Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316206--48111-3343025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umstand hat offenbar die türkische Diplomatie zu einem großen politischen Mißgriff verleitet — es ist der bekannte englisch-türkische irenzstreit. England war immer der Türkei freundlich gesinnt, und Oratiord war es, der seinerzeit die Türkei vielleicht vor dem volltändigen Untergang bewahrt hat. Aber die türkische Diplomatie nach englischer Vermutung auf Veranlassung Deutschlands — :tt sich auch einmal dem alten Verbündeten gegenüber renitent geengt, was für die Türkei von schweren Folgen sein kann. Am i iarsten hat den Standpunkt Englands die Erklärung des Ministers es Auswärtigen Sir Edward Greys, die er im Parlamente abgegeben hat, dargelegt. Sir Edward örey bestätigte in längerer Rede die Meldung betr. e britische Note an die Türkei und schloß, nachdem er eine childerung von dem Verlaufe der Angelegenheit gegeben hatte: „Wir haben bei der Pforte um eine zustimmende Antwort innerhalb zehn Tagen ersucht. Der Umfang der Forderungen der Pforte, sowie der Ton und Charakter der türkischen Mitteilungen an den Khediven hat es unmöglich gemacht, die Regelung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Das ist auch der Qrund, warum wir jetzt auf Erfüllung unserer ursprünglichen Forderung auf gemeinsame Feststellung der Grenze dringen. Die Note verlangt von der Pforte die Zustimmung zur Festsetzung der Grenzlinie zwischen El Rafeh und dem oberen Ende des Golfes von Akabah durch Großbritannien und die Türkei auf der Basis der Depesche des Großwesirs an den Khediven vom 8. April 1892 und Zurückziehung der Truppen von Tabah während der Feststellung. Der Hergang bis zum jetzigen Stande der Angelegenheit ist folgender: Zu Beginn des Jahres wurden türkische Truppen entsandt, um gewisse Punkte auf der Halbinsel Sinai einschließlich Tabah zu besetzen. Diese fanden aber Tabah bereits von türkischen Truppen besetzt. Die englische Regierung protestierte hierauf gegen diese türkische Besetzung von Tabah, einem Platze, der im Westen auf der Sinai-Halbinsel gelegen sei, und wies darauf hin, daß, wenn ein Zweifel über die Grenzlinie bestände, die gemeinsame Feststellung durch eine Kommission die beste Lösung der Frage sein würde. Lord Cromer hat unterm 10. Februar berichtet, daß der türkische Kommandant von Akabah die Zurückziehung der ägyptischen Truppen von der Insel Sinai im nördlichen Teile des Golfes von Akabah verlangt habe. Darauf erhielt ein englisches Kriegsschiff Befehl, nach Faruh zu gehen, um den dortigen ägyptischen Posten zu schützen. Nach verschiedenen Vorstellungen wurden zwei Offiziere von Konstantinopel nach Ägypten geschickt, um die Sache zu untersuchen. Man hoffte, daß sie die Angelegenheit besprechen oder bei einer gemeinsamen Grenzkommission mitwirken sollten, aber sie verließen Kairo wieder, ohne mit dem Khediven oder Lord Cromer in Verbindung getreten zu sein. Am 21. März machte der türkische Botschafter eine Mitteilung des Inhalts, daß, da Tabah zu Akabah gehöre, gegen die Anwesenheit türkischer Truppen dort kein Widerspruch erhoben werden könne und es deshalb für unnötig erachtet würde, eine Untersuchung zu veranstalten. Der Sultan ermächtigte dann den Oberkommissar Mukhtar Pascha, mit der ägyptischen Regierung zu unterhandeln, und auf sein Ersuchen wurden die Unterhandlungen nach Kairo verlegt. Mukhtar Pascha forderte in einer Unterredung mit dem Khediven, daß die Sinai-Grenze von El Rafeh nach Suez und von Suez nach Akabah gehen solle. Der Khedive regte an, daß die Linie von El Rafeh nach Akabah gehen und dabei die Küste drei Meilen westlich von Fort Akabah erreichen solle, und daß der noch übrige Teil der Grenzlinie durch sachverständige Landmesser abgesteckt werden solle. Die Antwort des Großwesirs an den Khediven ging dahin, daß der Golf von Akabah und die Halbinsel Sinai außerhalb des in dem kaiserlichen Firman bezeichneten Gebietes lägen, daß sich das Telegramm vom 8. April 1892 nur auf die westliche