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Die Welt · 1906-05-11 · 19 (11.5.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE3KKELT Zwecke zu setzen und so die Einflußsphäre des Zionismus ständig auszudehnen. Neben neuen Kreisen der Judenheit müssen neue Länder für die zionistische Propaganda eröffnet werden; neben der Agitation für unsere ständigen Institutionen, die Bank und den Nationalfonds, müssen wir, wie es alle anderen Parteien machen, für die laufenden No. 19 Parteiarbeiten, demnach auch für die Propaganda, erhebliohere Geldsammlunjgen veranstalten. Gelingt es, nach diesen Prinzipien und mit diesen Mitteln eine ausgedehnte Propaganda in die Wege zu leiten, so werden wir uns mit mächtigen Schritten unserem Ziele nähern: die zionistische Bewegung zur allgemein-jüdischen zu machen. *'h tt^ > i ';v< "' ' Ä V 'üV: •/ 1 *i '? ': - -;■ I . -•Mi \A: — □IHC00000 — POLITISCHE REVUE Die englische Educations-Bill. Während im deutschen Reiche, speziell aber in Preußen, die Reaktion auf allen Gebieten, besonders aber die klerikale Reaktion im Steigen begriffen ist, nistet sich der Gedanke der Freiheit im übrigen Europa immer mehr und mehr ein. Ein Beispiel dafür ist der Sieg der Radikalen und der Sozialisten bei den letzten Kammerwahlen in Frankreich. Ein noch bedeutsameres Zeichen der Zeit ist ein vom liberalen englischen Ministerium eingebrachtes Gesetzesprojekt über die Reform des Unterrichts, die sogen. „Educations-Bill". England war seit jeher das Land der konfessionellen Schule, der Frömmigkeit, die bis zur Bigotterie ging und in „Cant" ausartete. In keinem Lande Europas hat man auf dogmatische, theologische Streitfragen soviel Gewicht gelegt, wie in England. Ein Blick auf die Zahl der englischen Sekten beweist zur Genüge, wie stark der Einfluß der Religion in Britannien ist. Wesleyaner, Non- Conformisten, Dissenters, Puritaner, Presbyterianer, Anglikaner — und so weiter in infinitum. Es gab zwar seit den Emanzipationsbillen der Katholiken und Juden keine religiöse Verfolgung in England mehr, aber der Begriff der Staatskirche, der „Church of England" blieb in seiner ganzen Macht aufrecht, und die freien Geister Englands mußten immer einen starken Kampf gegen die Staats- und Privatreligionen führen. Seit dem Jahre 1860 begann der Umbildungsprozeß. Es war die sogen. „Gewissensklausel", die vom Unterrichtsamt aufgestellt wurde, wonach „die Schulvorsteher verpflichtet sein sollten, Anordnungen zu treffen, wodurch es Kindern, deren Eltern nicht der englischen Staatskirche angehören, möglich gemacht wird, am Schulunterricht teilzunehmen," d. h., daß für die Kinder, die der Staatskirche nicht angehören, der religiöse Unterricht nicht obligatorisch sei. Anfangs weigerte sich der hohe englische Klerus, sogar diese sehr gemäßigte Reform anzunehmen. Sie drang nichtsdestoweniger durch. Das Kabinett Disraeli im Jahre 1868 wollte in dieser Richtung einen Schritt weiter tun, aber es stieß auf den hartnäckigen Widerstand der Lords und der Commoners. Seit jener Zeit ist viel Wasser in die Themse geflossen, und England hat eingesehen, daß man mit vielen alten Vorurteilen brechen muß. Während das Kabinett Balfours nichts unterließ, um England der Reaktion und dem Klerikalismus preiszugeben, bestrebt sich das neue liberale Parlament, England zu einem in jeder Hinsicht modernen Staate zu gestalten. Mr. Augustin Birrel, der jetzige Leiter des „Board of Education" hat eine Bill eingebracht, wonach die Schule ihren konfessionellen („denominational") Charakter gänzlich ablegen und eine weltliche, interkonfessionelle werde. Das ist der Grundzug und das Ziel des Gesetzesprojektes, das jetzt bereits in der zweiten Lesung im britischen Parlament verhandelt wird. Wir können hier nicht auf die Einzelheiten der sehr komplizierten Bill eingehen. Wir wollen nur zwei Klauseln des Gesetzprojektes