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Die Welt · 1906-05-11 · 19 (11.5.1906) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 19 DIE] Damit ich nicht umfalle, halte ich mich mit beiden Händen am Rauchfange fest. Ich blicke um mich mit trunkenen Augen. Der Himmel oben und die Erde unten dehnen sich vor mir in ihrer kreisrunden Gestalt. In der Mitte stehe ich, der alles Schauende, alles Erkennende, alles Erfassende. „Ha! Ha!" rufe ich laut, und meine Stimme breitet sich weit in der Luft. Ich fühle mich als das Überlegene, als das Höhere über allem, was mich umkreist. In meiner Brust drängt es sich und schwillt es, in meinem Hirn arbeitet sich ein vermessener Gedanke durch: Ich bin der Erdensohn, der aus dem Innern der Erde entsprossen ist, um später ihr Herrscher zu werden. gE LT ~- 15 Ich bin das Höchste und Erhabenste im All. Ich bin der, der die Hand ausstreckt und befiehlt der Sonne ihren Aufgang, ich bin — ich bin das Seiende. „Ha! Ha! . . Plötzlich glitt ich aus und stürzte fast vom Dache hinunter. Noch klopfen mir die Pulse, und ich tappe schon herum mit den Händen, steige beschämt hinunter und stehle mich wie eine aufgeschreckte Maus in mein Kämmerlein. Es überflutet mich eine ganze Sturzwelle von Scham, Demut und Selbstzerknirschung. Und als ich in meinem Bette lag und einzuschlafen begann, stieg unwillkürlich aus meiner Erinnerung ein altes Gebet hervor: „Und nichtig ist unsere Kraft und klein unser Heldenmut, was ist da zu reden, was hätten wir dir zu sagen, womit könnten wir uns rechtfertigen? . . .w C ooooooooooooooo ooo oo rr NOTIZEN O O OOO ooooooooooooooo o Von der jüdischen Emigration Krankheiten unter den Kindern der Auswanderer Aus New York wird dem Korrespondenzblatt des „Centraibureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten" geschrieben: In den letzten Monaten sind in der Einwandererstation Ellis Island zahlreiche Fälle von Masern vorgekommen; 90°|o der kranken Kinder waren jüdische. Die große Anzahl der Erkrankungen unter den jüdischen Kindern wird vielfach darauf zurückgeführt, daß die jüdischen Auswanderer weniger wie andere auf das Deck des Schiffes gehen, — auch nicht bei gutem Wetter, — sondern sich meistens im Zwischendeck in der schlechten Luft dort aufhalten (wahrscheinlich, weil sie infolge der schlechten Behandlung, .die sie oft erfahren, in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt sind. Anm. d. Red.). Dadurch werden sie und namentlich ihre Kinder für Krankheiten empfänglicher, und ferner wird dadurch den Schiffsbediensteten die Möglichkeit genommen, die Schlafstätten und Zwischendeckräume gehörig zu lüften und zu reinigen. Wir machen alle jüdischen Emigranten darauf aufmerksam, daß sie im Interesse ihrer Gesundheit möglichst viel mit ihren Kindern auf das Verdeck des Schiffes gehen sollten. So vermeiden sie am besten Krankheiten, die ihnen und ihren Familien außerordentlich gefährlich werden können. Wenn die Kinder krank in Ellis Island ankommen, so werden sie sofort ins Hospital gebracht, und die Eltern werden in Ellis Island zurückgehalten, bis die Kinder untersucht sind und bis festgestellt ist, ob die Krankheit, an der sie leiden,, zu denen gehört, die von der Landung ausschließen oder nicht. ' Im ersteren Falle muß das Kind mit einem Erwachsenen zurück. Wenn aber die Landung auch erlaubt wird, so entstehen doch so schwere Unannehmlichkeiten und Kosten, die, ganz abgesehen von den traurigen Folgen der Krankheit selbst, unter Umständen ganze Familien ruinieren. Zur Charakteristik Wittes „Das Leben" bringt ein Interview seines Korrespondenten mit F. F. Kokoschkin, dem in Moskau gewählten Mitgliede der Duma, wodurch noch einmal das Verhältnis des Exministerpräsidenten Witte zur Judenfrage beleuchtet wird. Kokoschkin sagte, das Schicksal der Judenfrage in der Duma sei völlig