Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 18 DIEEqKELT 11 Den Sabbatianern (Maiminen) gegenüber verhält er sich frostig bis ans Herz hinan, voller Zweifel und Mißtrauen. Trotzdem die Jünger jenes sonderbaren Messias seit dritthalb Jahrhunderten den Islam angenommen haben, somit als wahre und echte Rechtgläubige gelten sollten, will der Mohammedaner noch immer nichts von ihnen Wissen. (Dritthalb Jahrhunderte sind es nämlich, seit Sabbatei Zewi den Islam und den Namen Mehmed Capidji Baschi angenommen hatte, unter dem Sultan Mohammed IV., mit ihm viele Anhänger.) Jedermann in Saloniki weiß, daß die Sabbatianer nach dem Tode Zewis heimlich Juden waren. Heute ist das nicht mehr der Fall. Aber echte Mohammedaner sind sie nicht. Sie haben auch nicht das rechte Zeug dazu. Es sind durchaus moderne Menschen, diese Marannen des Islam, mit westlichen europäischen Allüren und Tendenzen. Sie kleiden sich alla Franca, lassen ihre Söhne moderne Sprachen lernen, sind ganz vorzügliche Geschäftsleute und Rechenmeister, reisen viel nnd sind gar nicht fromm (im Gegensatz zum echten Türken, der religiös bis zum Fanatismus ist). Jeder nimmt sich nur eine Frau, obwohl es das Gesetz Mohammeds und ihre Mittel erlaubten, sich einen ganzen Harem zu halten. Diese Neutürken sind kluge Leute. Sie bleiben in Saloniki, denn nur in dieser Stadt des ottomanischen Reiches konnten und können sie ruhig leben und Reichtümer sammeln. In Saloniki war von jeher das türkische Element in der Minderheit, — und die Eruptionen liegen die Scheintürken, welche sie sonst in einer anderen Stadt vertilgt hätten, —- in der Judenstadt Saloniki waren sie nicht zu iürchten. Von den Juden als Abtrünnige gemieden, von den Türken angefeindet und verdächtigt, bildet diese große Kolonie der Sabbatianer eine Enklave innerhalb der bunt gemischten großen Handelsstadt. Sie würden sich in ihrer Isolierung ganz wohl befinden, wenn nicht ein unglückseliges Verhängnis ihre Zukunft, ihr Leben bedrohte. Die ganze Sekte geht an der Inzucht zugrunde, die Sabbatianer terben an der Blutarmut ab. Kein Türke gibt diesen Sabbatianern seine Tochter zur :rau, ebensowenig führt er ein Mädchen ans der Sekte der Maininen heim. Mit den Juden konnten und durften sich die Mailinen nicht verschwägern, und Mischehen mit Christen kommen überhaupt nicht in Betracht. Und so sehen wir die aus verhältnismäßig wenig Familien bestehende Gemeinde dazu verdammt, nur <>n dem eigenen Safte zu zehren und zu leben. Innerhalb eines :igen Kreises zirkuliert eine kleine Menge Blutes, welche in 372 ihrhunderten keinen Zuwachs von außen erhalten hat. Die unnnigsten Ehen werden geschlossen. Onkel und Nichten, Ge- ,-hwisterkinder, die nächsten Blutsverwandten verbinden sich immer ieder. Die Professoren und Privatsanatorien in Paris und Wien ählen die Maiminen zu den besten Patienten. Anämie, Skrofulöse nd Schwindsucht grassieren in schrecklicher Weise und werden on Vater auf Kind übertragen. Ich selbst, sagt Cohen, kenne zwei >chwindsuchtskandidaten; beide sind verheiratet und haben Kinder. \her sie haben die schreckliche Gefahr doch endlich erkannt, die dugen Neutürken. Es gibt in Saloniki viele tausend arme jüdische Mädchen, welche auf eigenen Erwerb angewiesen sind. >ie armen jüdischen