Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 18. Mai 1906 ]mir6 t'Wn -P\Wd No. 20. Zioniffen, gedenket des Schekels! Agitieret für die Schekelfage &*GttGtt&4&* 27«, 28^ 29, IllCli! »N3fr«fi<3^afr« DIE EMANZIPATION rroch ist es nicht Tatsache. Aber jede Stunde jV bringt uns der Entscheidung näher. In dem Taurischen Palast an der Newa wird nach öligen Tagen die große Judenfrage aufgerollt werden, i dem Saale, wo die Spukgestalten von Tyrannen und i-lutsaugern den flammenden Reden des langverhaltenen Masses und Zornes des gewaltigen russischen Reiches tischen, wird die martervolle Vision des jüdischen : Icnds, des unerhörten und übermenschlichen Leidens nd Hoffens auferstehen. Die nächsten Tage werden ' is zeigen, ob die Duma von langer Dauer sein wird, sie nicht bloß ein Präludium war zu einem blutigen, , ausamen, menschenverderbenden Bürgerkrieg. Die nissische Regierung,, die sich noch auf ihre Bajonette fitzt, wird vielleicht vor der zweiten Möglichkeit nicht irückschrecken. In der Geschichte der Regierungsreiche wäre das keine vereinzelte Erscheinung. Hat cht Österreich seine 48er Konstitution nachher enteilt, verstümmelt, zu einem Schatten verwandelt? Und ar es nicht Preußen, das die Frankfurter Nationalvermmlung mit Bajonetten auseinandertrieb? Und es hat ^sen Regierungen nicht geschadet. Österreich ist bei- ■ihe ein absolutistischer Staat, der nun erst nach langen, 'iigen Jahren des fruchtlosen Ringens sich entwickeln, ")dernisieren kann. Oder ist nicht Preußen im Gründe )ch unverhohlen absolutistisch? Die nächsten Tage werden uns die Entwicklungsnie des neuen Rußland zeigen. Eines aber ist klar: i den Bahnen Preußens und Österreichs wird sich 'ußland nicht bewegen. Dem Russen fehlt der KoniTvativismus des Deutschen, diese geistige Schwere, Jiese sentimentale Hingebung an alte Formen, dieser Kultus 4er Geschichte. In Deutschland hat es nie Basarows gegeben, man kannte dort nie den Typus des konsequenten Zerstörers, Verneiners, des „Nihilisten". Deutschlands führende Geister in der Zeit der deutschen Freiheitskämpfe waren oft Spießbürger der Freiheit. Viele Denker Deutschlands liebäugelten mit dem Konservativismus. Die paar wirklich freien Männer Deutschlands, die es blutig ernst mit der Freiheit meinten, denen jede Schranke der Persönlichkeit, jede künstliche gesellschaftliche Ordnung unerträglich war, haben in Deutschland keinen Platz gefunden. Und sie waren meistens Juden: Heine, Börne, Lassalle . . . Der Deutsche ist meistens ein Sklave des Wortes, der Oberlieferung. Der Slave ist viel individualistischer. Der Slave ist geknechtet, aber er hat keinen Respekt vor seinen Ketten. Und auf diese innere Unfreiheit kommt es vor allem an. Der russische Bauer wird sie eher überwinden als der deutsche Michel. Die russische Freiheitsbewegung war deshalb auch viel anders, viel wilder, ungestümer, aber auch grandioser gestaltet als die westeuropäische oder vielmehr als die deutsche. Der russische Freiheitskämpfer war kein Spießbürger, die russische Opposition war nicht „Seiner Majestät treueste Opposition". . . Andere Voraussetzungen liegen dem russischen Freiheitskampfe zugrunde. Es spielen auch Motive mit, von denen sich die westeuropäischen Liberalen seligen Andenkens nichts träumen ließen. Zwischen dem 48er Jahre und der Revolution von 1906 liegt die Kluft der Entwertung aller alten Werte, liegt der Sozialismus. Diese Voraussetzungen sind es auch, die die Judenfrage in Rußland in einem ganz anderen Lichte erscheinen lassen, als es überall der Fall war. In Westeuropa war es die Bourgeoisie, die im Namen der abstrakten! <-'r