Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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nur Verrücktheit mit einer Unterströmung kriminaloider Tendenzen sehen kann, Doch dies ist nicht die Gelegenheit, mich mit dem Meister auseinanderzusetzen. Ich habe die Tatsache anzuerkennen, daß auch seine Lehre vom Genie tiefen Eindruck gemacht und den Anstoß zu emsiger psychiatrischer Untersuchung ungefähr aller wirklichen und angeblichen Genies der Vergangenheit und Gegenwart gegeben hat, deren Ergebnisse an Wert sehr verschieden sind. Der These mag welches Los immer beschieden sein: eine selbstsichere Diagnose vom Geisteszustand eines altgriechischen Dichters oder eines halbmythischen Pharaonen bleibt immer bedenklich. In großen Dingen kühn durchgreifend, organisatorisch geschickt, weitsichtig und scharfsinnig, ist er in kleinen und kleinsten rührend unbeholfen und oft so unfähig wie ein Kind, für sich selbst zu sorgen. Als Vorkämpfer einer Wahrheit stahlhart und von der Rücksichtslosigkeit einer Naturkraft, ist er in allen Beziehungen zum konkreten Menschen weich und feinfühlig wie ein zartbesaitetes junges Mädchen, selbstlos bis zur Aufopferung, ganz Mitleid, ganz Brüderlichkeit, ganz Liebe. Er hat nie den Berufsneid gekannt und nie Streberei begriffen. Er kann es nicht fassen, daß man die Wissenschaft als melkende Kuh behandelt oder an dem Tand gesellschaftlicher Auszeichnungen Gefallen findet. Er ist Mitglied keiner einzigen Akademie und hat oder trägt wenigstens keinen einzigen Orden. Solcher Firlefanz liegt tief unterhalb seines Gesichtskreises. In die ihm veranstaltete Apotheose hätte er nie eingewilligt, wenn energische Bewunderer ihn dazu nicht einfach vergewaltigt hätten. Ohne es zu suchen, fast ohne es zu merken, ist er einer der meistgenannten, ruhmreichsten Männer der Zeit geworden, und ob auch die Verehrung seiner Jünger ihm tausendfach und oft überaus eindringlich entgegentritt, ist er doch so schlicht, so vertrauend, so gut und so bescheiden geblieben, wie in den schweren Tagen, wo er die Nacht durch übersetzte, um eine papierene Lira zu verdienen. Durch sein Wesen, durch sein Leben, durch sein Werk ist Cesare Lombroso ein großer Erzieher. Was er lehrt, das ist: für alles Menschenleid ein heiß fühlendes Herz, für jede Erkenntnis einen brennend durstigen Geist zu bewahren, keine Menschenfurcht und keinen Zeitdienst zu kennen, sich mit Entbehrungen abzufinden, Glücksgüter keines Blickes und keines Gedankens zu würdigen und im Dienste der Wahrheit ohne Rest von Selbstsucht aufzugehen. Nicht jeder kann mit ihm Schritt halten; ihm folgen sollte jeder können. Wohl denen, die seinen Spuren nachgehen! Sie führen zu höherem Leben. frz. o o o o o o o o o o o o o o jj AUS DER BEWEGUNG Bericht über die General-Versammlung der Anglo-Palestine Company am 26. April Die Versammlung, der in Abwesenheit des verhinderten Vorsitzenden des Direktoriums Herr Joseph Cowen präsidierte, nahm die Bilanz und den Bericht der Bücherrevisoren zur Kenntnis. Der Vorsitzende verlas den Bericht der Direktoren, der darauf hinweist, daß, nachdem die Jerusalemer Filiale ihr erstes Geschäftsjahr jetzt hinter sich hat, für das nächste Jahr auch von ihr ein Gewinn zu erwarten steht, während in diesem Jahre bekanntlich nur die Jaffaer Zentrale mit Gewinn gearbeitet hat. Der Bericht betont dazu, daß die Bank in Palästina nicht sowohl den Zweck verfolge, einen Gewinn zu erzielen, als vielmehr der Entwicklung des Landes zu dienen. Von diesem Bestreben geleitet, habe die Bank mehrere jüdische Darlehnsgenossenschaften durch Kreditgewährung unterstützt und dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Gründung einer großen Darlehnskasse werde von der Bank in Gemeinschaft mit dem Odessaer Komitee vorbereitet. Auch den Genossenschaften der Kolonisten und den Kolonisten selbst habe die Bank Vorschüsse gewährt und ihnen so ermöglicht, die Anbaufläche zu vergrößern. Selbstverständlich