hervorheben. Die eine bezieht sich auf die Schulen, die aus den Mitteln eines Wohltäters erhalten werden. Über diese Fonds, die gewöhnlich den einzelnen religiösen Gruppen zufallen, soll nunmehr der Staat frei verfügen können, ohne sich strikte an den Willen des Spenders zu halten. Die zweite Klausel ist die sogenannte „four-fifths" — „Vierfünftelklausel". Wenn nämlich Vierfünftel der Eltern der Kinder, die eine bestimmte Schule.besuchen, die Schillbehörde ersuchen, daß ihren Kindern ein spezieller Religionsunterricht erteilt werde, dann müsse ihnen ihr Wunsch gewährt werden. Das Gesetzprojekt ist somit ein Schritt zur vollständigen Säkularisierung der Schule und somit auch des Landes; es ist, wie Mr. Balfour ganz richtig bemerkt hat, ein Ansturm gegen die Übermacht der englischen Staatskirche. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die Geistlichkeit aller Konfessionen in England eine wütende Kampagne gegen die Bill eröffnet hat. Auch die jüdische hat nicht gefehlt. Vor einigen Tagen erschien bei Mr. Birrel eine jüdische Deputation, bestehend aus dem Chief-Rabbi, den Parlamentsmitgliedern Sir Magnus und Mr. Lucas wie auch Mr. Cl. G. Montefiore usw. Sie haben dem Leiter des Board of Education und Schöpfer der neuen Bill ihre Beschwerden vorgetragen, die darin' gipfelten, daß die religiöse Erziehung der Juden, besonders der Unterricht der hebräischen Sprache gefährdet sei. Mr. Birrel nahm ihre Einwendungen freundlich entgegen, suchte sie mit Gegenargumenten zu entkräften und versprach schließlich, gewisse ihm vorgeschlagene Amendements in die Bill aufzunehmen. Für uns kann die Sache nur von einem Standpunkt von Interesse sein. Wir müssen es mit Bedauern sehen, daß die Juden sich auf die Seite der Konservativen stellen, daß auch sie dazu beitragen wollen, den Gang der Zeit, den Sieg der Freiheit aufzuhalten. Wir Juden müssen im eigenen wie im allmenschlichen Interesse jeden Sieg der Freiheit begrüßen. Freilich, wenn Juden sich auf den Standpunkt Mr. Montefiores stellen, wenn sie nur in der Religion das einzige Band der Völker und der Menschen sehen, den einzigen Kitt der Nationen, dann wird für sie vielleicht auch die Trennung von Staat und Kirche in Frankreich und England eine Gefahr scheinen. Aber wenn dem wirklich so wäre, dann wäre das Schicksal des Judentums überhaupt besiegelt. Wie wollen denn die Assimilanten, die nur negative Juden sind, d. h. Juden, weil sie noch keine Christen sind, Juden, die das Judentum, die Existenz des jüdischen Volkes leugnen, das dogmatische Judentum am Leben erhalten? Glauben sie denn, daß die Wissenschaft, das innerliche Freiwerden des Menschen ihre Wirkung auf das Gemüt der Juden, dieser erregbaren, allen Einflüssen zugänglichen, vorwärtsstürmenden Menschenart, verfehlen? Das Judentum ist nicht darauf angewiesen, nur eine Konfessionsgemeinschaft zu sein. Es ist ein lebender Organismus, es ist eine Gesellschaft, ein Volk. In den Reihen der Juden geht ein Umbildungsprozeß vor sich — vom Religiösen zum Nationalen. Es ist eine Tatsache, und wir konstatieren sie. Das neue Judentum hängt nicht an starren Dogmen. Es ist sich bewußt, daß sich der Judaismus aus sich selbst heraus entwickeln muß. Und es fürchtet nicht, daß das Leben es über den Haufen werfen wird, weil es ein Leben ist, das „aus sich Leben erzeugt". Die Türkei ist wiederum Der türkisch-englische Grenzstreit. fn den Vordergrund der europäischen Politik getreten. Diesmal aber ist es nicht die Balkanfrage, die die Diplomatie Europas in Erregung setzt. In der Balkanfrage zieht nämlich die Pforte Vorteil aus der Rivalität der europäischen Mächte. Sieben Köche versalzen den Brei, und wenn sechs Mächte an der Reform Mazedoniens interessiert sind, hat es die türkische Regierung leicht, die Reform überhaupt nicht durchzuführen. Dieser vi* . * .

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