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Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 18 DIEIqKELT 13 f □ □□□□□ FEUILLETON □ □ □ □ D □ jj O CESARE LOMBROSO Von MAX NORDAU (Geschrieben zum 28. April 1906) *) Die große Festhalle der Turiner Universität wird am 28. April der Schauplatz einer eindrucksvollen Feier sein. Mit der Er- ■ >ffnung des VI. kriminal-anthropologischen Kongresses wird eine •hrung Cesare Lombrosos verbunden, die nach den Vorbereitungen in die glanzvollen Dichterkrönungen auf dem römischen Kapitol n den Jahrhunderten der Renaissance erinnern soll. Die Apotheose nüpft nicht gerade, v/ie vielfach geglaubt wird, an den 70. Geburtsag des großen Forschers an. Er ist am 18. November 1835 geboren. )er Tag fällt auch nicht genau mit seinem dreißigjährigen Professor- .ibiläum zusammen. Er erhielt seinen Turiner Lehrstuhl vor etwas iehr als dreißig Jahren und hatte damals schon seit einigen Jahren ■;i Pavia Psychiatrie gelehrt. Es handelt sich nicht darum, pedantisch in bestimmtes Datum hervorzuheben. Der Kongreß für Kriminalnthropologie ist einfach als geeignete Gelegenheit erkannt worden, om Schöpfer der Wissenschaft, deren Pfleger aus beiden Welten •tzt in Turin versammelt sind, die Stirn mit Lorbeer zu bekränzen- ,s hat die Jünger gedrängt, dem Meister zu huldigen, dem sie ihre osten Kenntnisse und fruchtbarsten Anregungen verdanken, und : einer weittragenden Kundgebung den Hochrang auszurufen, den nach ihrer und seines Vaterlandes Schätzung unter den führenden eistern der Zeit einnimmt. Das Leben, das hier in einem Triumphe gipfelt, ist reich an nerem Heldentum, an tragischem Suchen, Irren und Wagen und i beglückenden Funden. Den Strebenden hielt immer die Ahnung -s Zieles, den Kämpfenden die eherne Überzeugung von der Unsiegbarkeit der Wahrheit aufrecht. Seine Anfänge waren grausam hwierig, wie die aller Menschen der Auslese, die ihre Kraft an Verständen entwickeln und erproben müssen. Das Stemmen der ewichte, das Athletenmuskeln macht! Er ist ein Sohn Veronas id hat als Kind im römischen Zirkus Eidechsen gefangen und vischen grellbunten Sonnenschirmen der Verkäuferinnen auf der iazza delle Erbe gespielt. Aber die Sonnenfeste in der feierlich .utlosen Arena gewöhnten ihn nicht an weichliche Träumerei, ind der tägliche Anblick der Scaligergräber und des stets von naiven ädekerträgern andächtig umstandenen Sarkophags von Julia Capulet ichtete in ihm keinen romantischen Hang. Dem erstaunlich frühsten Kinde schien das Leben immer zauberischer und geheimnisoller als alle Zeugen einer toten Vergangenheit, und ihm ging hie dämmernde Erkenntnis vom unaufhörlichen Walten des Entwicklungsgesetzes in Natur und Menschheit in einem Alter auf, wo Minen und Erraten sonst noch lange nicht Fähigkeiten des keimenden ieistes sind. Immerhin wächst ein empfänglicher Knabe nicht unter Geschichtsünkmälern auf, ohne die Anziehung des Gewesenen zu erleiden. - esares erste Liebe waren die großen römischen Historiker, er verklang Titus Livitis, Sallust und Tacitus, wie seine Altersgenossen -obinson Crusoe; sie weckten zuerst in ihm den Drang zu schrift- - tellerischer Betätigung, und er brachte es fertig, als zwölfjähriger *unge einen „Versuch über die Größe und den Niedergang von ^om" nicht nur zu schreiben, sondern sogar in einer Zeitschrift niterzubringen. Die alten Sprachen hatten es ihm angetan, und r gedachte, sich der klassischen Philologie zu widmen. Zu jener <^eit lebte in Treviso ein großer Gelehrter und tiefer Denker, Paolo *) „N. Pr. Pr.