rassenschranke riesig beschleunigt. Und die Emanzipation der Juden in Westeuropa barg die Keime des Absterbens des Judentums in sich. Warum sollte es auch in Rußland nicht der Fall sein? Und wenn dem so sein wird, wenn die letzte Schutzmauer des Judentums fällt, was schützt es dann gegen den Ansturm der Wellen des Lebens? Nun aber ist der Analogieschluß allzu oft ein recht verfehlter. Denn die Prämissen sind nicht immer ganz dieselben. Eine kleine Verschiebung der Voraussetzung, und der Schluß bekommt eine ganz andere Form. Das russische Judentum läßt sich mit dem westeuropäischen der Voremanzipationszeit nicht vergleichen. Das westeuropäische Judentum ist eigentlich mit dem Anfange des verflossenen Jahrhunderts auf dem Punkt angelangt, wo kein Weg mehr weiter führt. Das Judentum hat aus verschiedenen Gründen, die wir hier nicht darlegen können, aufgehört, ein sozialer Faktor zu sein, und ist bloß eine Konfession geworden, d. h. es hat aufgehört, selbständig zu leben. Deshalb konnten die Juden Westeuropas, auch abgesehen davon, daß sie verschwindende Minoritäten bildeten, es nicht zu einem eignen, aus sich selbst heraus entwickelten sozialen Gebilde bringen, das alle Erscheinungen des Lebens beherrschen und umfassen sollte. Sie waren schon atomisiert, ehe sie emanzipiert wurden, die Emanzipation hat den Auflösungsprozeß bloß beschleunigt. Anders liegen die Dinge in Rußland. Dort kommen die Juden, ihr Recht der Emanzipation zu fordern, nicht als Individuen, sondern als ein soziales Ganzes, als ein Volk. Und ihre Forderung der Emanzipation ist nicht bloß die Forderung der Befreiung und Gleichstellung des jüdischen Individuums mit den übrigen Andersgläubigen, sondern die Emanzipation der Juden als Nation, die Gleichstellung des jüdischen Volkes mit den übrigen Völkern des russischen Reiches. Und hierin liegt der große, folgenschwere Unterschied zwischen der gegenwärtigen Bewegung in Rußland und der westeuropäischen in der Zeit der Emanzipation. Unsere Zeit gehört den sozialen Gruppen. Wie!der alte Liberalismus den Staat, den feudalen Waffenstaat atomisierte, sucht der moderne die Gesellschaft in neue Formen umzugießen, aber in soziale Formen. Die russischen Juden haben eine andere Entwicklung durchgemacht als die westeuropäischen, lebten unter ganz anders gearteten Bedingungen, und deshalb sind auch ihre Wege und Hoffnungen verschieden. Der deutsche Jude hat der Emanzipation sein Jch" geopfert, er hat es hingeworfen, um die Grenze seiner Persönlichkeit zu verwischen. Der russische Jude kommt zur Emanzipation mit einem gefesteten nationalen Bewußtsein, mit den Keimen einer neuen jüdischallmenschlichen Kultur, die aus dem historischen Judentum entsproß, mit einer eigenen Volkssprache, mit nationalen Hoffnungen und Träumen. Die" westeuropäischenStaaten, dieihre Judenemanzipierten, waren meistens homogen. Ein einheitliches Frankreich, ein mehr oder weniger einheitliches Deutschland. Die Juden konnten somit keine Mitkämpfer im Kampfe für ihre nationale Individualität haben. In Rußland toseti tausendfach die Stimmen der zahlreichen Völker, die Freiheit und Autonomie fordern. Für sie, für die Polen, die Letten, die Kleinrussen, genügt nicht die einfache Bürgerfreiheit, sie wollen auch Volksfreiheit. Und in diesen Ruf müssen die Juden einstimmen, auch wenn sie es nicht wünschten. Ebenso wie die geschichtlichen Bedingungen des westeuropäischen Judentums zur Assimilation trieben, zwingt die Geschichte die russischen Juden zum Nationalismus. Ein Volkstum kann nur dann untergehen, wenn es eine Minorität bildet in einer großen einheitlichen Masse. Seine Existenz ist. dagegen gesichert, wenn es eine koordinierte Gruppe neben vielen anderen darstellt. Das ist auch der Grund des Erwachens des jüdischen Volkstums in Galizien, das ist die Garantie für den Bestand des jüdischen Volkes in Rußland. Es kann nicht hier meine Aufgabe sein, den Weg der Weiterentwicklung des russischen Judentums präzis zu zeichnen. Aber wir können jetzt schon ersehen, daß die innere historische Notwendigkeit folgende Formel für die jüdische Zukunft bietet: „Emanzipation des jüdischen Volkes und nicht bloß des jüdischen Individuums." Die Emanzipation des Volkes heißt aber Autonomie . . . Es ist in manchen jüdischen Kreisen Rußlands, besonders in den demokratisch-zionistischen, der Gedanke einer jüdischen „Sejm", einer Nationalversammlung, zum Ausdruck gebracht worden. Dieser „Sejm"-Plan erinnert ein wenig an die bekannte Anekdote vom armen Milchträger und seiner Frau, die so lange über den zukünftigen Besitz eines Pferdes und eines Wagens phantasierten, bis der Mann der Frau eine derbe Ohrfeige gab, weil sie trotz seiner dringenden Vorstellungen vom künftigen Wagen „nicht heruntergehen wollte". Es klingt etwas naiv, sich bereits jetzt Rußland als einen Föderativstaat nach dem Muster der von den alten Träumern wie Proudhon usw. vorausgesehenen „Etats unis de TEurope" zu denken und darnach die Politik zu richten. Wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht auf diesen Plan eingehen. Es ist jetzt auch unmöglich, zu bestimmen, in welche Formen die jüdische Emanzipation sich kleiden wird, ob sie eine Modernisierung des Gemeindewesens oder einen vollständigen Umsturz der jüdischen Gesellschaftsform, die Bildung einer neuen, herbeiführen wird, in der die Klassenunterschiede grundlegend sein werden. Aber eines ist klar: das jüdische Leben in Rußland wird nach der Emanzipation eine andere Richtung nehmen als das westeuropäische..... Wir stehen vor einem entscheidenden Augenblicke. Es ist die Stunde, wo Geschichte gemacht, Geschicke gehämmert werden. Von der Duma erwartet das jüdische Volk seine Erlösung vom Joche der unmenschlichen Leiden. Von dem Gerechtigkeitsgefühl und dem Verstände des Landes verlangen sie Freiheit, sie, die der Dünger waren der Revolution, sie, die die ersten waren in der heiligen Schar der Kämpfer. Aber von ihren Vertretern in der Duma erwarten die Juden mehr als das, — sie erwarten, daß sie die Schöpfer werden der neuen Möglichkeiten, daß sie die Wegweiser werden auf neuen Bahnen, daß sie das Leben des Volkes und dessen Zukunft im Auge behalten. Das Judentum ist zu reif und zu tief für eine einfache Emanzipation. Es hat das erlösende Wort gefunden, das Wort muß jetzt in Tat umgesetzt werden., Wer wird es tun? Es ist eine Brücke zu bauen zwischen Gegenwart und Zukunft. Wer wird sie bauen? Ein Volk, das lebt, ist unerschöpflich. Hoffen wir auf die Kraft unseres Volkes! A. Coralnik 2