Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316205--48091-3343004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1 Stimme erfolgt. In der Wahlmänner-Versammlung wurden Prof. Stschepkin bestimmte, auf die Gleichberechtigung der Juden hinzielende Aufträge gegeben. Prof. Stschepkin hielt eine längere Rede und versprach, die ihm übergebenen Aufträge zu erfüllen. In Witebsk wählten sämtliche 3200 jüdische Wähler (bloß 4 Juden beteiligten sich nicht an der Wahl) Rabbiner Dr. Bruck (bis zum VII. Kongreß Mitglied des zionistischen A.-Kj. Die Christen zersplitterten ihre Stimmen. In Kowno ging nach hartem Kampfe der jüdische Kandidat Bramson durch. In Nikolajew wurden die Juden von ihren Verbündeten verraten. In Jekaterinoslaw gingen die Juden allein und fielen durch. In Kischinew erhielt der Block der Juden und K.-D. 42 von 80 Stimmen, darunter 25 Juden. In Kamenetz-Podolsk fielen die jüdischen Kandidaten Sliosberg und Baron Ginzberg durch. Elisabetgrad. Die „Retsch" konstatiert die eifrige Beteiligung der Juden an den Wahlen in Elisabetgrad. Trotz der Feiertage kamen 800 Juden aus den umliegenden Ortschaften, um zusammen mit den Stadtbewohnern für die progressiven Parteien zu votieren. Die Polizei hat auch hier.wie allerorts alles dazu getan um die Juden an der Ausübung ihrer Bürgerpflicht zu verhindern. So umzingelte sie ein jüdisches Speisehaus, wo der Rabbiner Pessis unter den Juden Wahlzettel verteilte. Alle Anwesenden wurden aus dem Speisehaus entfernt; von 60 Personen wurden die Pässe zurückgehalten, 5 andere wurden verhaftet. Temkin, Stein, Eliaschew und 6 Christen wurden als Wahlmänner gewählt. Dubossary. „Bessarabskaja Schisn" teilt mit, daß die Juden in Dubossary gezwungen waren, nach der Stadt Tiraspol, die 60 Werst entfernt liegt, zu wandern, um dort an den Wahlen teilnehmen zu können. Trotz dieser Entfernung und des Umstandes, daß die Wahlen während der jüdischen Feiertage stattfanden, beschlossen die Juden einstimmig, sich an den Wahlen zu beteiligen und für die .progressiven Kandidaten zu stimmen. CHUETTAS, MAIMINEN UND FALASCHA*) Von Dr. Leo Sofer Im folgenden wird die Geschichte dreier Gruppen von Juden skizziert, die vor allem das Gemeinsame haben, daß sie ihren Glauben ablegten und den Glauben ihrer Wirtsvölker annahmen. Diese Übertritte liegen bei den Chuettas und Maiminen schon einige Jahrhunderte zurück; trotzdem haben sie sich, ebensowenig wie die Falascha in Abessinien, wo sich dieser Prozeß erst jetzt vollzieht, nicht mit Erfolg mit den Wirtsvölkern vermischt, sondern sich als besondere Gruppe bis heute erhalten, ein Dokument für die ausschlaggebende Bedeutung der Rasse in der Geschichte. Die Chuettas gehören zu der großen Gruppe der spanischen Marannen. Wer da glaubt, daß die Verfolgungen der spanischen Juden bloß vom Religionshasse oder etwa von.ökonomischen Gründen geleitet waren, muß folgern, daß nach dem großen Gemetzel von 1391 und nach den Massentaufen der Juden von 1412-1414 die Judenfrage in Spanien, allerdings nach einem brutalen Rezepte, gelöst war. Es gab im ganzen Königreich keine Juden, der Religion nach, mehr. Die Neuchristen oder Marannen, die iin Lande geblieben waren, taten alles mögliche, um für wahre Christen zu gelten. Sie suchten eheliche Verbindungen mit den Altchristen, schmähten in der bekannten Renegatenpsychologie Juden und Judentum, und da alles dies nicht genügte, traten viele in die katholischen Orden ein oder sie wurden katholische Weltpriester. Doch auch jetzt verstummte nicht die Agitation gegen sie. Bald nach den Massentaufen hatte ein Geheimschreiber der Inquisition ein genealogisches Buch, das sogenannte grüne Buch von Aragonien, verfaßt (Graetz, Geschichte der Juden i. In diesem Buche waren mehr als hundert Familien namhaft gemacht, die sich in jener Zeit zum Christentum bekehrt hatten, samt ihren ehelichen Verbindungen mit Alt- und Neuchristen. Der Erzbischof von Toledo, Siliceo, in dessen Kapitel mehrere Marannen saßen, die ihm ein Dorn im Auge waren, gab dieses Buch 1549 neu heraus, um die Altchristen vor dem Verkehr mit den Marannen zu warnen und die Marannen zu ächten. Es entspann sich nun ein heftiger Kampf zwischen Marannen und den Anhängern des Erzbischofs, dem hauptsächlich der Dominikanerorden sekundierte. Der Papst Paul III. stand anfänglich auf Seite der Marannen, schließlich aber erlangte der Erzbischof von ihm ein Breve, laut welchem an der Kathedrale von Toledo kein Maranne mit irgend einem Amt