Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-05-11 · 19 (11.5.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316206--48118-3343032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AUF DEM DACHE Aus dem Zyklus: „SOMMERWOHNUNG4« von H. D. Naumberg Aus dem Hebräischen In derKammerwafs mir enge geworden,und ich kletterte durch's Fenster auf das Dach des unteren Stockes, das viel breiter war als das des zweiten, wo mein Kämmerlein lag. . . . Das Dach ist fast horizontal. Ich lege mich hin und schau' in die weite Fläche vor mir. . . . Ein Halbkreis ist die vor mir ausgebreitete Fläche in einem tiefdunklen Blau. Am Rande steht ein Wäldchen, das jetzt zwerghaft klein erscheint. Hinter dem Wäldchen dehnt und hebt sich die Himmelsdecke, dicht besät mit kleinen und großen Sternen, funkelnden und matt leuchtenden. Hinter dem Wäldchen zittert ein Lichttröpfchen, das sich oft im Zweigegewirr verbirgt und verliert. Es ist schwer zu entscheiden, woher das kommt, ob von einem zitternden Stern am Himmel oder von dem erleuchteten Fenster einer Villa, die hinter den Bäumen versteckt liegt. Der Himmel über mir ist hoch und tief. Deutlich sehe ich die Milchstraße mit all ihren Nebenflüssen, ihre Grenzen aber kann ich nicht sehen. Die weiße Helligkeit wird, je näher dem Rande, immer dunkler und dunkler, um schließlich mit der schwarzen Himmelsdecke in Eins zusammenzufließen. Ich liege und schaue den Himmel an, und mein Herz erfaßt ein Gefühl der Erniedrigung, das bedrückende Gefühl meiner ewigen- Knechtschaft dieser großen Welt, dieser Welt zahlloser Welten gegenüber. . . . Ich leide schmerzlich, daß ich mich nicht verbergen und verstecken kann, irgendwo, wo mich diese ungeheure Welt, die meinen Stolz knickt und die mich und alles in mir verneint, nicht sehen und finden könnte. Gibt es wirklich keine Stätte, wo ich mit mir allein sein, wo ich ungestört in mein Selbst hinabtauchen könnte? Ein großes Gefängnis scheint mir jetzt die Welt zu sein, wo ich als Gefangener meine Jahre dahinwälze. Ich schließe halb die Lider. Die Fläche vor meinen Augen und die Himmelsdecke fließen zu einem unklaren Bilde zusammen. Es scheint mir ein ungeheurer weitgeöffneter Rachen zu sein, der alle Augenblicke zuzuklappen droht. Unmerklich überfällt mich der Schlaf und im Halbschlummer schwebt mir die Vision vor, daß dort außerhalb der Hirrimels- und Erdgrenzen ein fürchterlich riesiges Ungeheuer lagert, das den Rachen öffnet, darin wir krabbeln und kriechen, und daß ein kleiner Reiz genügt, daß wir zerquetscht werden zwischen den zusammenfallenden Himmels- und Erdkinnbacken.; Ich will mich von dieser schrecklichen Vision befreien und wende mich auf die andere Seite. Diese Bewegung mahnt mich, daß ich nicht im Bette bin, daß ich auf einem harten Dache liege. Ich fühle eine Schwere in den Gliedern. Ich denke daran, wie töricht es ist, sich zu bewegen, Wünsche in Tat umzusetzen. Denn wahrlich, wessen Wille, wessen Sache ist es, ob ein winziges Geschöpf, das jetzt müde auf einem Dache, auf einem der unzähligen im Weltall verstoßenen kleinen Planeten liegt, ob das sich bewegt von einer Seite auf die andere, ob das auf dem Dache oder im Bette schläft. Mit diesen Gedanken schlafe ich ein. Aber das Zwitschern eines Vögelchens, das oben im zweiten Stocke sein Nest hat, weckt mich bald. Dieses Gezwitscher ist mir nicht fremd. Alle Morgen, noch ehe die Sonne aufgeht, weckt es mich aus dem Schlafe. Ich kenne das Vögelchen und trage ihm schon längst meinen Haß nach. Freilich, in der ersten Zeit, als ich hierher kam, freute ich mich dieses Vögleins und hörte mit Ergötzen seinen Morgengruß. Aber dieser Gesang verwandelte sich später für mich in läppische unzusammenhängende Töne, die mich nur im Schlummer störten. Ich kannte schon bis zum Überdruß die zwei, drei sich verschmelzenden Triller, die das Vöglein zahllose Male wiederholte, von einem Rufe zum zweiten, vom zweiten zum dritten, vom dritten wieder zum ersten übergehend. , . , . Und das klang so zudringlich, so selbstsicher, so ganz ohne die mindeste Bescheidenheit, so herausfordernd, als wäre es ein Gesangsvortrag, den noch kein Ohr vernommen hätte. So wurde mir allmählich das Vöglein und sein Gezwitscher ein Greuel. Morgens, wenn es mich vom Schlafe weckte und ich es von seinem Neste zu den Bäumen fliegen sah, verspürte ich eine wahre Mordslust, ihm nachzujagen, es an dem Gurgelchen zu packen und zu erdrosseln. Ich öffnete dann grimmig die Augen, entsann'mich aber bald, daß ich keine Flügel habe, daß ich müde und schlaftrunken bin; erst bei Sonnenaufgang pflegte ich einzuschlafen. Jetzt aber, auf dem Dache liegend, ergötzte ich mich an dem Gezwitscher. Ich öffnete, die Augen. Das reinste Licht huschte über mein Gesicht und umhüllte mich. Das Vöglein zwitscherte, flog vom Dache zu den Bäumen und zurück zu seinem Nest, Meine Müdigkeit ließ allmählich nach. Ich erhob mich, reckte die Glieder und schaute mich um. Der Himmel ist weiß, weiß und zart wie ein Gewand von Seide. Die meisten Sterne sind schon verschwunden, die wenige, die noch zu sehen sind, zittern und verlieren sich wie aufgesogen von den Tiefen deß Himmelsgrundes. Ostwärts sehe ich eine leichte Wolke flimmern, rosarot an den Rändern; sie weht vorbei, steigt nieder und verschwindet. Der zweite Stock raubt meinen Blicken einen großen Teil der Himmelsfläche, verhindert das Auge, den Sonnenaufgang ganz mit anzusehen. Das Vöglein zwitschert, ruft, fliegt wieder vom Nest zu den Bäurrien. Von Osten her kommt das Licht gezogen, mehrt und häuft sich. Es schlägt mir ins Gesicht eine ganze Flut von Schein, -voir Milde und Gnade. Mir wird so leicht, ich fühle eine neue Kraft in mir hervorquellen. Die ganze Welt dünkt mir jetzt ein schlafendes Kind zu sein, das im Tfaumi lächelt und bald erwachen wird. Ich finde eine Stelle die es mir leichter macht, das Dach des zweiten Stockes zu erklettern. Und herrlich war nun der Anblick, der sich meinen Blicken darbot. Der Osten ist ganz in Rot gehüllt, und diese Röte ergießt sich nach allen Himmelsstrichen, alleweile, allerwärts neue Farbentöne hinzutuend, bis auch das Rot in alle möglichen Nuancen übergeht. Die gekerbten Wolken sind von Licht umsäumt; ruhig und still mit majestätischer Würde ziehen sie der Sonne entgegen, und ich sehe schon die Stelle, wo die Sonne auftauchen wird. Das Dach des anderen Stockes ist sehr schief.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.