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Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Menschen und entwickelt ganz einfach die Theorie von der tierischen Abstammung unserer Gattung, von unserer Verwandtschaft mit den großen Affen. Es versucht, einen Stammbaum aufzustellen, der die Menschenlinie noch weit über die Vierhänder hinausführt. Es gibt sogar bereits die später die ganze Biologie revolutionierende Hypothese an. dal» die Ontogenie die Phylogenese verkürzt wiederholt, und weist diese Erscheinung an der Sprache nach, die auch in ihren vorgeschrittensten Formen noch Spuren der Anfügung, Agglutination und Einverleibung erkennen läßt, durch die sie im Laufe ihrer Entwicklung hindurchgegangen ist, und die für gewisse Sprachfamilien die erreichte oberste Stufe darstellen. Mit einem Worte: in dem Buche ist die ganze Evolutionstheorie nicht etwa bloß vorgeschattet, sondern fest umrissen, und es schwingt sich in seinen kühnen Verallgemeinerungen und philosophischen Folgerungen zu den höchsten Aussichtspunkten der darwinistischen Weltanschauung empor. Das Buch erschien 1859. fast gleichzeitig mit Darwins „Entstehung der Arten", die Lombroso also nicht kennen konnte, wie er auch Laniarck und Spencer nicht kannte. Es machte keinen Eindruck auf die Zeitgenossen. Italien stand am Vorabend des Krieges, aus dem es geeint hervorgehen sollte, und hatte für Anthropologie nichts übrig. Außerhalb Italiens aber konnte das Buch den Wettbewerb mit Darwins grundlegendem Werke nicht aufnehmen, denn bei Lombroso war vieles Intuition, was bei Darwin das Ergebnis langer, mühseliger, ins einzelne gehender Beobachtungen und Versuche war, und in der Wissenschaft wiegt ein Experiment hundert Ahnungen auf. Für die Welt gilt mit Recht Darwin als der Vater der Evolutionstheorie. Subjektiv aber hat Lombroso dieselben Urheberansprüche, denn er hat die Theorie unabhängig von dem großen Engländer gefunden, der ihm in ihrer Durchbildung und Veröffentlichung, durch das Schicksal begünstigt, zuvorgekommen ist. Der Krieg in der Lombardei bestimmte ihn, als Militärarzt in das italienische Heer einzutreten, in dem er sechs Jahre lang diente. Seine Kriegserfahrungen faßte er in zwei Abhandlungen über Amputationen der Gliedmaßen zusammen, die mit dem Riberi-Preis ausgezeichnet wurden, der einzigen akademischen Belohnung, deren er sich rühmen kann. Sein Regiment wurde nach Kalabrien versetzt, und hier regte ihn die Verschiedenheit der Volkstypen, die er dauernd vor Augen hatte, zu eingehenden anthropologischen Studien an, aus denen sein ..Versuch einer anthropologischen Geographie Italiens" hervorging. Er untersuchte und maß über 4000 Individuen und erwarb den Blick für anatomische Norm und individuelle Abweichungen, der ihm später die Aufspürung der Anomalien beim geborenen Verbrecher wesentlich erleichterte. Nach einiger Zeit wurde dem Regiment Pavia als Standort angewiesen und Lombroso benützte den Aufenthalt in einer Universitätsstadt, um sich durch regelmäßigen Besuch der Provinzialirrenanstalt in der Psychiatrie weiter auszubilden. Seine militärischen Vorgesetzten sahen es jedoch nicht gern, daß er wissenschaftlichen Arbeiten oblag. Das vertrug sich ihrer Ansicht nach nicht mit dem Dienste. Sie machten ihm Schwierigkeiten und schuriegelten ihn bei jeder Gelegenheit, bis er es «nicht länger ertragen wollte und seinen Abschied nahm. Er habilitierte sich als Privatdozent der Irrenheilkunde an der Universität und übernahm eine Abteilung an der Irrenanstalt, die ihm bereitwillig anvertraut wurde, weil er keine Besoldung verlangte. Da er mittellos war. machte er, um zu leben, in den Nächten elend bezahlte Übersetzungen für knickerige Verleger. So übertrug er damals Moleschotts „Kreislauf des Lebens" ins Italienische und wurde dadurch der eigentliche Veranlasser der Berufung des holländischen Physiologen auf einen italienischen Lehrstuhl. Es war eine teure Zeit für Lombroso, und manchmal war er nahe daran, zu verzagen. Da trat unerwartet die Schicksalswende ein: er erhielt eines Morgens die Mitteilung, daß er zum Vorsteher der Irrenanstalt und Universitätsprofessor mit auskömmlichem Gehalt ernannt