belehnt werden durfte. Papst Paul IV. erließ dann 1559 ein Breve, nach welchem allen Mönchsorden verboten wurde, Mitglieder von jüdischem Geblüte aufzunehmen. Man bekämpfte also die jüdische Rasse. Aus diesem. Milieu heraus wird man die Geschichte der Chuettas oder Anusini begreifen. Was ist ein Chuetta? schreibt die „Kölnische Zeitung", März 1904: In dem heißen Kampfgetümmel (gemeint ist1 eine stürmische Sitzung des spanischen Parlamentes. Anm. des Aut.i fiel ein Wort, das die Freunde des Ministerpräsidenten Maura aus dem Häuschen brachte, so daß nicht viel an einem Handgetümmel gefehlt hätte. Maura wurde nämlich als ein Chuetta bezeichnet. Man muß schon das dicke Wörterbuch der Akademie •) Aus der J^ilitisch-Aiitliropologischen Revue". ') In einem spanischen Romane finde ich die Anmerkung, dal.) die Marannen sich mit dem Rufe Chitton Vorsicht begrüßten, wenn sie die Inquisition öden ihre Werkzeuge in der Nähe wähnten. Ich überlasse es dem Urteile der Philologen, zu entscheiden, oh Chuetta von Cliitlon abgeleite/ werden kann. aufschlagen, um die Bedeutung dieses Wortes zu verstehen und die Aufregung der Mauristen zu begreifen. Da stellt es sich heraus, daß auf Mallorca, wo Maura geboren ist, die Nachkommen der seinerzeit zum Katholizismus übergetretenen Juden (auf Mallorconisch iuen, daher Chuetta?) mit diesem V/orte bezeichnet wurden \). Angeblich soll Kaiser Honorius so harte Gesetze gegen die Juden erlassen haben, daß sie es vorzogen, äußerlich ihren Glauben zu wechseln, um sich Ruhe zu verschaffen; teilweise machten sie später daraus kein Hehl, was sie um so leichter tun konnten, als sie der Arianismus der Westgoten vor Verfolgungen schützte. Letztere fanden daher auch die Juden auf ihrer Seite "(geradeso, wie in Italien die Juden an der Seite der Ostgoten kämpften. Anm. d. Aut.i. Diese Politik soll ihnen dann die Bezeichnung Chuetta als Schimpfname eingetragen haben. Andere führen die Bezeichnung Chuetta auf die Inquisition zurück. Vielleicht mit mehr Recht. Jedenfalls hat sich die Verachtung und die Antipathie, die darin liegen soll, durch alle die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag erhalten. Es gibt für einen Mallorcaner noch heute keine größere Beleidigung, als Chuetta genannt zu werden, und obwohl keine historischen Belege dafür vorhanden sind, werden noch heute zahlreiche achtbare und arbeitsame Familien als Chuetta bezeichnet. Obgleich katholisch, werden ihre Familienmitglieder nicht zu den Orden und den Bruderschaften zugelassen, und wird ein Chuetta einmal Weltgeistlicher, so macht er jedenfalls nicht Karriere, und das Predigen wird ihm untersagt. Vielfach haben sich die Chuettas über diese ungerechte Behandlung bei Papst und Krone beschwert, und Nikolaus V. hat im Jahre 1450, Klemens XI. im Jahre 1704 versucht, ebenso wie Karl III., durch allerlei Verordnungen ihre Gleichstellung herbeizuführen, aber sie richteten nichts aus. Chuetta, wenn er noch nichts Böses getan hat, wird es tun, sagt das dortige Sprichwort. Und schon die Kinder zeigen auf sie mit dem Finger. Noch 1876 kam es zum Streite, da die Kirchenbehörde dem Geistlichen Taronji, gegen den nichts weiter vorlag, als dal» er aus einer Chuettafamilie stammte, das Predigen nicht gestatten wollte. Dieser schrieb darauf ein Aufsehen erregendes Buch über die religiösen und sozialen Zustände auf Mallorca. Angeblich soll man die Chuetta an ihren Gesichtszügen erkennen und an ihren Namen, unter denen allerdings auch der Name Maura genannt wird, wie die Opposition in der Physiognomie des Ministerpräsidenten denn auch den semitischen Typus erkennen will. Seiner Gesinnung nach ist er ein waschechter Klerikaler. Wenn man nun geneigt wäre, die Wirksamkeit der Rassengegensätze auf Spanien zu beschränken, so würde man in dem nachfolgenden Beispiel gleich einem Einwurf begegnen. Ich meine die Maiminen in Saloniki. Ihr heutiges Leben hat Mos. J. Cohen in der „Welt" geschildert. Wir heben folgende Stellen hervor, die eine Beziehung zur Rassentheorie haben. Cohen spricht zuerst über dieKaraiten, eine jüdische Sekte in Konstantinopel, die jeden Verkehr mit den Marannen (Maiminen), ebenso wie mit den eigentlichen Juden meidet. Der Türke hingegen macht keinen Unterschied zwischen, Juden und Karaiten. Für ihn ist derjenige Jude, welcher den Sabbat heiligt und die Speisegesetze beobachtet. Bei guter Laune gibt er den Juden und den Karäern den Ehrentitel Jahudilar. in schlechter schimpft er sie beide Chifutlar.