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Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ganze französische Aristokratie sei auf dem besten Wege, sich zu „industrialisieren". Denn von Jahr zu Jahr mehre sich die Zahl der Träger der ältesten, schon in den Kreuzzügen rühmlichst bekannten Namen, die ihre Lebensgefährtinnen unter den Töchtern reicher Kaufleute wählten. Und besagtes Blättchen führt zum Belege dafür eine kleine Liste auf, die wirklich ganz lesenswert ist. Wir erfahren da, was wir allerdings teilweise schon wußten, daß die Herzöge von Wagram und von Gramont Schwiegersöhne des verstorbenen Frankfurter Rothschild sind, daß die Herzöge von Richelieu und von Elchingen Heine'sches Blut in ihren Adern haben, und daß der Marquis de Lentillac, der Vicomte de Quelen, der Baron de Baxe dadurch Schwäger geworden sind, daß sie drei Schwestern Oppenheim heirateten. Vier frühere Fräulein Haber, deren Heimat wohl im Badenschen zu suchen ist, sind jetzt: Marquise de Grouchy, Gräfin Legrand de Villiers, Gräfin de Behague und Gräfin de Kerjegu. Die Marquise de Salignac-F6nelon hieß mit ihrem Mädchennamen: Hertz, die Marquise de Las Mar mies: Jacob, die Marquise de Breteuil: Fould, die Vicomtesse de la Panouse: Heilbronn, die Marquise de Noailles: Lach ma nn, — und so geht es munter in infinitum weiter. Ja, durch die Heirat einer Mademoiselle Cahen d'Anvers mit dem Prinzen von Faucigny- Lucinge, einem Enkel des Herzogs von Berry und Urenkel des Königs Karl X., hat die internationale Finanzaristokratie sich sogar mit dem stolzen Hause der Bourbonen verschwägert. Von dem Grafen Cahen d'Anvers, dessen neunzackige Krone aus Rom stammen soll und der der Vater der eben genannten jungen Dame war, erzählt man sich übrigens eine sehr niedliche kleine Geschichte. Ursprünglich hieß er nur Cahen und den Namen seiner Vaterstadt Antwerpen hatte er sich gewissermaßen zur Abrundung seines eigenen beigelegt. Als er nun richtiger Graf geworden war, ließ er allmählich das Cahen auf Kosten des d'Anvers mehr und mehr zurücktreten. In Köln gab er einmal bei dem witzigen Baron Oppenheim eine Visitenkarte ab, auf der stand: „Le Comte C. d'Anvers" . . . Herr v. Oppenheim erwiderte seinen Besuch prompt mit einer Karte, die da lautete: „Le Baron 0. de Cologne"..... Die Sache scheint komisch. Im Grunde ist sie ekelhaft. Wie da bewußt von beiden Seiten mit Weihwasser, Liebe, Ehe, Ahnenstolz, Ehre geschachert wird, das ist für jeden ästhetischen Menschen häßlicher als die Prostitution in den untersten Schichten der „misera plebs", deren Quellen Armut und Unbildung sind. Wenn wir doch dabei mit etwas zufrieden sind, so ist es das, daß wir auf diesem Wege ein Stück Börsenjudentum los werden. Noch zufriedener wären wir, wenn die Absorption schneller erfolgte. Weg mit dem Jobber- Ballast! Und dann — es tut unseren Ohren und Herzen weh, wenn wir hören, wie teure jüdische Namen durch die späten Börsenenkel erniedrigt und entehrt werden —■ indem ihnen der „Adel" aufgehängt wird, jener Adel, den sich einst die Raubritter und Kreuzfahrer durch Mord und Beraubung der Juden erwarben. Mögen sie sich also je früher, desto besser, ganz rassenreine, arische Namen zulegen! COTHENIANA Es war nicht meine Schuld, daß sich die Gedanken, die mir meiner Rückreise von Cöthen durch den Kopf schössen, in;ht sehr schmeichelhafter Weise mit den zionistischen Akademikern utschlands beschäftigten. In den Osterferien vorigen Jahres hatte die Palästina-Kommission M eine Anregung von seiten Cöthener Studenten zusammen mit ni Technischen Institut zu Cöthen (dem jetzigen Friedrichs- ■ 'lytechnikurn) zum ersten Male Kolonialkurse abgehalten, die sich ils mit allgemein kolonialen Fragen, teils mit