Lastträger, Ruderknechte Handwerker und \rbeiter sind kaum imstande, ihre zahlreiche Familie zu ernähren, eschweige denn die Töchter auszusteuern. Da müssen die Mädchen Mit arbeiten, sei es als Zigarettendreherinnen in den großen Ateliers der Monopolpachtgesellschaften oder als Arbeiterinnen in den zwei Baumwollspinnereien von Saloniki oder als Dienstboten in den »esseren jüdischen Häusern. Die Auswahl ist nicht groß, der Verteilst also klein. Mit zehn oder elf Jahren geht so ein Mädchen ■ us dem elterlichen Haus und erst nach fünf jähren harten Sklavcnüenstes verdient sie sich 70- -100 Frank jährlich. Diese jüdischen lädchen strotzen in der Regel von Gesundheit. Sie sind also as, was die Maiminen brauchen. Und nun beschreibt Cohen, ie die Maiminen neuerdings arme, aber gesunde jüdische Mädchen 1 ihre Häuser, — denn die Maiminen sind durchschnittlich wohl- <abend locken, bis sich die Mädchen an ihre Sitten und Ge- Mäuche gewöhnen, und eingelullt durch das ihnen bis daher fremde A'ohlleben zum Übertritt zum. Islam und zur Ehe bereit sind. Der Akt des Glaubenswechsels ist nur eine belanglose Formalität. Vor dem sogenannten Bezirksrat, welchem der jeweilige Vali präsidiert,;ibt der Neophyte die Erklärung ab, daß er aus Überzeugung zum ^iam übertreten wolle. Und damit ist die Sache erledigt. Innerhalb;tcht Wochen sind 25 jüdische Mädchen zum Islam übergetreten, nlle haben Sabbatianer geheiratet/— Die jüdischen Marannen nehmen Jüdinnen zur Frau. Minder klar sind die analogen Verhältnisse in Abessinien, die i^Ti im Anfange erwähnte. Die Abessinier wie die Falaschas sind Semiten1), jene Christen, diese Juden. Professor Dr. Rosen schreibt über sie im „Berliner Tageblatt": Inmitten Abessiniens wohnt, von den Christen verachtet und bedrängt, ein kleines jüdisches Volk, die Falaschas. Sie selbst halten sich für die Nachkommen palästinensischer Einwanderer und stützen sich hierin auf die Stammessagen der Abessinier. Denn diese leiten den Ursprung ihrer Dynastie von König Salomo ab. Als die biblische Königin von Saba von ihrem Besuch bei Salonion zurückkehrte, gebar sie einen Sohn Menelik I., den ersten Kaiser Abessiniens. Unter dessen Herrschaft sollen dann die palästinensischen Juden eine große Kolonie in Abessinien gegründet haben. Tatsächlich sind die Abessinier aus Südarabien in das äthiopische Hochland eingewandert. Die Inschriften in Axum (zirka 360 nach Christus) nennen die abessinisehen Könige zugleich Könige von Saba. Diese arabische Landschaft war freilich von den Abessiniern nur erobert worden, aber daß sie selbst aus Saba stammten, beweisen die sabäischen Inschriften in Icha nahe Axum. Nun nimmt man an, daß die Falaschas Reste der alten Bevölkerung sind und von den abessinisehen Einwanderern zurückgedrängt wurden. Rosen besuchte nun zwei Ansiedlungen der Falaschas; die eine in Gondar, wo sie getreu den biblischen Traditionen Ackerbau treiben. - Rosen sagt: „Zu Füßen des Dorfes breiteten sich terrassierte Äcker, die verständig und mühselig angelegt, auf eine andere Hand wiesen, als die der sorglosen Abessinier, auch die Töpferei inmitten des Dorfes verriet ein fleißiges Volk." Eine Hütte, die aussah, wie die anderen, wurde ihm als Synagoge bezeichnet. „Aber wir sahen am Halse manches Mannes, der uns als Falascha