Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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n einem piemontesischen Geschlechte die auserlesene, mit der ganzen Innigkeit seines tiefen Wesens geliebte Lebensgefährtin gefunden hatte. Ruhe und behaglicher Genuß von Amt und Würde waren ihm wohl auch in seinem größeren Wirkungskreise nicht beschieden, aber er war aus der Pellagraprüfung als kampfgeübter Streiter hervorgegangen und begann mit frischem Mut einen neuen Feldzug um noch wichtigere, weil umfassendere Wahrheiten. Bei der von ihm vorgenommenen Autopsie des geköpften Raubmörders Villela hatte er am Schädel die Hinterhauptgrube gefunden, die in der Tierreihe regelmäßig bei den Wiederkäuern, sonst aber nur als äußerst seltene Ausnahme vorkommt. Der Befund überraschte ihn. Was bedeutete dieser Rückschlag auf eine Bildung, über welche die Entwicklung der Gattung seit ungeheuer langer Zeit hinausgegangen ist? Er suchte anderer Verbrecherschädel habhaft zu werden, er prüfte und verglich und fand an ihnen dieselben und andere als atavistisch anzusprechende Anomalien. Da blitzte in ihm die Erkenntnis auf: der Verbrecher ist seiner anatomischen Beschaffenheit nach in mancher Hinsicht ein atavistisches Wesen. Während er diesen Forschungen oblag, hatte er sich als gerichtlich bestellter Sachverständiger mit dem Falle des Soldaten Misdea zu beschäftigen, der fünf seiner Kameraden meuchlerisch erschossen natte. Er fand, daß der Mörder ein Epileptiker war und aus einer Familie stammte, in der schwere Störungen des Nervensystems läufig waren. Auch hierin sah er einen Fingerzeig, dem er nachging. Er stellte in den Gefängnissen, deren regelmäßiger Besuch hm gestattet wurde, an fast allen Sträflingen Geistes- oder Nervenkrankheit und erbliche Belastung fest, und die Analogie zwischen 'erbrechen und Neuropathie drängte sich ihm auf. Aus diesen ah relang mit leidenschaftlicher Hingabe angestellten Beobachtungen Twuchs allmählich eine zusammenhängende Lehre, die er in seinem auptwerke „L'Uomo delinquente" systematisch vortrug. Ihre äiuptpunkte lassen sich in ihren ganz großen Zügen etwa so zuimmenfassen: Das Verbrechen, das heißt eine Handlung, die gegen is positive Strafgesetz und gegen die herrschenden Sittlichkeits- ■jgriffe verstößt, ist eine zugleich gesellschaftliche und individuelle rscheinung; es wird infolge äußerer Umstände oder innerer Dränge egangen; Erziehung, Umgebung, Versuchung und eine augenblickiche Aufwallung der Leidenschaft können auch einen völlig normalen Renschen zum Verbrecher machen; aber dieser ist dann ein jelegenheitsverbrecher, der den Psycho- und Soziologen, doch nicht Jeu Anthropologen interessiert; es gibt aber auch eine andere Kategorie von Verbrechern, die ihre Missetaten triebhaft begeht und dazu weniger durch äußere Verführungen oder vorübergehende i.eidenschaft als durch organische Antriebe bestimmt wird. Das ist lie Kategorie der geborenen Verbrecher, die eine besondere Spielart der Gattung darstellt. Sie ist an zahlreichen anatomischen und biologischen Eigentümlichkeiten zu erkennen, deren Aufsuchung, Beschreibung und Statistik einen großen Teil der Lebensarbeit Lombrosos ausmacht und deren Kenntnis von seinen Schülern vielfach ergänzt und vertieft wurde. Im ganzen ist der geborene Verbrecher ein Entarteter, seine Anomalien kennzeichnen sich biologisch tls embryonäre Bildlingshemmungen und die Lebens- und Geistesverfassung, die sich aus ihnen ergibt, ist eine atavistische* Das Verbrechen selbst ist Atavismus. Es war in weit zurückliegender Vergangenheit die regelmäßige, natürliche Handlungsweise des Menschen. Es ist immer noch die des Kindes und des Wilden. Die Gesittung hat den Normalmenschen Selbstbeherrschung, Mitleid, Nächstenliebe und Sittlichkeit gelehrt; der Entartete ist auf der Urstufe des Gattungsdaseins stehen geblieben und vermag sich nicht über sie zu erheben; er bleibt dauernd ein Kind; er ist ein Wilder inmitten unserer Zivilisation. Diese Lehre begegnete anfangs den erbittertsten Widerständen. Die Juristen suchten empört den Einbruch der Naturwissenschaft in ihr Gebiet abzuwehren, den sie für eine unleidliche Anmaßung hielten. Die Theologen