Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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16 DIE ELT No. 19 * *fr>' äffiL.** » V ifl - jt- < ff SÜ^' f.; «5 - ipift:&. PtWIr MSIMI §|l§f ■ f?? V * t*y- £ j ■ * ' •> y< > >'v V« / 1 # * V t. c ooooooooo s^sr SSrSL NACHRICHTEN 152^5 ooooooooo Bedeutsame Niederlage der Wiener Antisemiten Aus Wien wird telegraphisch gemeldet: Die heutigen Gemeinderatswahlen des vierten Wahlkörpers hatte ein überraschendes Ergebnis; die Sozialdemokraten eroberten vier Sitze, darunter Luegers Reichsratswahlbezirk Margarethen; sie werden nunmehr sieben Mann stark in den Wiener Gemeinderat einziehen. Außer Margarethen eroberten die Sozialdemokraten die Bezirke Meidling, Rudolfsheim und Brigittenau. Die sozialdemokratischen Stimmen sind riesig angewachsen. Eine Demonstration gegen den Wiener Kultusvorstand Das „Wiener Montags-Journal" berichtet: Alle moralischen Einwirkungen auf Ritter von Taussig sind erfolglos geblieben, und nach wie vor sitzt der Retter und Geldgeber des Zaren in der Repräsentanz der jüdischen Kultusgemeinde. Er scheint also zu den Leuten zu gehören, die nur physischen Einwirkungen gehorchen, mit anderen Worten, die man dort hinausjagen muß, wo sie nicht hingehören. Von dieser Notwendigkeit überzeugt, zogen gestern vormittag etwa zweihundert Mitglieder zionistischer und jüdischer Korporationen in die Seitenstettengasse, um Herrn von Tanssig aus dem von ihm geschändeten Tempel zu jagen. Die erbitterten Leute waren der Meinung, es sei eine Sitzung des Kultusvorstandes, und sie kämen gerade recht, um Herrn von Taussig ihre Meinung zu sagen. Sie wollten auch in den Sitzungssaal eindringen, doch der Präses Dr. Stern ließ sich in Unterhandlungen ein und empfing eine Abordnung der Demonstranten (Herrn Dr. E. M. Zweig und Dr. Hugo Zuckermann). Sie stellten die Forderung auf, Herr von Taussig möge veranlaßt werden, sein Mandat in der Kultusgemeinde niederzulegen und es möge das allgemeine gleiche Wahlrecht eingeführt werden. Dr. Stern entgegnete, er hätte keine Ingerenz auf Taussig, und eine Wahlreform sei unmöglich. Da Taussig nicht im Hause war, ließen sich die Leute beruhigen und zogen ab. Vielleicht ist fhm diese Sprache deutlich genug. Es könnte sonst der Fall eintreten, daß man ihn besser zu finden weiß, und dann wird kein -Kultuspräsident da sein, der mit salbungsvollen Worten die Erregung eindämmt. Noch nach dem alten System In Sdiitomir fand dieser Tage der Prozeß gegen die Bauern statt, die seinerzeit das ungeheuerliche Verbrechen begangen haben, 10 Juden, die auf der Heimfahrt nach Schitomir begriffen waren, zu erschlagen. Von den 11 Beschuldigten waren nur 2 geständig. Einer der Angeklagten sucht sich damit zu entlasten, daß er erklärt, die Erschlagenen^ hätten dem „Selbstschutz" angehört. In einem Wagen habe man einen Revolver gefunden, den ein Bauer abgeschossen habe. Darauf sei plötzlich gerufen worden: „Die Juden schießen auf uns". Die Bauern hätten sich sofort auf die Juden gestürzt. Das Urteil lautete: Für 2 Angeklagte auf — 8 Monate Kerker, für einen auf /;—. 4 Monate Kerker, die übrigen wurden freigesprochen.' Ein antisemitischer Exzeß in Galizien Aus dem~ galizischen Städtchen Biecz wird gemeldet, daß dort am zweiten Osterfeiertag Judenexzesse ausbrachen, deren Epilog sich am 6. Mar vor dem Strafgericht abspielen wird. Die dortige Feuerwehr erhielt vom Abgeordneten P. Pastor als Gescherik ein Faß Bier. In betrunkenem Zustande wurde disputiert, daß wahrscheinlich die dortigen Juden die vor einigen Jahren in Biecz ausgebrochene Feuersbrunst verursacht hatten. Während des Gelages schien es einem Feuerwehrmann, daß in einem jüdischen Geschäft Feuer ausgebrochen sei. Dies erwies sich jedoch als Einbildung» worauf die garize Gruppe der jüdischen Häuser durchsucht wurde, ob flirgends Feuer ausgebrochen sei. Alsdie Durchsuchung sich als erfolglos erwies, wollten die