Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Manche Politiker werden darüber wahrscheinlich die Achseln zucken. Was ist der russischen Duma der Zionismus? Ist er denn eine innere Angelegenheit Rußlands oder der russischen Juden? Und wir antworten — ja. Diezionistischen Abgeordneten werden in der Duma den Zionismus zu vertreten haben. Zionismus heißt nicht bloß die territoriale Seite der Frage. Zionismus heißt nicht nur der formelle Programm-Zionismus. Möglich, daß sie zunächst nicht Gelegenheit haben werden, dieses reinpolitische Programm in der Duma zum Ausdruck zu bringen. Aber die Grundlage des Zionismus: Die Integrität, die Ehre und die Vollberechtigung des jüdischen Volkes werden sie verteidigen müssen. Im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden in Rußland wird ihnen die Führerschaft zufallen. Sie sind die Vertreter der bewußten jüdischen Massen, sie sind die einzigen Juden im Parlament, die eine Macht hinter sich haben. Sie werden noch mehr zu tun haben. Die Ehre der russischen Juden wird täglich, stündlich von jedem in der Welt angetastet. In Preußen werden sie brutal zu Tausenden ausgewiesen, in England werden sie nicht hineingelassen. Jeder Polizist im zivilisierten Europa darf einen russischen Juden anschnauzen. Der osteuropäische Jude wird mißachtet, auch oft von der westeuropäischen jüdischen Bourgeoisie selbst. Die zionistischen Abgeordneten in der Duma werden die Hüter der jüdischen Ehre sein müssen. Wenn man einen Franzosen irgendwo mißhandelt, empört sich nicht das französische Gewissen, — findet nicht die Entrüstung ihr Echo in Parlamentsinterpellationen, in diplomatischen Aktionen wieder? Die jüdischen Abgeordneten, besonders aber die Zionisten, müssen sich diese Aufgabe vor Augen halten. Das jüdische Volk hat ihnen seine Geschicke anvertraut, — sie mögen sich der Ehre würdig erweisen. Und wir hoffen, daß unsere wackeren Freunde, die schon so lange dem Dienste des jüdischen Volkes sich widmen und die nunmehr, vom jüdischen Vertrauen getragen, in die Duma gewählt worden sind, ihren Aufgaben gewachsen sein werden. i Während im Zentrum Rußlands und Polnische Dankbarkeit. . A . „ im Ansiedlungsrayon die Konstitutionell-Demokraten und die Juden gesiegt haben, sind sie in Polen beinahe gänzlich unterlegen. Polen hat sich wieder in seiner ganzen historischen Gestalt gezeigt. Die Polen waren immer unzuverlässige Verbündete, Verräter in der allgemeinen Sache. Knechte nach oben, hochmütige Tyrannen nach unten. Die Juden in Polen haben sich im Laufe der langen Jahre ihres Zusammenlebens mit den Polen als die treuen Bundesgenossen gezeigt. Polens Trauer war ihre Trauer, Polens Ideale waren die ihrigen. Die Sprache der Polen wurde die Sprache der jüdischen Intelligenz Polens. Jüdisches Blut ist in den Straßen von Lodz und Warschau geflossen, und aus dem Blute ist die Saat der Freiheit aufgeschossen. Sie und die polnischen Sozialisten haben den Dornenweg durchgemacht — und die Ernte fällt den polnischen Antisemiten, den sogenanten „Narodowcy" zu. „Narodowcy" heißt zu deutsch Nationalliberale — und das spricht Bände. Wenn man die Berichte aus Warschau liest, die über die brutalsten Vergewaltigungen der Juden seitens der Polen melden, wenn man die Aufrufe und Artikel in den Blättern der siegreichen Partei liest, dann wird einem sehr bange um die Zukunft der Juden in Polen. „Zyd idzie" — „der Jude geht" — war die Parole. Die hochmütigen, undankbaren, reaktionären Polen konnten es nicht begreifen, daß ein Jude ein Vertreter der edlen polnischen Nation sei. Mit Pogromdrohungen, mit tätlichen Angriffen, mit Wahlfälschungen haben sie operiert, um ihre Kandidaten durchzubringen. Und sie, die sonst gerne den „Polen mosaischer Konfession" an ihr Herz drücken, haben diesmal keinen Unterschied gemacht. Nur keinen Juden — und mochte er noch so assimiliert sein. Die polnisch-jüdischen Assimilanten haben diesen Schlag redlich verdient. Aber „es flog ein Gigack über den Rhein und kehrte als Gigack wieder heim". — Die Polen