den deutschen Kolonien, zum großen Teile aber mit dem Orient, speziell mit ulästina beschäftigten. Die Zahl der Hörer war damals nicht cring, die Vorlesungen waren recht gut besucht — was aber nicht ii Verdienst der außer-cöthener zionistischen Studenten war; 'im diese waren in einer so geringen Zahl erschienen, daß man nuehmen mußte, die mäßige Beteiligung sei wohl auch durch die i spät erfolgte Bekanntmachung und die unzureichende Agitation .rschuldet. Eine Vermeidung dieser Fehler und die Lektüre der Gerate über die Kurse (ich habe damals ausführlich in Altneuland '''"»er den Inhalt sämtlicher Vorlesungen berichtet) mußte nach!nserer Ansicht in diesem Jahre ein besseres Resultat zeitigen. Venigstens waren wir optimistisch genug, so zu denken. Ich habe nicht die Absicht, diesmal über die Kurse zu referieren. •V ihrend ich im vorigen Jahre 14 Tage an den Kursen teilgenommen abe, war ich diesmal nur an den zwei Tagen in Cöthen anwesend, h denen ich selbst las. Ich habe daher nur wenige Vorlesungen ■'?'»ren können, bin auch nicht ganz sicher über die Zahl der Hörer '■ientiert und beschränke mich darauf, mich hier in allgemeiner ,;"rm über die Kurse zu äußern. Ein spezielles Referat wird vielleicht von anderer Seite geschrieben. Die Agitation war diesmal früh und intensiv genug betrieben vorden. Die Vorlesungen waren nicht über 14 Tage hin verzettelt, sondern auf 8 Tage, ja die Palästina betreffenden sogar auf die letzten 4 Tage zusammengeschoben worden. Die Zahl der eingeschriebenen Hörer war schließlich nicht gering, wenn sie auch nicht die vorjährige Höhe erreichte; es sollen gegen 100 gewesen sein. Die Zahl der Auswärtigen aber betrug 10, von denen, wenn ich recht unterrichtet bin, nur 4 Juden waren. In Buchstaben: vier. Es fragt sich (bezw. es fragt sich nicht), ob bei der chronischen Ebbe im Beutel der Palästina-Kommission die Verausgabung von einigen hundert Mark für die Kurse, in denen eine Belehrung von etwa 2 Dutzend Studenten stattfindet eine rentable Anlage darstellt. Wer freilich an Ort und Stelle beobachtet hat, mit wie gespanntem Interesse eine große Zahl nicht-jüdischer Hörer den Palästina- Vorlesungen folgte, der wird sich der Ansicht nicht verschließen können, daß hier auch auf einem anderen Wege eine fruchtbringende Arbeit für den Zionismus geleistet worden ist: einer Anzahl christlicher Techniker und Ingenieure, denen Palästina, Juden und Judentum nur aus den zweifelhaftesten Quellen bekannt ist, wird ein neuer Gesichtskreis eröffnet, ein tieferes Verständnis für die Bedeutung Palästinas und für die ernsten Bestrebungen unseres Volkes% die alte Heimat wiederzuerlangen. Diese jungen Männer gewinnen unbedingt eine neue, ernste Auffassung von dem zionistischen Gedanken und werden ihn im späteren Leben in ihren Kreisen weiter verbreiten. Gleichwohl wird es sich empfehlen, im folgenden Jahre die Kurse unabhängig vom Cöthener Polytechnikum in einer großen Universitätsstadt, z. B. Berlin, abzuhalten, wo allerdings der offizielle Hintergrund fehlen würde, wo man auch wegen der beschränkteren Mittel auf die meisten technischen Vorlesungen wird verzichten müssen, um an deren Stelle einen Palästinakurs also nur zur Belehrung über die elementarsten, wie über komplizierte Palästinafragen — ins Leben zu rufen. In Berlin würde die Beteiligung selbstredend eine weit größere sein. Was auf dem letzten Kurs geboten wurde, geht ja aus dem Vorlesungsverzeichnis hervor. Ich habe, wie gesagt, die meisten Vorlesungen nicht gehört, bekenne aber, daß selbst die wrenigen Stunden, die noch fast am letzten Tage für mich abfielen, mir eine Fülle reichster Anregungen geboten haben. Ich hörte Rektor 2*

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