Feuerwehrleute nochmals die Wohnungen durchsuchen; die Juden ließen sich jedoch diese Schikanen nicht gefallen, worauf die betrunkenen Feuerwehrleute mit den Rufen: „Schlafet die Juden, sie wollen uns Feuer legen!" mit Äxten die Judenhäuser attackierten und großen Schaden anrichteten. Die erschrockenen Juden telegraphierten um militärische Assistenz* Einige Feuerwehrleute wurden wegen öffentlicher Gewalttätigkeit angeklagt. , Auswanderung aus Krementschug Krementschug, 5.. Mai. (Meldung der Petersburger Telegraphenagentur.) Die Israeliten dieser Gegend wandern in Masse nach Amerika und Palästina aus. (Die Meldung von der Auswanderung nach Palästina bezieht sich wohl auf die von uns bereits mitgeteilte Tatsache, daß eine Gesellschaft zur Begründung einer Siedlung in Palästina unter Leitung des Rabbiners Freidenberg begründet wurde. Anm. d. Red.) Prinz Hohenlohe und Graf Potocki Eine bemerkenswerte Nachricht geht durch die österreichische Presse: „Nar. listy" heben im Hinblicke auf die Berufung des Statthalters von Galizien nach Wien hervor, daß zwischen dem jetzigen Ministerpräsidenten Hohenlohe und dem Grafen Potocki ein gespanntes Verhältnis bestehe, das aus der Zeit datiert, da Hohenlohe Landespräsident der Bukowina war. Anlaß hierzu gaben damals die Meinungsverschiedenheiten, welche dem Standpunkte des Prinzen Hohenlohe in der zionistischen Bewegung entsprangen, wie auch dessen Verhältnis zu den einzelnen Nationalitäten der Bukowina. Auch ein Algeciraskonflikt Das Bureau des „Hilfsvereins deutscher Juden" sendet uns folgende Mitteilung: Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat, nachdem seine von den jüdischen Organisationen Englands, Amerikas und Österreichs und hervorragenden Einzelpersönlichkeiten anderer Länder unterstützten Anregungen zur Besserstellung der "marokkanischen Juden einen erfreulichen Erfolg gehabt haben, Veranlassung genommen, dem Reichskanzler Fürsten von Bülow, dem Botschafter Herrn von Radowitz, Herrn von White und dem Herzog von Almodovar für die Förderung seiner Bestrebungen gelegentlich der Marokkokonferenz seinen Dank zu übermitteln. Den Lesern jüdischer Blätter wird es gewiß aufgefallen sein, daß ein seltsamer Konkurrenzstreit um die Siegespalme von Marokko zwischen „Alliance" und „Hilfsverein" ausgebrochen ist, der auch durch Berichtigungen und Communiques der „Alliance" in die allgemeine Presse hinübergetragen wurde. Wir wollen nicht untersuchen, auf wessen Seite das größere Verdienst liegt. Soviel ist sicher, daß das in Algeciras erzielte tatsächliche Resultat zuviel Geräusch in der Öffentlichkeit nicht verträgt 'und daß es keinen guten Eindruck auf die Diplomaten und Staatsmänner machen wird, wenn sie aus den doppelten Korrespondenzen auf Rivalitäten zwischen den jüdischen Hilfsorganisationen aufmerksam werden. Boykottierung Deutschlands als Antwort auf die Ausweisungen In Sosnowice haben in den letzten Tagen verschiedene Versammlungen stattgefunden,; in.ndejr.zuY den Ausweisungen von russischen Staatsangehörigen aus Berlin Stellung genommen wurde. Es wurde beschlossen, die Maßnahmen mit einem; Boykott deutscher Exporteure zu beantworten und die polnischen Werke zur Entlassung der deutschen Beamten innerhalb drei. Monate aufzufordern. Diese Versammlungen waren freilich nicht allzu stark besucht; sie werden aber als Vorläufer für eine allgemeine große Versammlung angesehen, die in den nächsten Tagen stattfinden soll. Auch zu dem Grenzverkehr mit den; benachbarten deutschen Städten Kattowitz etc. will man Stellungnehmen. Die Beschlüsse sollen den Interessenten an anderen polnischen Städtern zugängig , gemacht werden, damit diese sichdem Vorgehen anschließen. * Berichtigung: In dem Artikel: „Ooetheniana" in der letzteil Nummer der „Welt" soll: es an einer Stelle statt mit' dem Boden „vernagelten" — „verwurzelten" heißer). - [ Die Gesamtsumme der Spenden in dieser Nummer beträgt Mark i70ä;8i. v :