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Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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DlE^Kl ELT No. 18 :jppi ifit, , *y iSil +ti. fH:' i SK ■J <> I ir1'?! ooooooooooooooo r?- ^- NOTIZEN ooooooooooo 3 Die Fortschritte Palästinas Das englische auswärtige Amt hat soeben den Bericht des Konsuls Dickson über Handel und Verkehr in Palästina im Jahre 1005 veröffentlicht. Aus diesem Berichte geht hervor, daß die Handelsverhältnisse im verflossenen Jahre sehr günstige waren. Das ist zu ersehen aus dem Wachsen der Ziffern von Export und Import, besonders aber derTonnenzahl der Schiffe, die im Laufe desJahres 1905 im Hafen von Jaffa einliefen. Der Gesamtwert der exportierten und importierten Waren betrug 831 820 Pfund gegen 768620 im Jahre 1904. Der Export stieg um 24,6 °|g. Die Gesamtzahl der Schiffe, die Jaffa im Vorjahre anliefen, betrug 971 gegen 898 im Jahre 1904. Davon waren 13 °/o britische Schiffe. Den Aufschwung schreibt der Konsiliarbericht den reichlichen Niederschlägen, dem Aufblühen der Orangen- und Getreidekultur und der Abschaffung der Quarantainebeschränkungen zu. Auch die Eisenbahnlinie Jaffa-Jerusalem hat viel dazu beigetragen. Der Konsiliarbericht konstatiert auch, daß in den jüdischen Kolonien die Weinkultur besonders günstige Ergebnisse zeitigte. Die Experimente, die mit der Akklimatisierung von Baumwolle gemacht wurden, sind nicht sonderlich gelungen, aber nur aus Mangel an nötiger Sachkenntnis. Die rationell betriebene Baumwolipflanzung ist für die Zukunft sehr verheißungsvoll, da der Boden sehr geeignet ist. Auch der Geldverkehr Palästinas steigert sich immer mehr, und Geld wird flüssiger. Dieselben günstigen Berichte erteilt auch der Konsiliarbericht über Gaza und Berscheba. Jüdische Kolonisation in Paraguay Das Angebot einer kleinen Insel Man schreibt uns aus Buenos Aires: Die anormale Lage der Kolonisten in den jüdischen Siedlungen Argentiniens, die unter der Patronanz des J. C. A. stehen, hat eine beträchtliche Auswanderung der Kolonisten aus diesem Gebiete zur Folge. Die Willkürlichkeiten der von der J. C. A. eingesetzten Verwalter, wie z. B. die vor kurzem in Moisesville begangenen Übergriffe des Administrators Babe und viele ähnliche Vorfälle in anderen Kolonien, bewogen zahlreiche Kolonisten, aus Entre Rios auszuwandern. Aus demselben Grunde siedelten sich viele Kolonisten aus Mauricio in den Gebieten der kolonisatorischen Unternehmung Stroeder an; ebenso wurden jüdische Deputationen ausgesandt, um die Staatsdomänen in den Provinzen von San Luis, Mendoza u. a. auszuforschen. Einige Kolonisten aus Mauricio schickten sogar eine Delegation zur Regierung von Paraguay, um eine Konzession für die Besiedlung zu erwirken. Die Regierung zeigte sich sehr entgegenkommend, aber die Delegation konnte kein passendes Terrain finden. Eine englische Ansiedlungsgesellschaft bot für die jüdische Kolonisation die Insel von Yacyreta an, die im Flusse Paranä gegenüber von Posadas de Missiones gelegen ist. Die Insel ist 50 000 ha groß, wird in Stücke zu 25 ha geteilt und zum Verkauf angeboten gegen Auszahlung innerhalb 5 -10 Jahren. Nach den Berechnungen der englischen Gesellschaft wird .jedes Hektar 25—30 Pesos kosten, von denen lio sofort in bar zu entrichten ist. Die Gesellschaft verpflichtet sich, Magazine zu errichten, die den Kolonisten alles Nötige bieten werden, und den Kolonisten auch beim Verkauf ihrer Produkte an die Hand zu gehen. Die Insel hat eine reiche tropische Vegetation. Es findet sich Ebenholz, Baumwolle, Zuckerrohr, Tabak, Orangen, Bananen, Reis u. a. Das Klima ist trocken, gemäßigt und gesund. Die Transportmöglichkeiten durch die Bai von Paranä bis Corrientes und Buenos Aires sind gute. Die Regierung von Paraguay projektiert auch Eisenbahnanlagen von Villa Rica an der Paranä-Küste bis Posadas in Argentinien, wodurch der Transport zu Lande erleichtert werden wird. Die Republik von Paraguay ist 259100 qkm groß mit insgesamt 656000 Einwohner, also 2,6 Einwohner auf den Quadratkilometer. Um die erwähnte Insel herum befinden sich größere Städte wie Itapua und am andern Ufer Posadas, das schon zu Argentinien gehört. Die Regierung will den Kolonisten die Wahl eigener Behörden gestatten. Die Unterhandlungen mit der Regierung führten die Herren Rabbinowitsch, Becker und Neumann. Die Verhandlungen sind noch nicht zum Abschluß gelangt. Cesare Lombroso war in den letzten Tagen der Gegenstand begeisterter Huldigungen. An anderer Stelle unseres Blattes bringen wir eine Würdigung des Lebenswerkes Lombrosos. Keiner war mehr berufen, sie zu bieten, als Max Nord au, sein Freund, sein