sei. Das war das gesicherte Dasein. Das war das Glück. Er hatte nunmehr festen Boden unter den Füßen, und dieses Bewußtsein fachte in ihm unbekannte innere Gluten an. In zwei Fiebernächten schrieb er seinen Antrittsvortrag „Genie und Irrsinn*, der in dreißig Seiten alle Leitgedanken angedeutet enthielt, deren Entwicklung später sein gleichnamiges weltberühmtes Buch ergab. Für den jungen Professor begann ein Jahrzehnt stolzer Kämpfe und Leiden im Dienste der Wahrheit, die ihm Gelegenheit gaben, Abgründe der Menschennatur zu loten, aber auch fürstliche Vornehmheit des Charakters zu bewähren. Das größte Kontingent zu den Insassen der von ihm geleiteten Irrenanstalt stellten Pellagrakranke. Das Pellagra ist ein fürchterliches Siechtum, das mit einem aussatzähnlichen Hautleiden beginnt und mit völliger Zerstörung des Hirnes und Nervensystems endet. Lombroso ging seinen damals völlig unbekannten Ursprüngen nach und entdeckte, daß das Uebel durch ein Gift verursacht wird, das sich im verdorbenen Mais, der Hauptnahrung der lombardischen Feldarbeiter, entwickelt. Zu einer Zeit, als man von krankheiterregenden Bakterien und Toxinen noch nichts wußte, gelang es ihm, das Pellagratoxin aus dem verdorbenen Mais zu ziehen und damit an Versuchstieren Pellagraerscheinungen hervorzurufen. Er trat mit seiner Entdeckung freudig hervor und erwartete in seiner Arglosigkeit, daß man in ihm einen Wohltäter der Menschheit erkennen würde. Jawohl! Es gab nur einen Schrei der Empörung gegen ihn. Die Universitätskollegen behandelten ihn als verrückt, die Privatärzte als einen Quacksalber, die Regierung als einen Volksaufwiegler und Umstürzler, die Gesellschaft als einen Schwindler. Warum? Aus einem einfachen Grunde: die lombardischen Großgrundbesitzer hatten die einträgliche Gewohnheit, ihren schlechten Mais, der nicht marktgängig war, an ihre Tagelöhner zu verfüttern, und Lombroso forderte, daß ihnen verboten werde, das Giftzeug als Menschennahrung zu verwenden. In öffentlicher Sitzung des lombardo-venetischen Instituts sagte ihm ein Kollege, er sei ein Träumer, und seine Versuche seien Einbildung. Lombroso forderte die Einsetzung eines Ausschusses, vor dem er sie wiederholen wolle, das Institut wählte seine erbittertsten Feinde zu Mitgliedern. Er zeigte das Pellagragift und seine Wirkungen an Tieren. Der Ausschuß konnte die Tatsachen nicht ableugnen, aber er verstieg sich zur Beschuldigung, Lombroso habe dem Maisauszug Strychnin beigemischt, um an seine Giftigkeit glauben zu machen! Er rief das Gutachten Berthelots an, und der Pariser Chemiker erklärte, der Auszug enthalte ein krampferregendes und in größerer Menge lähmendes Gift, daß aber trotz mancher Ähnlichkeiten von Strychnin verschieden sei. Vor der Autorität des berühmten Franzosen mußten die Lombarden sich beugen. Auf wissenschaftlichem Gebiete geschlagen, übten sie auf gesellschaftlichem Vergeltung. Die mächtige Kaste der Großgrundbesitzer und ihre Gefolgschaft in allen Kreisen ersparten Lombroso keine Verfolgung und keine Verleumdung. Er ließ sich indes nicht bange machen. Der schüchterne, stille Gelehrte, der jedem Gewühl ängstlich aus dem Wege ging, wurde zum Volkstribun. Der Mann des Laboratoriums und Krankenzimmers trat auf den lärmenden Markt hinaus und rief die Leidenschaften der Menge an. Er wurde Wanderredner; er schrieb für die Zeitungen Streitartikel; er erzwang sich auf allen Kongressen Gehör und erreichte schließlich, daß die Lohn- und Ernährungsverhältnisse der bis dahin vorbestimmten Pellagraopfer wesentlich verbessert wurden. Die amtliche Wissenschaft schwieg seine Entdeckung tot, bis sie Gemeingut aller Schichten geworden war, und behandelte sie dann als einen Gemeinplatz, den man immer gekannt hat und keinem einzelnen Entdecker gutzuschreiben braucht. Die alte Schurkenmethode, um disziplinwidriges Verdienst autoritativ zu erwürgen! Der zehnjährige Kampf stählte seinen Charakter wunderbar, verleidete ihm jedoch das kleine und kleinliche Pavia, so daß er es wie eine Erlösung empfand, als er 1876 nach Turin berufen wurde, wohin ihn auch Familienverbindungen zogen, da er inzwischen

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