mosaischer Konfession werden nichts lernen —■ Knechte waren sie und Knechte sind sie, auch wenn ihnen der undankbare Herr mit dem Absatz seines „Rara avis!" Stiefels einen Schlag versetzt. Spricht doch der „Izraelita" schon wieder von den „reaktionären Zionisten"! Der bourgeoise „Izraelita", der Verteidiger der polnischen und polnisch-jüdischen fetten, unsympathischen, ausbeuterischen Bourgeoisie wirft den Zionisten „reaktionäre Tendenzen" vor! Welch' eine Ironie! Im Gegensatze zu den polnischen Chauvinisten, deren intransigente Haltung den Juden gegenüber sich so brutal geäußert hat, verdient die Stimme eines der wenigen wirklichen polnischen Demokraten, des Professors der slavischen Philologie Baudouin de Courtenay, besondere Beachtung. Professor Baudouin de Courtenay veröffentlicht in der „Näscha Schisn" einen Artikel zur Frage der Reformierung der Warschauer Universität, dem wir folgendes entnehmen: „Die reformierte Warschauer Universität wird die Quelle der Bildung für die Polen in und außerhalb der Länder polnischer Sprache sein müssen. Die Unterrichtssprache wird natürlich die polnische sein. Aber Privatdozenten müssen das Recht haben, ihre Vorlesungen in jeder beliebigen Sprache zu halten. Auch den Professoren soll das Recht zustehen, sich beim Unterricht anderer Sprachen zu bedienen. . . . Man muß den Standpunkt wahren, daß das polnische Volk mit anderen Völkern zusammenlebt. Und deshalb müssen die Studenten die Möglichkeit haben, das Leben des ganzen Reiches und dessen Sprache (russisch) kennen zu lernen, anderseits aber auch die Sprachen, die Weltanschauung und das Leben der verschiedenen Völker, die in Polen wohnen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, muß man die Gründung folgender Lehrkanzeln verlangen: 1. Uber die Organisation des russischen Reiches und seiner Gesetzgebung; 2. Über russische Philologie und Literatur; 3. Über lettische Philologie und Folklore; 4. Jüdische Philologie und Folklore. Der, oder besser, die jüdischen Katheder haben meiner Ansicht nach eine besonders große Wichtigkeit. Die Juden bilden einen bedeutenden Prozentsatz der Bevölkerung Polens und der Nachbargebiete und spielen eine sehr wichtige Rolle. Dessenungeachtet bleiben sie ihrem Leben, ihrer Sprache, ihren Anschauungen nach ein Geheimnis und ein Rätsel für die übrige Bevölkerung. Wenn die übrige Bevölkerung die Juden besser kennen lernen wird, so wird das von großer Bedeutung sein. Der nationale Haß wird dadurch beschwichtigt werden. Die Völker werden einander nähertreten, und der Antagonismus auf religiösem und nationalem Gebiete wird beseitigt werden. . . . Vielen Lesern wird wahrscheinlich mein Vorschlag, das Judentum kennen zu lernen, oder gar „Jargon" zu studieren, merkwürdig und sogar lächerlich erscheinen. Sei's! Mit dummem Gelächter und Haß löst man nicht historische Fragen ..." Diese Worte sind nicht nur an die Polen gerichtet. Die Anerkennung der gleichberechtigten jüdischen Volksindividualität und der jüdischen Eigenkultur von seiten eines Polen mag auch den „Polen mosaischer Konfession" zu denken geben. Wäre die Anregung von jüdischer Seite gekommen, sie hätten sicher keinen Anstand genommen, sich der Kategorie derer zuzugesellen, die „mit dummem Gelächter historische Fragen lösen" — so aber, da sie von Baudouin de Courtenay stammt, werden sie es vorziehen, sie — totzuschweigen. Im „Berliner Tageblatt" plaudert Vergoldete Wappenschilder. ejn Feuilletonist über Kaufraanns. und Adelsvermischung. Es ist nicht uninteressant, die nachfolgenden Ausführungen zu lesen, — wobei man zum richtigen Verständnis dem Feuilletonisten noch ein .klein wenig zu Hilfe kommen muß, indem man das Wort „Kaufmann" durch Jude ersetzt:. Es wird da u. a. über den Geschäftsverkehr zwischen Geldjuden oder geadelten Täuflingen und ausgepumpter arischer Aristokratie auf dem internationalen Heiratsmarkt folgendes erzählt: „ . . . Sehr spaßhaft ist der förmliche Wutschrei eines Pariser Blättchens, das mit einem Male die Entdeckung gemacht hat, die