und Metaphysiker riefen den Zorn Gottes und der Menschen auf den Frevler herab, dessen Doktrin mit der Willensfreiheit aufräumte, die Begriffe Tugend und Laster entwertete, als Krankheit oder angeborene Mißbildung ansprach, was dogmatisch Sünde oder Schuld sein sollte, und damit das religiöse Element der Reue und Buße aus der strafenden Gerechtigkeit ausschied. Die befugten und amtlich geeichten Pfleger der Strafrechtswissenschaft erhoben sich wie ein Mann gegen ihn und verteidigten verzweifelt ihre theologische, metaphysische und formalistische Scholastik gegen seine grundstürzende Ketzerei. Die bekannten Methoden professoraler Kriegführung wurden gegen Lombroso angewandt, obschon er eigentlich auch zur Zunft gehörte: zuerst das krampfhafte Totschweigen, dann das großartige Abtun von oben herab, hierauf die niedrige Beschimpfung und Verleumdung, zuletzt die Ausgabe des Schlagwortes: „Ein Hirngespinst, dem einige Unwissende und Narren eine kleine Weile nachliefen, das aber nur noch Achselzucken erregt." Man leugnete seine Befunde, die sich tausendfach wiederholten. Man schrieb ihm alberne Behauptungen zu, die man dann natürlich triumphierend verhöhnen und als Unsinn nachweisen konnte. Man behauptete, er rechne mit den wirtschaftlichen und sozialen Ursachen des Verbrechens nicht, obschon er ihrer ausdrücklich gedenkt und auf sie nur darum nicht weitschweifig eingeht, weil er eben Anthropologie und nicht Kriminalstatistik bieten will. Man legte ihm die Torheit unter, er wolle das Urteil des Richters durch eine anthropologische Diagnose ersetzen und über Schuld oder Nichtschuld eines Angeklagten nicht nach den Ergebnissen der Untersuchung des Tatbestandes, sondern nach der Form* seines Schädels und seiner Nase entscheiden. Es wäre eine Beleidigung Lombrosos, ihn gegen diese Dummheit oder Tücke zu verteidigen. Jeder Gutgläubige begreift, daß über das Verbrechertum im allgemeinen ein neues Licht verbreitet wird, wenn die Wissenschaft nachweist, daß 75 bis 80 Prozent aller straffälligen Verbrecher Entartungsmerkmale tragen, und daß in einem konkreten Falle diese Merkmale bei einem Missetäter gleichwohl fehlen können, ohne daß dies den Wert der aus Massenuntersuchungen abgeleiteten Lehrsätze beeinträchtigt. Eine Wahrheit kann nicht erwürgt werden; die von Lombroso gefundene setzte sich siegreich durch. Seine Lehre schuf nah und fern tatkräftige Überzeugungen. Die Kriminalanthropologie, die er gegründet hat, ist zu einer regelrechten Wissenschaft ausgebaut worden. Sie hat Zeitschriften in allen Kultursprachen, eine kaum mehr zu übersehende Literatur, fruchtbare Kongresse und Hochschullehrstühle, von denen manche sogar mit Männern besetzt sind, die sich als erbitterte Gegner Lombrosos ' eingeführt haben - das ist der Humor des Betriebes der jungen Disziplin. Auch über den kriminalistischen Vereinigungen, in denen sein Name nicht ausgesprochen oder nur mit Schmähungen genannt wird, schwebt Lombrosos Geist. Sein Einfluß ist in allen Strafgesetzen und Strafvollzugsvorschriften zu spüren, die in dem letzten Jahrzehnt erlassen oder geändert wurden. Die Anschauungen der Bildungsgeschichte von Verfehlung und Sühne, von Gesellschaftsverteidigung und Besserung der Schuldigen sind unter der Einwirkung seiner Lehren in langsamer, doch unaufhaltsamer Umwandlung begriffen. Er ist das anerkannte und verehrte Haupt einer Schule, die in Italien blüht, sich durch alle Länder verzweigt, zahlreiche junge Talente in sich schließt und mit feurigem, fruchtbarem Arbeitseifer schafft. Er hat den Hochgipfel des Ruhmes erstiegen und blickt auf eine eroberte Welt hinab. Im Laufe seiner Entartungsstudien begegnete er noch einer anderen Erkenntnis: der von der Wesensverwandtschaft des Genies und der Geistesstörung auf degenerativer Grundlage. Dem Nachweis dieser Beziehung gilt der zweite Teil seiner Lebensarbeit, deren Frucht das große Werk „Der geniale Mensch" ist. Ich bekenne, daß ich in dieser Richtung dem Meister nur zögernd und noch ohne innern Anschluß folge. Ich glaube, er faßt den Begriff Genie zu weit oder zu ungenau und wendet diese Bezeichnung auf viele an, die ich Pseudogenies nenne und in deren Werken und Taten ich