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Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Eberhardts Vorlesung über die christlichen und arabischen Schulen Jerusalems. Rechtsanwalt Heines Demonstrationen über Sansibar und Ingenieur Speidels Ausführungen über die Wasserwirtschaft in Palästina. In dem letzteren Vortrage wurden die natürlichen Wasserverhältnisse und die großartigen künstlichen (zumeist verfallenem Wasseranlagen Palästinas besprochen und kurze rechnerische Projekte entworfen zur Herstellung wassermotorischer Betriebe und Staubewässerung des Qhor und der fruchtbaren Ebenen um den Tiberia-See durch Einbau von Stauwehren in den Jordan und den Jabbok. Die Vorlesungen sollen ja nicht das gesamte Material vor den Augen und Ohren der Hörer anhäufen. Es sollen Anregungen gegeben, Samenkörner ausgestreut werden, die im weiteien privaten Studium aufgehen sollen. Und obwohl ich die hauptsächlichsten Vorlesungen, auch die von Prof. Warburg, diesmal nicht gehört habe, haben diese wenigen letzten Stunden neue lebendige Palästinainteressen in mir wachgerufen. Jeder Student weiß, daß sich nicht alles aus Büchern lernen läßt. Es ist z.B. Prinzip im medizinischem Studium, in den ersten Semestern möglichst alles zu Erlernende in der Vorlesung zu hören und erst in den klinischen Semestern sich das theoretische Wissen in privater Arbeit anzueignen. Es ist nichts damit erreicht, wenn sich der zionistische Student hinter ein mehr oder minder elementares Palästinabuch setzt, um sich über das Land zu orientieren. Er bleibt in den primitivsten Anfängen stecken und wird sehr bald das Buch gelangweilt aus der Hand legen. Ein persönliches Interesse am Lande, eine Anhänglichkeit an und Liebe für das Land wird daraus nicht erwachsen. Es ist daher eine der wesentlichsten Aufgaben der Palästina-Kommission, eine Aufgabe, die trotz aller anfänglichen Mißerfolge nicht außer acht gelassen werden darf, die Kurse immer wieder von neuem aufzunehmen, um es jedem Zionisten, nicht nur dem Akademiker, zu ermöglichen, wenigstens einmal in seinem Leben durch die Absolvierung der Kurse sich das Wissenwerteste über das Land der jüdischen Zukunft anzueignen. Wie anders soll die Liebe zum Lande geweckt und wachgehalten werden? Durch theoretisch-politisch-ökonomisch-historische Spekulationen? Welcher Segen könnte für den Zionismus daraus erwachsen, wenn Palästinavorlesungen in den Ortsgruppen als Folge der in dem Berliner Hauptkurs empfangenen Anregungen blühen und gedeihen würden — an Stelle der fruchtlosen stundenlangen Diskussionen, die in manchen Ortsgruppen zu nachtschlafender Zeit über die unergründlichsten Fragen innerer Parteipolitik und über die höchsten bezw. tiefsten Probleme subtilster Weltpolitik verübt werden. Die Kenntnis des Landes wird ein Überspringen der Sympathien von Palästina auf ein anderes Territorium am sichersten verhüten und vor allem die mit dem historischen Boden vernagelten nationalen Empfindungen außerordentlich stärken. Auch in diesem Sinne ist Wissen Macht. Wer die Wahrheit sagen will, muß noch einen Schritt weiter gehen. Nicht nur um lebendiges Interesse wachzuhalten 'und zu pflegen, um das Herz des Zionisten an das Land der Juden zu ketten, ist eine Belehrung über Palästina nötig, nein, schon um unter den Zionisten, selbst unter den Akademikern, die Palästinakenntnisse bis auf das Niveau zu heben, das von jedem Schüler der mittleren Gymnasialklassen