Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316206--48113-3343027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Baalbek 1× ep/1044063
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
von den Maroniten, die sich heute einer weitgehenden Autonomie erfreuen. Der Patriarch der Maroniten, ihr geistliches und weltliches Oberhaupt, ist der einzige von den vielen in der Türkei befindlichen Patriarchen, der keinen Ferman (Bestallungsurkunde) des Sultans annimmt; auf seine Wahl nehmen die türkischen Behörden keinerlei Einfluß. Im Gegensatze zu den anderen Oberhäuptern der palästinensischen Kirchen hat der Patriarch der Maroniten auch keinen Agenten, Vekil, bei der Pforte akkreditiert. Die Wahl des Patriarchen erfolgt durch den Beschluß der maronitischen Bischöfe und wird sodann vom Papste bestätigt. Dagegen unterhält der Patriarch in Paris einen negotiorum gestor nnd unterhält außerdem Beziehungen zu dem französischen Generalkonsul in Beyrut seit jenem Schutzbriefe Ludwigs XIV. an die maronitische Nation vom 28. April 1699. Elias Hoyek war in Begleitung der maronitischen Bischöfe von Baalbek, Sidon und Arka als erster maronitischer Patriarch auch in Konstantinopel. Der Besuch geschah sicher mit Zustimmung der französischen Diplomatie und des Papstes.^ Die maronitische Gesandtschaft überbrachte dabei ein Handschreiben des Papstes an den Sultan, das Aufsehen erregte, zumal man sich an die historischen Kämpfe zwischen Halbmond und Kreuz erinnerte. Das Handschreiben hatte folgenden Wortlaut: „Das Datum meines Briefes (31. August 1905) fällt zusammen mit der Wiederkehr des Tages Ihrer Thronbesteigung, eines glücklichen Tages für alle Untertanen Eurer Kaiserlichen Majestät, und ich beeile mich, Ihnen meine Glückwünsche hierzu, sowie daß die göttliche Vorsehung Sie vor großer Gefahr bewahrte, auszusprechen. Ich ergreife die Gelegenheit, um Ihrem kaiserlichen Wohlwollen die iMaroniten, Ihre treuen Untertanen, welche stets der Gegenstand ihres kaiserlichen Wohlwollens sind, das Sie auf alle Ihre Untertanen ohne. Unterschied der Religion und Rasse ausdehnen, zu empfehlen. Ich verrichte Gebete für die Verlängerung der kostbaren Page Eurer Kaiserlichen Majestät und für Ihr Glück". Der entscheidende Faktor in Palästina ist selbstverständlich lach wie vor der Sultan. Im vorigen Jahre flatterten allerdings Gerüchte auf, als ob die Macht des Sultans von Jemen aus durch aufständische Araber bedroht wäre. Man verdächtigte — mit Recht oder Unrecht sei dahingestellt — die Engländer, daß sie vom Hinterlande von Aden aus die Völker des Assirgebietes und des südlichen Jemens zu einem Kriegszuge gegen die Türken veranlaßt hätten und sagte, daß das Endziel dieser Bewegung die Errichtung des neuarabischen Kalifats und die Losreißung des arabischen Gebietes von der Türkei sei. Anführer war der Sohn des Scheikhs Hamid-eddin, Jachija. Irn Anfange war das Glück den Aufständischen günstig, und sie streiften bis vor die Tore Hodejdas am Roten Meere. ' Riza Pascha w.urde geschlagen-, die Orte Sana und Menacha eirigescHlossen. Wie überall; mußten auch hier die Juden die Zeche zahlen; viele flüchteten nach Palästina oder über das iMeer nach Ägypten und der italienischen Kolonie Massauah. Unter dem neuen Oberbefehlshaber der Türken, Feisi Pascha von Bagdad, schwankt das Zünglein bald nach der einen, bald nach der anderen Seite. So gewinnen gewisse Gerüchte an Wahrscheinlichkeit, die davon sprechen, daß der Sultan Arabien Autonomie gewähren will. Die „Hamburger Nachrichten" schreiben darüber: „Für den Kenner der türkischen Verhältnisse hat die Nachricht nichts Unglaubhaftes an sich. Die Türkei in einen konstitutionellen Staat, bestehend