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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Freiheit notgedrungen und mit halbem Herzen den Juden „emanzipierte". Aber dies geschah nur unter der Bedingung der Assimilation, des Aufgebens jeder nationalen Besonderheit, jeden Eigenlebens. Emanzipieren ist das Vorrecht des Herrn gegenüber dem Sklaven. Die deutschen Juden, die in gewisser Hinsicht den Typus der emanzipierten Judenschaft rein darstellen, haben ihre Emanzipation aus den Händen der monarchistischen, Scheinliberalen Bourgeoisie empfangen. Und welchen Preis bezahlten sie dafür? Sie haben ihre Persönlichkeit ganz aufgegeben, sie haben sich ihres ganzen seelischen Erbes entäußert. Der Vorkämpfer der Emanzipation der deutschen Juden, der vielgefeierte Gabriel Riesser ist auch das Prototyp dieses jüdischen „Emanzipierten", der die Gnade erbittet. Mit welchen Gefühlen muß ein moderner Jude die Worte Riessers lesen, die der Stimmung der meisten deutschen Juden den Ausdruck verleihen: „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken und Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme. Darum'muß ich mich gegen ihn wehren wie gegen einen Mörder. Wohl mir, daß ich es in freier deutscher Rede kann, daß mindestens die Muttersprache, liebreicher als ihre Jünger, sich mütterlich meiner annimmt und mir ihre mächtigen Waffen zu dem Kampf nicht versagt." Diese Worte, wenn auch von einer inneren Wärme durchglüht, beleidigen unser nationales Gefühl, verletzen unsere individualisierte Empfindung. Jedes Wort, das hier zum Schutze der jüdischen Rechte gesprochen wurde, klingt nur wie eine Absage an das ganze Judentum, ein Selbstmord des Volkstums. Und wenn Riesser sagte : „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm allerorten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist, willig werden wir ihm alles opfern, — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht, denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird!" — da hören wir in diesen Worten die Töne des Requiems, die Todestöne eines röchelnden Volkes. Ein Volk, dessen Vertreter so sprechen konnte, war kein Volk mehr. Juden, deren ganzer Stolz darin bestand, restlos im Deutschtum aufzugehen, waren vielleicht Juden aus Trägheit, Angehörige der mosaischen Konfession, Bibelgläubige, — für das jüdische Volk hatten sie keinen Wert. Sie waren tote Glieder. Die weitere Entwicklung der deutschen Judenheit hat bewiesen, daß es auf dem von Gabriel Riesser gezeichneten Wege für die jüdischen Persönlichkeiten keinen Raum mehr gab. Die Grundlage der Emanzipation der Juden in Deutschland war ihre „Entjudung", d. h. sie wurden in den Staatsverband als „Bürger" aufgenommen, mit der Fiktion, daß sie Deutsche mosaischer Konfession sind. Aber eine Fiktion kann nie ein Lebensprinzip werden. Und das ganze deutsche Judentum von heute zeigt die Folgeerscheinungen dieser Fiktion auf: Halbheit nach allen Seiten. Kein Halt und kein Mut des offenen Auftretens, Bekennens. Der Deutsche, aus dessen Hand der Jude die „Emanzipation" empfing, ist sich der Motive und der Voraussetzungen seiner Handlung bewußt und tritt mit unverhohlenem Hasse jeder Äußerung des jüdischen Volksgefühls, des Judentums überhaupt entgegen. Der Jude begnügt sich in den meisten Fällen mit der „Duldung" seitens des Staates und scheut das Tageslicht, sobald seine jüdische Persönlichkeit ins Spiel kommt. Und dies ist nicht bloß in Deutschland der Fall. Haben denn in Frankreich die Herren Bischoffsheim, Fould, Reinach und all die jüdischen Politiker und Männer der Öffentlichkeit je sich als Juden, Vertreter einer Nation bekannt? Es ist auch erklärlich. Sie wurden nicht als eine Nation emanzipiert. Die Fiktion ihrer Entnationalisierung war es allein, die ihnen zur Erlangung der bürgerlicher Freiheiten verhalf. Im Moment, wo sie diese Voraussetzung aufheben, fällt auch das ganze rechtliche Ge bäude. Der westeuropäische Jude ist nicht als Angehöriger einer eigenen Nation emanzipiert worden. Du jüdische Nationalität wurde geleugnet, — und für die Juden Westeuropas ist es nur eine Frage der Zeil und der Weiterentwicklung der Gesellschaft, wie langsie dem Auflösungsprozesse werden Widerstand leistei können. Das ist auch das innere Motiv jener Scheu der westeuropäischen Juden, die sich zum Nationalgedanken be kannt haben, also der Zionisten, als „antipatriotisch" verschrieen zu werden. Und wenn ein Prof. Geiger, ein unbedeutender Handlanger der Wissenschaft, dessen Verdienste in der Welt des Geistes eigentlich nur auf den Gebiete der Gesinnungstüchtigkeit und bourgeoise Biedermeierei liegen, gegen den „antipatriotischen" Geis des Zionismus alle Elemente anruft, so finden dk Theoretiker des Zionismus in Westeuropa selten den Mut. die ganze Frage der jüdischen Existenz aufzurollen, auihrem Zionismus sich eine ganze Lebensanschauum; aufzubauen. Nun stehen wir wieder vor einem Wendepunkte in¬ Leben des Judentums. Die gewaltige Majorität der Juden — man könnte beinahe sagen, das Judentum —, das in Rußland lebt, sieht täglich und stündlich der Er Weiterung eines sehnlichsten Wunsches, — der Gewährun.: der Gleichberechtigung entgegen. Es ist dies nicht blol ein heißes Sehnen des Hungrigen nach Brot, des Müder und Geplagten nach Ruhe, sondern auch des innerer; Menschen nach Freiheit. Die russischen Juden warer bisher „Knechte der Knechte", sie wollen endlich „Frei unter Freien" sein. Und diese Emanzipation der russischer. Juden wäre nicht bloß ein Sieg und ein Gewinn für sn selbst. Das gesamte Judentum würde endlich frei aufseufzen. Denn der Akt der Befreiung der russische!' Juden wäre der Abschluß der unaufhörlichen Treibjagd auf das Judentum, wäre eine Rehabilitation der jüdische; Ehre. Solange ein Jude als Jude unterdrückt wird, stehen alle Juden der Welt unter dem Drucke der Ungleichheit, sind alle gewissermaßen mit einem Kains mal gezeichnet. . . . Aber die Emanzipation der Juderist die Auflösung des Judentums, — sagen manch Schwarzseher, die wie Jesaias und Jeremias die politische Prognose des jüdischen Volkes stellen und in der Zukunft nur Tod und Vergehen und schwere W7olken sehen- Und vielleicht haben sie nicht Unrecht. Sie Schließer per analogiam. Jeder Emanzipationsakt hat bisher nur die Assimilation zur Folge gehabt. Das ist beinahe eine unerschütterliche Tatsache. Die emanzipierten Sklaven des alten Rom wurden nicht wieder Griechen oder Libyer, schlössen sich nicht zusammen, bildeten nicht eine gefestigte Gruppe, sondern bestrebten sich, Römer zu werden, ihren gewesenen Herrn in allem zu ähneln. Sie wurden „libert.ini". Die Emanzipation der Neger in Amerika hai

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