Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIEX&ELT No. 19 *rfr'-'*Hl »'b' * den Hauptargumenten pro und contra folgend, der wird gewiß r *jf| glauben, daß es sich hauptsächlich um die Ausweisung von Russen, um russische Juden, um Fremdengesetz, Staatsrecht, revolutionäre Gefahr,* Kultur, Humanität handelte. Es wird ihm paradox klingen, wenn wir sagen, daß, soviel auch überall das gesprochen wurde, das deutsche Parlament doch eigentlich über etwas anderes zu Gericht saß, von dem am wenigstengesprochenwurde:überdiedeutschenJuden. Wir hörten die Worte, die nicht gesprochen wurden, und spürten die Gefühle heraus, die sich hinter einer scheinbar auf anderes abzielenden Wortfülle verbergen. Und diese Worte und Gefühle sind: Wir haben genug an unseren 600000 deutschen Juden. Es ist uns genügend unangenehm, sie tolerieren zu müssen. Wir behandeln sie freilich mit kalter Geringschätzung und zeigen ihnen das deutlich genug. Aber sie sind das gewohnt und sind schon zufrieden, wenn wir ihnen nicht härter an den Leib gehen. Sei's denn! Doch mehr Juden? Um keinen Preis! Um der deutschen Juden willen brauchen wir uns den russischen Juden gegenüber gewiß keinen Zwang aufzuerlegen, — die werden deswegen nicht zu laut schreien. Das konnte man heraushören und herausfühlen aus allem, was von der Regierungsbank bis hinunter zu den Reihen der Antisemiten gesprochen wurde, selbst wenn die letzteren ihren Empfindungen nicht unzweideutig Ausdruck gegeben hätten. Blitzartig hat die Debatte im Parlament die moralische und politische Stellung der deutschen Juden beleuchtet. Mit einer kühlen Geringschätzung, I * - 1 — als ob sie nicht existierten — ging man über sie zur Tagesordnung über. Nicht nur sprach ke^n Parlamentarier als Jude für Juden, nicht nur erwähnte man nicht, daß dte jüdischen Staatsbürger durch die Behandlung ihrer Brüder aufs tiefste beleidigt werden müssen, daß man schon aus Rücksichtnahme auf sie Recht an Stelle von Unrecht setzen müsse, — die deutschen Juden mußten sogar dazu herhalten, als Kronzeugen gegen ihre Brüder ausgespielt zu werden. Daß man es wagen durfte, zu sagen, die „anständigen" deutschen Juden wären selbst für die Judenaustreibungen, daß man lt sich auf Perlmann von Königsberg berufen durfte, das zeigt, wie tief die deutschen Juden in der Achtung der anderen gesunken sind, so tief, daß man sie — sozusagen selbstverständlich — der schmählichsten Gesinnung für fähig hält. > v Wir wissen und brauchen es nicht erst zu sagen, daß die •* deutschen Juden in ihrer Mehrheit besser sind, als das Parlament | glaubte sie beurteilen zu müssen. Und die Mehrheit ist nur insofern -H. ' * T v" h . verantwortlich für die Minderheit, als sie sie nicht genügend abschüttelt. Aber auch an dem besseren Teil der deutschen Juden rächt sich jetzt manche eigene Schuld. Dreimal in der letzten Zeit galt es zu zeigen, was wahrhaftes jüdisches Gefühl, jüdische Selbstachtung forderten. Das erstemal war es zur Zeit der Oktober- Massacres. Die deutsche Judenheit (mit Ausnahme der Zioriisten) hat nicht genug Kraft und Mut. aufgebracht, um laut und öffentlich zu protestieren, und sich darauf beschränkt, alles Mitgefühl in die Sammlungen zu legen. Das zweitemal war es, als der Brief Perlmanns die russischen Auswanderer vor ganz Deutschland aufs schwerste diskreditierte. Statt eines entschiedenen öffentlichen Protestes, statt einer unzweideutigen Aufklärung, bemühte man sich, die Affäre zu vertuschen. Das drittemal war es die unerhörte Maßregel der Ausweisungen, die statt der Audienzen und Bittgänge (oder wenigstens neben ihnen) eine einmütige laute Kundgebung verlangt hätte. Die deutschen Juden haben abermals versagt. Und doch sollten gerade sie, die vor allem moralischen Kränkungen und Zurücksetzungen ausgesetzt sind, besonderen Wert darauf legen, in