Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-05-11 · 19 (11.5.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316206--48109-3343023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 19 2. In diesem Sinne nahm sich die Propagandakommission zu wirken vor. In ihrer noch in Basel abgehaltenen Sitzung faßte sie eine Reihe von Beschlüssen, die dahin abzielten, die Agitation in einheitlichem Geiste, ausschließlich auf der Basis des Basler Programms, olanvoll, unter regem Austausch der besten Parteiredner der verschiedenen Länder zu führen. Was ihre Organisation betrifft, so konstituierte sie sich in Form von Landes-Propagandakollegien, zwischen denen eine in Berlin etablierte Zentrale die Verbindung herstellt. Ferner strebte sie tunlichste, dauernde Verständigung mit Jen Vorständen der Landesorganisationen an. Der Modus dieser Verständigung war erst zu schaffen. In seiner gelegentlich der Brüsseler Konferenz abgehaltenen Sitzung beschloß das A. C, den Landesorganisationen zu empfehlen, daß den Sitzungen des Landeskornitees, insoweit Propagandafragen zur Besprechung kommen, der Vorsitzende des Landes-Propagandakollegiums mit beratender Stimme beigezogen werde. Trotz dieses Beschlusses dauerten in manchen Ländern gewisse Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Propagandakollegien und den Landeskomitees fort. In Berlin, am Sitz der Zentrale, wurden, dank dem kollegialen Entgegenkommen des Landeskomitees, die Differenzen allerdings beseitigt, indem ein größeres, aus Mitgliedern der Propagandakommission, des Landes-Zentralbureaus und der zionistischen Ortsvereine zusammengesetztes Agitationskomitee geschaffen wurde. Daß eine derartige Verständigung an anderen Stellen nicht erreicht wurde, war eine der Ursachen, daß die ursprünglich geplante, ausgedehnte, internationale Propaganda bis jetzt nicht in Angriff genommen werden konnte. Aber noch andere, viel gewichtigere Hindernisse traten ihr entgegen. Die vom Kongreß votierte und von den Landesorganiationen aufzubringende Dotierung der Kommission wurde nicht asgezahlt, und der vom A. C. zur Verfügung gestellte Vorschuß rwies sich als zu gering, um Propaganda in größerem Stil entwickeln zu können. Vollständig lähmend wirkten dann nicht nur auf die gesamte Finanzgebarung, sondern auch auf den ursprünglichen Arbeitsplan der Partei die Katastrophen in Rußland. Angesichts des namenlosen Unglücks gab es nur eine Losung: alle Mittel und alle Kräfte auf die Linderung desselben zu konzentrieren. 3. Trotz aller dieser erschwerenden Umstände versiegte die Propaganda nicht vollständig, wenn sie auch zum Teile eine unvorhergesehene Wendung nehmen mußte. An die Hilfsaktion knüpfte Sich eine Protestbewegung, zu der der Zionismus die einflußreichsten nichtzionistischen Judenkreise mit heranzog, und in der es ihm gelang, für seine Ideen eine mächtige, früher nie erreichte Resonanz zu finden. Gleichzeitig belebte die Zentrale der Pjopagandakommission die Agitation auf dem Wege Hterariscfckünsfierischer Veranstaltungen und Publikationen, die sich zur Gewinnung neuer, dem Zionismus ferner stehender Elemente besonders wirksam erwies. Für den Zeitpunkt, wo eine energischere Propaganda entwickelt verden könnte, wurden durch Einziehung von Informationen und Unterhandlungen mit Vertrauensmännern die ltötigen Vorbereitungen getroffen. Besonders erfreulich ist es, daß die zionistische Organisation in Rußland sich schon im Februar d. JL, so sehr die Oktoberkatastrophe noch nachzitterte, zu neuen organisatorischen Maßregeln aufgerafft und im Zusammenhang mit dem jdonistischen Zentralbureau in Wilna ein Propagandakollegium von 20 Mitgliedern zu schaffen beschlossen hat. In Amerika wird nach dem eingelaufenen Berichte des Vorsitzenden des New Yorker Propägandäkollegiums, Mr. Fromenson, die Agitation in rührigster Weise geführt. Das PropagandakoHegium bildet ift Amerika einen Bestandteil des Exekutivkomitees der zionistischen Föderation. 