Seite von Sinai beziehe und daß die Auslegung des Telegramms eine Angelegenheit sei, welche nur die ottomanische Regierung angehe. Gleichzeitig wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß keine Gelegenheit zur Einmischung werde geboten werden. Daraufhin erging unser Ersuchen an die Pforte um eine zustimmende Antwort innerhalb zehn Tagen." Die englische Regierung richtete am 3. d. M. an die Pforte eine Note, die dem Inhalte nach gleichbedeutend mit einem Ultimatum ist und das letzte Wort Englands zu den türkischen Schritten auf der Halbinsel Sinai darstellt. England verlangt die Zurückziehung der türkischen Truppen vom ägyptischen Grund und Boden. Der französische und der russische Botschafter in Konstantinopel unterstützten die Vorstellungen des englischen Botschafters hinsichtlich der Besetzung der zu Ägypten gehörigen Gebiete durch die Türkei. Die englische Note scheint in Konstantinopel Eindruck gemacht zu haben. Es fanden wiederholte Beratungen statt. Nedschib Melhame Effendi stattete im Auftrag des Sultans dem englischen Botschafter in der Angelegenheit de* Tabahfrage einen Besuch ab. Die Pforte scheint bereit zu sein, die englischen Forderungen zu erfüllen. Der Widerstand liegt beim Sultan, jedoch ist ein friedliches Nachgeben zu erwarten, wenn auch vorher von türkischer Seite verschiedene Vorbehalte und Ausflüchte versucht werden dürften. Wie die Sachen jetzt stehen, zeigt ein vom 8. d. M. datiertes Telegramm aus Konstantinopel des Wiener Korrespondenzbüreaus: „Gestern und heute fand wegen der Tabahfrage außerordentlicher Ministerrat statt, der auf Eefehl des Sultans eine Lösung der Angelegenheit herbeizuführen suchte. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt Heute besuchte der Minister des Äußern den englischen Botsschafter. Türkischerseits scheint man Gegenvorschläge zu machen." In England ist die Öffentlichkeit über das Vorgehen der Türkei sehr aufgeregt. Die Zeitungen verlangen eine energische Aktion. So sagte ein sehr einflußreiches, beinahe offiziöses Londoner Blatt: „Das Prinzip der liberalen Partei war immer, dem Türken nicht wiederzugeben, was dem Bereiche seines unheilvollen Einflusses entzogen worden ist." In ebenso energischen, beinahe drohenden Worten sprechen die „Times", der „Standard" und die anderen maßgebenden englischen Blätter, Die Türkei wird wahrscheinlich klein beigeben müssen, da England keine Konzession zu machen geneigt ist. Aber die internationalen Beziehungen der Türkei werden dadurch in ein neues, in den Folgen unberechenbares Verhältnis gerü ckt. An anderer Stelle unseres Blattes bringen wir Ein dunkler Tag. einen Auszug aus der Debatte des Deutschen Reichstages über die Massenausweisungen. Dieser Parlamentstag gehörte zu den dunkelsten Tagen des „dunklen Deutschland". Gouvernementale und bourgeoise Reaktion im Bunde mit großspurigem Junkertum und kleinbürgerlicher Beschränktheit wetteiferten darin, einen grausamen Überfall der brutalen Macht auf ein paar tausend wehrloser Fremder zu rechtfertigen, zu verteidigen, ja sogar zu feiern. Wohl ragt aus diesem Dunkel die Gestalt des greisen Bebel wie ein tröstliches Wahrzeichen, daß Millionen Deutscher von tiefster Empörung erfüllt sind über all das Tun des offiziellen Deutschland, das die deutsche Nation aus der Reihe der kulturell-fortschrittlichen Völker ausscheidet — aber es vermehrt nur die Tragik, daß ein so reiner Zorn, ein so edles Pathos wirkungslos abprallen müssen an dem Wall, den Bureaukratie und Feudalismus rings um das deutsche Leben aufgerichtet haben. Wer die Macht hat, behält Recht. Und so müssen die besten Deutschen jetzt blutenden Herzens, aber in wehrlosem Groll mit ansehen, wie die Übermacht der Reaktion daheim und draußen Deutschland immer mehr diskreditiert und schädigt. Aber nicht davon wollen wir reden. Das ist eine Sache von weltpolitischer Tragweite. Wir aber wollen die Angelegenheit hier nur von unserem, dem jüdischen Standpunkte, betrachten. Wer die Ausweisungsdebatte im Reichstag unbefangen liest, - -2*