unklar, hauptsächlich, weil die Administration alles anwenden werde, damit die Judenfrage nicht auf die Tagesordnung käme. Die Judenfrage sei auch „die schwache Seite" des Grafen Witte gewesen. „Ich war", erzählte Kokoschkin, „im vorigen Jahre bei Graf Witte eingeladen als einer der Repräsentanten der „Gesellschaft" und verteidigte dort die Notwendigkeit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Plötzlich unterbricht mich Witte: Nein, das kann nicht sein — hier stoßen wir auf die Judenfrage ..." „Wieso?" fragten wir alle erstaunt und wiederholten nochmals unsere Argumentation, da wir glaubten, Witte habe aus Zerstreutheit nicht zugehört. „Nein", antwortete er, „ich hab's verstanden. Aber ich sagte doch: das ist die Judenfrage ... Da werden wir nicht nur das Häuflein der Reichen haben, sondern das ganze jüdische Proletariat. „Und wenn dem auch so ist, was ist zu befürchten?" erwiderten wir. „In Rußland gibt es doch nur 5 Millionen Juden und mehr als 100 Millionen Russen!" „Ja, ja" unterbrach uns Witte, „aber es darf nicht sein!" Ein getaufter Jude als antisemitischer Abgeordnetenkandidat Die „Nationalzeitung" berichtet: Ein getaufter Jude als antisemitischer Kandidat ist nicht nur eine Wiener Spezialität, wo wir mit. dem getauften Dr. Porzer beglückt sind. Die ungarischen Wahlen haben ebenfalls ein solches „Assimilationsfrüchtel" an die Oberfläche geschwemmt. Der Mann heißt Dr. Bela Laudauer und hat sich erst vor einigen Jahren getauft, um sich die Beamtenkarriere zu erleichtern. Er begann diese als Staatsbeamter in Sarajevo, wurde später Unternotär des Honter Komitates und hat es nun zum Abgeordnetenkandidaten der antisemitischen Volkspartei gebracht. Er hat die Absicht, Csaktornya mit seiner Landesvaterschaft zu beglücken. Die Csaktornyaer Wähler scheinen aber noch nicht allen Sinn für Moral und guten Geschmack verloren zu haben, denn als der jüdische Antisemit behufs Abhaltung seiner Kandidatenrede in Csaktornya erschien, wurde er mit Steinwürfen und Eiergeschossen empfangen, so daß er unverrichteter Dinge abziehen und sich zu seinen „heiligen Vätern" versammeln mußte. Ob Herr Dr. Landauer in der vom antisemitischen „Alkotmany" publizierten Statistik der jüdischen Kandidaten enthalten ist, wissen wir nicht. Ein jüdisches Museum in Prag In Prag schreitet man jetzt an die Gründung eines jüdischen Museums, dem die Kultusgemeinde provisorische Lokalitäten im jüdischen Rathause zur Verfügung gestellt hat. Viele Andenken jüdischer Kultur und jüdischen Kunstsinnes sind bereits durch die unnachsichtlich durchgeführte Assanierung der Judenstadt in Verlust geraten, weshalb diese neue Gründung um so freudiger zu begrüßen ist. Der Kommission gehören unter anderem auch der Dozent der Archäologie an der deutschen Universität Dr. Arthur Mahler (Mitglied des zionistischen A.-C.) und Magistratsrat Dr. August Stein, der Leiter der Assanierungsarbeiten und ein bekannter Kenner der alten Judenstadt an. Es ist zu erhoffen, daß durch diese Neugründung, die in Prag bereits seit langem entbehrt wurde, dasjenige, was noch zu retten ist, der Nachwelt erhalten bleiben wird. Gouverneur und Oberrichter Juden Aus Hongkong meldet der „Hongkong Telegraph" von einer kleinen „jüdischen" Episode: Bekanntlich ist der Gouverneur von Hongkong Matthew Nathan (der früher Gouverneur der Goldküste war) Jude. Nathan ernannte zum Oberrichter der Provinz einen Juden J. R. Michael. Als nun der neuernannte Richter den vorgeschriebenen Eid leisten mußte, setzte er nach jüdischem Ritus den Hut auf und wotite die Bibel küssen, bemerkte aber, daß er statt der Bibel ein neues Testament in Händen hatte. Da im Saale keine Bibel zur Stelle war, wurde die Zeremonie unterbrochen und Sir Michael selbst holte sich eine Bibel, worauf die Eidesleistung erfolgte.

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