Mitstreiter. Es erübrigt uns hier nur noch, auf einige kleine Daten hinzuweisen, die uns Lombroso, den Juden, näherbringen. Lombroso stammt aus einer alten piemontesischen Familie; unter seinen Vorfahren und Verwandten gab es zahlreiche hervorragende jüdische Gelehrte und Rabbiner. Einer seiner Verwandten war auch David Levi, der bekannte italienische Dichter und Freiheitskämpfer. Dem Zionismus ist Lombroso aktiv nicht beigetreten. In vieler Erinnerung aber wird noch der mit stürmischem Beifall aufgenommene Brief sein, den Lombroso an den zweiten Zionistenkongreß richtete und worin es u. a. heißt: „Aber wenn ich auch leiblich zu alt bin, bin ich es doch nicht dem Gefühle nach. Sagen Sie unseren Freunden, daß, wenn ich 30 Jahre jünger wäre, ich einer der heißblütigsten unter ihnen wäre." Über die außergewöhnlichen Ehrungen, die Lombroso in diesen Tagen entgegengebracht wurden, wird berichtet: Im Festsaale der Turiner Universität fand am 28. April um 10 Uhr in Verbindung mit der Eröffnung des sechsten kriminal-anthropologischen Kongresses eine feierliche Ehrung des ersten Vorsitzenden dieses Kongresses, seines Gründers und des Schöpfers der von ihm gepflegten Wissenschaft, Professors Cäsar Lombroso, statt. Der mit Palmen geschmückte Saal war von Turiner Hochschülern, Kongreßmitgliedern und ihren Damen und den Spitzen der piemontesischen und Turiner Behörden gefüllt. Den Vorsitz beim Festakte führte der Rektor der Turiner Hochschule, Gi roui. Der gewesene Unterrichtsminister Professor Bianchi dankte Lombroso für sein Lebenswerk, das die Turiner Hochschule, Italien und die Menschheit ehre. Bürgermeister-Beigeordneter Bincerl e aus Verona überbrachte die Grüße der Geburtsstadt Lombrosos, die auf ihren großen Sohn stolz sei. Der Rektor der Hochschule von Pavia erinnerte daran, daß Lombroso zuerst dort gelehrt hatte, ehe er in Turin Weltruf erwarb, und drückte die Gefühle der Universität aus, deren Geschichte sein Name immerdar schmücke. Es sprachen dann französisch Professor Prince für Belgien, Maria no für Rumänien, Gesandter Vesnitsch für Serbien, Sniders und Vanhamel für Holland, Rüstern und Vatnbery für Ungarn, Lacassagne (Lyon) für Frankreich, ein Generalarzt im Namen des italienischen militärärztlichen Korps, dem Lombroso in seiner Jugend angehört und in welchem er auf den Schlachtfeldern der Befreiungskriege die Tapferkeitsmedaille erhalten hat, drei Hochschüler der Universitäten Turin und Rom im Namen der Jugend, die Lombrosos Lehre befruchte. Professor Sommer (Gießen) sprach zur allgemeinen Freude italienisch im Namen der Gießener Hochschule und der Deutschen Gesellschaft für Irrenheilkunde, deren Grüße an Lombroso und Italien er überbrachte. Claparede (Genf) sprach für die Schweiz. Max Nordau, stürmisch akklamiert, hielt eine formvollendete Beglückwünschungsrede in französischer Sprache. Zum Schluß sprach Enrico Ferri für die Jünger Lombrosos und die Mitglieder der Lombroso-Schule. Alle Redner hoben die Verdienste des genialen Forschers hervor, beleuchteten verschiedene Seiten seines Lebenswerkes und zeigten dessen wissenschaftliche und soziale Tragweite sowie seinen Einfluß auf Gesetzgebung, Strafrecht und praktische Rechtsprechung. Vambery wies u. a. darauf hin, daß der größte deutsche Gegner Lombrosos, Professor v. Liszt, selbst von den Lehren, die er zu bekämpfen vorgibt, ganz durchtränkt sei, daß alle seine eigenen Arbeiten davon beeinflußt und bestimmt sind. Der Schriftführer des Kongresses, Mariani, verlas die eingegangenen Begrüßungsdrahtungen und Zuschriften, von denen ein Telegramm des Königs Viktor Emanuel aus Mailand einen Begeisterungssturm entfesselte. Viktor Emanuel begrüßt in Lombroso einen der berühmtesten Söhne Italiens, der sein Vaterland ehre, dankt ihm für seine Arbeiten und Mühen und wünscht ihm noch viele und fruchtbare Lebensjahre. Der Kriegs- und der Unterrichtsminister sandten gleichfalls Drahtungen. Hierauf übergab der Vorsitzende einen bronzenen Ehrenschild, eine goldene Schaumünze und einen Sammelband von Arbeiten der Lombroso-Schüler, die dem Jubilar zu Ehren gestiftet wurden. Lombroso, trotz seiner 70 Jahre frisch und lebhaft wie ein junger Mann, betrat unter einem stürmischen Ausbruch von Begeisterung, der mehr an neapolitanisches als an das sprichwörtlich kalte piemontesische Temperament erinnerte, die Rednerbühne, um für die Ehrung, tiefbewegt und bescheiden, zu danken und, nach dem italienischen Dank französisch fortfahrend, die Arbeiten des Kongresses mit einer Übersicht über den .Werdegang und den heutigen Stand der Kriminal-Anthropologie zu eröffnen. Die Feier endete um 12 Uhr.

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