*\ Wien. Marzolo, dem weder die Mitnoch die Nachwelt gerecht geworden ist. Er veröffentlichte im Jahre 1848 den ersten Band eines Werkes mit dem dunklen Titel: „Die Geschichtsdenkmäler, durch die Sprachanalyse entschleiert." Es enthielt blitzähnliche Durchleuchtungen nächtiger Irrgärten des menschlichen Denkens, neue und kühne Gedanken über die Gesetze der Sprache und eine Vorwegnahme jener Deutung des Wortes als Offenbarung des Charakters und Geistes seines Schöpfers, die Steinthal und Lazarus ein Menschenalter später bis zur Übertreibung und Verirrung der „Völkerpsychologie auf Grundlage der Sprachvergleichung" ausgestalten sollten. Das Werk blieb im Tumult des Revolutionsjahres vollkommen unbeachtet und sein entmutigter Verfasser hat es nie vollendet. Cesare aber las es und war davon derartig gepackt, daß er keine Ruhe fand, ehe er ihm in dem Lokalblattchen von Verona eine begeisterte, doch zugleich merkwürdig verständnisvolle Besprechung widmete. Marzolo bekam den Aufsatz zu sehen und schrieb dem unbekannten Verfasser, wie dankbar er ihm für die Würdigung sei und wie glücklich er sich schätzen würde, ihn persönlich kennen zu lernen. Das ließ Cesare sich nicht zweimal sagen. Tapfer nahm er den Zug nach Treviso und trat, wenngleich mit Herzklopfen, bei Marzolo ein, der seinen Augen nicht trauen wollte, als er statt des erwarteten bebrillten, womöglich kahlen Berufsgenossen einen errötenden Knaben vor sich sah. Aus der Begegnung entwickelte sich eine mehrjährige Beziehung. Der junge Lombroso verließ den regelrechten Studiengang am Gymnasium und trieb mit Marzolo orientalische Philologie. Er lernte Hebräisch, Chaldäisch, Ägyptisch und Chinesisch und ging mit genialem Spürsinn den auch heute noch nicht aufgedeckten tiefen Zusammenhängen zwischen diesen Sprachgruppen nach. Aber Marzolo hatte an sich selbst erfahren, welche brotlose Kunst Sprachforschung damals in Italien war, und er hatte seinen Schüler zu lieb, um ihm nicht ein helleres Los als das eigene zu wünschen. Er bestimmte ihn, einen Beruf zu wählen, der ihn ernähren konnte, und der Philologie nur wie einer geheimen Jugendliebe treu zu bleiben. So wurde Lombroso der Medizin zugeführt, der er sich alsbald mit dem ihm eigenen Ungestüm leidenschaftlich hingab. Er erwarb den Doktorgrad in Padua und ging zur weiteren Ausbildung auf einige Zeit nach Paris und Wien. Vom Anbeginn zogen ihn Nerven- und Geisteskrankheiten besonders an, und noch als Student veröffentlichte er zwei Arbeiten über „Geistesstörungen im Altertum'4 und über den Wahnsinn Cärdanos — des jedem Mathematiker bekannten Urhebers der „cardanischen Formel" —, von denen die zweite bereits die These von der Wesensverwandtschaft zwischen Genie und Irrsinn aufstellte, deren Begründung und Verteidigung ein Teil sc.nes Lebenswerkes werden sollte. Sein erstes großes Buch behandelte indes, ein Gebiet, auf das keine dieser Vorarbeiten hinwies. Es war „Der weiße und der farbige Mensch", ein Werk, das so ergreifend ist wie ein Mensch von höchster Begabung, dem feindliche Lebensverhältnisse nicht gestatten, sich zu entfalten und seine Geschicke zu erfüllen. Lombroso widmete es seinem alten Lehrer Marzolo, gewiß aus dankbarer Anhänglichkeit, aber auch wie aus einem dunklen Gefühl, daß es unter demselben Unstern geboren war, wie der sprachwissenschaftliche Torso des Meisters. Es behandelt den Ursprung des

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