5 Es wäre zu wünschen, daß auch in England hinsichtlich der formellen Organisation der Propaganda klare und feste Abmachungen getroffen werden. 4. Die nächste Aufgabe der Propaganda ist durch die seitens des A. C. erfolgte Ansetzung der Sch ekel tage gegeben. Es gilt, nicht nur der Welt die numerische Macht unserer Partei vor Augen zu führen, sondern vor allem der Organisation über die Schwierigkeiten, die sich ihr infolge der russischen Wirren in den Weg gestellt haben, hinwegzuhelfen, für ihre planvolle fruchtbare Wirksamkeit die Basis zu schaffen. Bernard Shaw läßt Cäsar sagen: „Die wichtigste Tätigkeit des Welteroberers ist das Steuereintreiben." Auch für eine Idee müssen Steuern eingetrieben werden, wenn sie die Welt erobern soll. Der Jude liebt keine geistlosen Tätigkeiten. Aber für uns werden die an sich geistlosen Geldsammlungen durch die Idee vergeistigt, die an sich uninteressante Verwaltungstätigkeit durch das Arbeitsprogramm, dessen Durchführung sie uns ermöglicht, interessant gemacht. In einem anderen und höheren Sinne als die Jünger Loyolas dürfen wir von den Schekelsammlungen sagen: Der Zweck heiligt das Mittel. Das Unscheinbarste erhält, wenn es dem Zweck des Zionismus dient, höhere Weihe; und wenn je Geld Heiligkeit erlangt hat, so geschah es im Schekel. Besonderes Interesse müssen die Propagandakollegien für die Schekeltage bezeigen, indem sie den Landeskomitees tunlichst behilflich sind. Sie müssen für die Schekeltage Propaganda machen, — um Propaganda machen zu können. Ist einmal die Propagandakommission durch Herstellung ihrer finanziellen Basis zu jenem Organ geworden, das der Kongreß schaffen wollte, dann wird sie es sich angelegen sein lassen, die ihr gestellten Aufgaben zu lösen. 5. Die Ziele und die Mittel ihrer Tätigkeit sind klar. Sie muß den Umstand, daß der Zionismus dank den Beschlüssen des VII. Kongresses eine Heimstätte für das jüdische Volk schon heute praktisch zu schaffen begonnen, daß die Einwanderung und Ansiedlung in Palästina einen neuen und kräftigen Aufschwung genommen hat, in Agitationsbroschüren und großen Agitationsversammlungen zur Geltung bringen. Die Propagandakollegien müssen durch Heranziehung aller geeigneten Kräfte tunlichst erweitert werden. Tourneen von Wanderrednern müssen veranstaltet, den hervorragenderen Führern der Organisation muß die Gelegenheit geboten werden, außerhalb ihres heimischen Wirkungskreises propagandistisch sich zu betätigen. Es muß Nachdruck darauf gelegt werden, daß die Propaganda sich nicht damit begnüge, die Begeisterung der schon gewonnenen zionistischen Kreise zu schüren, sondern vor allem auf die Werbung neuer, neutraler Elemente der Judenheit gerichtet sei. Hierzu ist es nötig, den geistigen Inhalt des Zionismus tunliehst und unablässig auszudehnen und zu vertiefen, seine Zusammenhänge mit den jüdischen Traditionen, mit der nationalen und Menschheitsgeschichte ebenso wie mit den zeitgenössischen, politischen, sozialen und kulturellen Strömungen klarzulegen. Eine Aufgabe für die Denker in unserer Bewegung. Praktisch empfiehlt es sieh, neben der politischen Agitation in stärkerem Mäße als bisher die jüdisch-kulturelle, die Hterarischkünstlerische zu betreiben; vor allem aber den Zionismus nicht überall und immer in derselben, einmal aufgekommenen, konventionellen Form zu predigen, sondern je nach dem Milieu zu differenzieren, selbstverständlich ohne je sein Wesen zu entstellen. Wir müssen bestrebt sein, in bürgerlichen und Arfeeitericreisen, unter Freisinnigen und Orthodoxen spezifische Propaganda zu treiben. Ferner muß die zionistische Propaganda versuchen, an Stelle einer unfruchtbaren Polemik mit anderen jüdischen Organisationen dort, wo es möglich ist, die Kooperation mit denselben für zionistische 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.