aus mehreren autonomen Bundesstaaten, umzuwandeln, ist beispielsweise ein Programm der Jungtürken. Und gerade diese Partei hat sich in letzter Zeit ruhig verhalten, weil sie genau weiß, daß es einmal unklug wäre, den Bestand des türkischen Staates im jetzigen Moment durch innere Unruhen zu gefährden, dann aber auch, weil sie bei Hofe allmählich Einfluß erlangt. Immerhin wäre die Gewährung der provinziellen Autonomie für Arabien ein ganz gewaltiger Schritt zur Gesundung des türkischen Reiches. Denn auch den übrigen zahlreichen Stämmen müßte sie über kurz oder lang gewährt werden. Alle diese Völkerschaften wären damit zufriedengestellt und der innere Friede wäre dem ausgedehnten Reiche dann besser gesichert als durch die Programme der europäischen Mächte. . . . Vom deutschen Standpunkte aus wäre eine Maßregel, wie die Autonomisierung Arabiens außerordentlich zu begrüßen, denn da sie nicht isoliert bleiben könnte und notwendig die Regelung aller Verhältnisse der innerhalb der Türkei wohnenden Volksstämme zur Folge haben müßte, so wäre damit Handel und Wandel im türkischen Orient, in dem Millionen deutschen Kapitals investiert sind, gesichert." Nicht nur das deutsche, auch das österreichische Kapital wendet sich im verstärkten 'Maße der Türkei zu. Die „Länderbank" hat die Gründung der „Bank von Salonichi'4 begünstigt und will im Vereine mit ihr in Ägypten zwei Filialen errichten, die eine in Kairo, die andere in Alexandrien. Der „Unionbank" und dem „Österreichischen Lloyd" sagt man auch die Absicht nach, das levantinische Geschäft stärker zu forcieren, ebenso der „Österreichisch-levantinischen Handelsgesellschaft", einer Schöpfung der „Wiener Kreditanstalt". Momentan ist allerdings die Situation für solche Bestrebungen nicht günstig. Die Diskussion wird durch die Akabafrage beherrscht und besonders die englischen Blätter schildern die Lage sehr ernst. Die „Daily Graphic" macht darauf aufmerksam, daß sich im Islam eine Unruhe bemerkbar mache, die zu ernsten Bedenken Anlaß gebe. Lord Cromer habe berichtet, daß in Alexandrien im Dezember das Gerücht verbreitet gewesen sei, der Sultan beabsichtige einen religiösen Krieg gegen die Türken zu proklamieren. In Algier und. Süd-Marokko sei eine Gärung unter den Türken bemerkbar, und in Tunis sei es zu einer kleinen Revolte gekommen., Der gesunde Sinn der Türken wird es wohl nicht zu einem Zusammenstoße mit den Engländern kommen lassen. Denn man darf nicht den Fanatismus der Araber — und diese sind die hauptsächlichen Träger der Bewegung in Nordafrika und Arabien — mit dem ruhigen Gleichmut der eigentlichen Türken zusammenwerfen, die es nur dann zu einem Konflikt kommen lassen, wenn er unausweichlich ist. / EHE DUMA-WAHLEN Die Wahjen in Rußland sind nunmehr vorüber und haben mit einem glänzenden Sieg der" progressiven Elemente geendigt. Das ist für die Juden Rußlands von weittragender Bedeutung. Als erstes Zeichen der hoffentlich heranbrechenden bessern Tage kann die Resolution der stärksten russischen Partei, der Konstitutionelldemokrateii, betrachtet werden, wonach die Gleichsteilung aller Bürger vor dem Gesetz als erste Forderung vor die Duma gebracht werden soll. 7 ' ... / . . . ' . ... Auch was die Vertretung, der speziell jüdischen Interessen betrifft, können die. Juden im ganzen und großen zufrieden sein. Wenn man die erschwerenden Umstände in Betracht zieht, den Mangel an. Organisatipns- und Bewegungsmöglichkeiten, die Nachwirkung der Oktohermassakres, die Einschüchterung durch die Regierung und die „schwärzen Bänden", die Verfolgung der progressiven Elemente — dann muß man sagen, daf3 die Juden als Juden bei den Wahlen ganz gut abgeschnitten haben, indem sie