Dingen, wo es sich um die Ehre des jüdischen Namens handelt, mit Stolz, mit Freimut, mit Energie aufzutreten. Aber vielleicht ist ihnen die deutsch-jüdische Ehre etwas anderes als die 'russisch-jüdische, die preußische Schulgesetzvorlage alles und die Austreibung der russischen Juden sehr wenig? Wenn dem so wäre — und in der russisch-jüdischen Presse hört man jetzt öfter solche Stimmen — so wäre es nicht nur beklagenswert, es wäre auch zum Schaden der deutschen Juden selbst. — Das hat die Reichstagsdebätte bewiesen. Selbst wenn man auch an der Ausweisungsmaßregel nichts geändert hätte — man hätte mit Achtung von den deutschen Juden gesprochen, wenn ein Echo ihrer gerechten Empörung ins Parlament gedrungen wäre. Der praktische Beistand für die russischen Juden ist gewiß viel. Aber er ist in vielen Fällen, — wie z. B. in diesem — der bei weitem geringere Teil der Hilfe. Die deutschen Juden, zurückgesetzt und vom Antisemitismus umschlossen, sind in diesem Deutschland recht machtlos. Das weiß man, das verstehen auch die russischen Juden. Aber die moralische Solidarität in weitestem Umfang öffentlich zu bezeugen, daran hat nichts die deutschen Juden und ihre Führer gehindert. Was Bebel wußte, das haben sie auch gewußt — und so nahe wie ihm hätte ihnen doch sicherlich die Sache auch gehen müssen. "%; -1- ~',-: :?4 •.«i >; 7 1 h ' 'i, % ' * f i < M jj; j BETRACHTUNGEN ZUR INTERESSEN-POLITIK IM ORIENT Von Dr. L. SOFER Eine selbstverständliche Voraussetzung der zionistischen Politik ist die richtige Abschätzung der gegenwärtigen Machtfaktoren auf palästinensischem Boden. Da kommen, wenn auch nicht in allererster Linie, die europäischen Mächte in Betracht. Was Rußland anbetrifft, so war der durch ein Attentat getötete Großfürst Sergius, in dessen Brust ein fanatischer Judenhaß sich mit einer ausgesprochenen Palästinaliebe vereinigte, durch Gründung einer russischen Palästinagesellschaft energisch für den russischen Einfluß tätig. In Palästina gründete er zahlreiche Pilgerhäuser und Hospize, die allerdings im Lande charakteristischerweise „die russischen Festungen" genannt werden. Mit dem Tode des Sergius und dem Ausbruche der inneren Wirren haben diese Bestrebungen ein vorläufiges Ende erreicht. Das Deutsche Reich beteiligt sich an keiner politischen Aktion gegen die Türkei; es sucht seine Erfolge auf wirtschaftlichem Gebiete, während die anderen europäischen Mächte (Österreich, Italien, Frankreich, iRußland) sich am Balkan noch um des Kaisers Bart streiten. Die deutschen Zeitungen sind über die Vorgänge in Konstantinopel ausgezeichnet unterrichtet (wie die Kölnische Ztg. und die Frankfurter Ztg.), sie hüten sich aber, systematisch die Türkei anzugreifen. Durch seine wohlwollende Haltung hat Deutschland das Zutrauen und die Dankbarkeit der Türken in so hohem Grade erworben, daß die Pforte den Deutschen jede mögliche Gefälligkeit erweist. Der Einfluß Frankreichs hat durch die vollzogene Trennung von Kirche und Staat und die sich hieraus ergebende Abschüttelung des französischen Protektorates seitens einiger Mönchsorden, die zu Italien ubergingen, eine gewisse Einbuße erfahren. Daß er aber noch immer mächtig ist, beweißt der Besuch des Patriarchen der Maroniten, Elias Hoyek, in Paris im vergangenen Jähre. Wir wollen bei dieser Gelegenheit die politische Lage der Maroniten mit einigen Worten streifen, da sie für die zionistische Politik von Interesse ist. In politischer wie kirchlicher Beziehung fuhren die am Libanon von Nahr-el-Kelb bis nach Tripolis (Syrien) und auf dem Hochplateau von Djebel-Kesruän ansässigen Maroniten ein abgeschlossenes Lehen. Wäre die Welt nicht seinerzeit durch die blutigen Kämpfe, deren Schauplatz die herrlichen Landschaften des Libanons waren, aufmerksam gemacht worden, so wüßte sie nichts i1 1 * lll^it jjy^-*