aber halte sie sich von Wohltätigkeitsgeschäften fern und gewähre Kredit nur da, wo eine gesunde Basis vorhanden sei. Die Bank hat sich an verschiedenen Landankäufen und in Gemeinschaft mit dem Jewish Colonial Trust auch an verschiedenen industriellen Unternehmungen beteiligt, deren Geschäftsbetrieb sich auf Palästina erstreckt. Auch wurden verschiedene Expeditionen und Versuche, besonders hinsichtlich des Anbaues von Baumwolle, im Lande unternommen. Die Versammlung genehmigte die Bilanz und den Bericht und erteilte dem Direktorium die Entlastung. Die statutenmäßig zurücktretenden Direktoren, die Herren Feldstein, Kann, Moser und Urysohn, wurden wiedergewählt und die Herren Jackson Pixley Browning Husey & Co. wiederum als Revisoren für das Jahr 1906 bestimmt. Die in der Bilanz der Jüdischen Kolonialbank (vergl. unsere letzte Nummer) aufgeführten Posten „Einnahmen" und „Ausgaben" beziehen sich auf die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1906. o o o o o o o IL^ o o o o o Palästina» Verein Hamburg. Am 26. April referierte Dr. Kalmus in einer gut besuchten Versammlung unserer Ortsgruppe über den in der „Welt" veröffentlichten Vorschlag von Dr. Moses betr. den Palästina-Verein, Er führte aus, daß die prinzipielle Forderung einer kräftigen finanziellen Unterstützung der Palästinakommission nirgends in zionistischen Vereinen auf Widerstand stoßen werde. Ihr hoher Wert werde von allen Zionisten ohne Unterschied der Parteirichtung anerkannt; es sei Ehrenpflicht, mit allen Kräften dafür einzutreten, daß der Zionismus die Zentrale für alle jüdischen Unternehmungen in Palästina werde; er dürfe bei der zunehmenden wirtschaftlichen Erschließung Palästinas kein untergeordneter Faktor bleiben und müsse endlich den vom Kongreß vorgeschriebenen Aufgaben gerecht werden. Referent weist an der Hand der letzten Jahresberichte auf die erfreuliche rationelle Palästinaarbeit der andern großen Organisationen hin, insbesondere des „Esra" und des „Hülfsvereinsder deutschen Juden "und zeigt,in wie vielen Punkten ein Zusammenarbeiten mit diesen Vereinen schon heute in Palästina möglich ist. — Die Gründung eines neuen Vereins hält er jedoch nicht für zweckmäßig; wenn man damit die Absicht verbinde, auch Nichtzionisten zur Zahlung heranzuziehen, ♦ so erkläre man damit die zionistische Organisation für unfähig, für die Ausführung ihrer Beschlüsse die notwendigen Mittel aufzubringen. Er wünsche an Stelle eines Vereins die Institution eines freiwilligen Palästina-Schekels und hofft, daß die Einführung eines solchen auf dem bevorstehenden Delegiertentage, vorerst für Deutschland, beschlossen werde. — Die Ausführungen des Referenten fanden ungeteilten Beifall. Sämtliche Diskussionsredner stimmten darin überein, daß man der Palästinakormnission die vom Kongreß bewilligten Mittel verschaffen müsse, daß jedoch die Gründung eines besondern Vereins nicht wünschenswert sei. Dr. Victor hält die Frage für eine lediglich finanztechnische, ist gegen die Institution eines Palästina-Schekels, weil derselbe den erstrebten Zweck, die Aufbringung der benötigten 15 000 Frs., nicht erreichen werde, und beantragt deshalb die Überweisung einer bestimmten Summe seitens der Ortsgruppen an das A.-K. für die Palästinakommission. Dagegen trat Dr. Halpern entschieden für die Einführungeines obligatorischen Palästina-Schekels ein. Die Palästinakommission müsse sofort in die Lage versetzt werden, eine intensivere Arbeit in Palästina zu beginnen, namentlich auch mit Rücksicht auf den wirtschaftlichen Wettbewerb seitens der Mächte in Palästina. In ähnlichem Sinne äußern sich die Herren Abraham und Sonn. Folgende von Dr. Halpern eingebrachte und von Dr. Kalmus unterstützte Resolution wurde mit großer Mehrheit angenommen: „Die zionistische Ortsgruppe Hamburg-Altona begrüßt leb- „haft den Vorschlag von Dr. Moses, die Mittel der Palästina- Kommission zu stärken. Sie Mit die Einführung eines