und Jude bezeichnet wurde, die blaue Schur, matel, das Abzeichen der abessinisehen Christen; eine Frau trug sogar die Tätowierung der Abessinierinnen, das Abbild der drei Halsbänder und der Schnur, an welcher das Kreuz hängt." Noch deutlicher waren die Verhältnisse in Adua, wo Rosen eine zweite Falaschaniederlassung sah. „Mitten in der Stadt bewohnen die Falaschas ein burgartig umwehrtes Quartier." Der Älteste der Falascha, „ein Mann von etwa 50 Jahren, vollbärtig und von heller Gesichtsfarbe, mehr einem Kopten als einem Abessinier ähnlich", empfing ihn. Er war mit all den Seinen Christ und tadelte das Verhalten seiner Stammesgenossen in Gondar, daß noch nicht alle zum Christentum übergetreten seien. Rosen teilt weiter mit, daß in unzugänglichen Felsenklüften noch unabhängige Falascha wohnen. Also auch hier dasselbe Bild; die Falascha treten zum Christentum, zur Religion der Mehrheit über, aber sie bilden noch immer abgeschlossene Gruppen und wohnen in bestimmten Quartieren; dem Abessinier sind sie trotz der Taufe -Falascha, Juden2). Wir sehen also an den drei Bildern, wie Juden, die in größerer Anzahl gleichzeitig die Religion des Wirtsvolkes annahmen, sich trotzdem nicht dem Wirtsvolke assimilieren und nicht vom Wirtsvolke assimiliert werden konnten. Diese Beobachtungen sind ganz unabhängig von dem Milieu, weil dieselbe Beobachtung unter dem verschiedenartigsten Milieu gemacht werden kann. Haben wir denn nicht auch in Österreich und Deutschland unsere Chuettas? Ich erinnere an den Kampf gegen den Fürsterzbischof Dr. Kohn von Olmütz, um aus vielen ein Beispiel hervorzuheben. Dr. Kohn war der Enkel eines getauften Juden; sein Vater hatte eine Slawin, zur Frau. Trotzdem nun Dr. Kohn, — abgesehen von seinem ominösen Namen, den er infolge der ihn kennzeichnenden Hartnäckigkeit nicht ablegte, — in nichts dem Judentum sich näherte, vielmehr den zahlreichen jüdischen Bewohnern seiner Diözese direkt mit Antipathie begegnete, und unter seiner Wirksamkeit auch Exzesse gegen die Juden stattfanden, ohne daß er einschritt, trotzdem wurde von der ihm untergebenen slawischen und deutschen Geistlichkeit und Laienschaft eine systematische Agitation gegen ihn entfacht, der er auch, ein in der römischen Kirchengeschichte ganz vereinzelter Fall, weichen mußte. Es würde also auch bei uns ein Massenübertritt der Juden nur den einzigen Erfolg haben, daß man die Gegnerschaft gegen die Juden auf die — getauften Juden und ihre Nachkommen übertrüge, die wieder eine besondere Gemeinschaft, auch als Christen, bilden müßten. M D. h. der Sprache nach. Denn der Rasse nach sind die Abessinier Mulatten, d. h. Neger-Mischlinge, und die Falaschas, falls sie den europäischen .luden stammverwandt sind, Hetthiter-M is chl i nge. 2) Im Anschlüsse an diese drei Gruppen will ich kurz die jüdische Kolonie in Kai-feng-fu (China) erwähnen. Sie wird schon in dem Berichte einer Jesuitenmission im i6. Jahrhundert erwähnt, ist aber wahrscheinlich noch viel älter. Diese Juden haben sich, mitten in China, unvermischt erhalten, obwohl sie keine eigenen Geistlichen und keine Kenntnis der hebräischen Sprache oder der jüdischen Religionsgebräuche mehr besitzen. Sie heiraten aber nur unter sich und tragen unverkennbar die Merkmale der jüdischen Rasse.