vorausgesetzt werden müßte. Von jedem Tertianer müßte man die präzise Beantwortung von Fragen, wie etwa der folgenden, verlangen können: Wo liegt der Hermon. und wo der Karmel? Durch welche Seen fließt der Jordan? Wie liegt das arabische Hochland zu Palästina? Wie heißen die nördlichen Arme des Roten Meeres? Und nun wolle man diese Elementarfragen unseren Zionisten vorlegen, mit Einschluß derer, die sich munter mit der Zukunft des Landes, seinen Handelsbeziehungen, der öegenwartsarbeit und anderen Palästinafragen zu befassen pflegen. Das Resultat würdi beschämend sein. Das wird jeder zugeben, der hier und da Stich proben genommen hat. Auch die geringe Verbreitung, die die Zeit schrift Altneuland gefunden hat, zeugt von diesem mangelnden Interesse und Verständnis. Dieser Tiefstand der Palästinakenntnisse macht es verständlich, daß zahlreiche Zionisten unsere Sache nur mit den Augen de; Vernunft betrachten, ohne in ihrem innersten Herzen einen Zu sammenhang mit Erez Israel zu gewinnen, ja, daß viele unserem Lande im Grunde ihres Herzens ebenso kühl gegenüberstehen wie den Ländern Surinam und Rhodesia. BRESLAU. DR- SANDLER ZUR MASSENAUSWEISUNG RUSSISCHER JUDEN Der unerhörte Akt der Ausweisungen hat die deutschen Juden müssen es sich mit Beschämung sagen - auch nicht im entferntesten das Echo der Empörung und des lauten Protestes innerhalb der deutschen Judenheit gefunden, das er hätte hervorrufen müssen, wenn nicht die deutsche Judenheit bei all ihren philantropischen und brüderlichen Aktionen eben jenes letzten, entscheidenden jüdischen Selbstbewußtseins ermangelte, das sie in Konflikten zwischen ihren innerpolitischen Anschauungen und Gewalttätigkeiten gegen Juden und Judentum fraglos auf die Seite der letzteren stellen müßte. Es zeigt sich bei diesen Massenausweisungen klar, daß die deutschen Zionisten einen großen Fehler begangen haben, als sie das „Hilfswerk", die Emigrantensache, u. a. ganz aus den Händen gegeben haben, so daß sie, wenn diese Fragen anfangen, auf ein entscheidenderes Gebiet als das der bloßen Philantropie, der diplomatischen Vermittlung usw. überzugehen, zusehen müssen, wie die Angelegenheiten der russischen Brüder von den Organisationen, denen sie anvertraut sind, in jener lauen, übervorsichtigen ,,Einerseits-anderseits"-Methode erledigt werden. Es liegt uns ja ferne, den philantropischen Organisationen, die viel Kraft und Arbeit dem Hilfswerk zugewendet haben, mit Vorwürfen heimzuzahlen. Aber das ist nun einmal eine Wahrheit, daß sie sich in wirklich krassen Fällen, wo man aufhören muß, salonfähig zu sein, Audienzen zu erbitten, zu parlamentisieren, wo man laut protestieren, schreien, kämpfen muß, ihrer ganzen Natur nach zur Vertretung der jüdischen Interessen untauglich zeigen. Die philantropischen Organisationen haben jetzt nach ihrer Art das beste getan, was sie tun konnten, wie aus dem nachfolgenden Communique ersichtlich ist. Praktisch ist damit vielleicht, nach dem man es unterlassen hat, von allem Anfang an laut und euer gisch einzuschreiten, in diesem Stadium das Meistmögliche erreich! worden. Moralisch war es vom Anfang bis zum Ende ein beschämendes Fiasko der deutschen Judenheit, die, wenn es ein ehrliches jüdisches Gewissen gäbe, wie ein Mann sich vor derÖffentlichkei' hätte erheben müssen. Unter solchen Umständen hatten auch die Proteste der deutschen Zionisten nicht die genügende Wirkung. Die Zionisten mußten notgedrungen den bereits vorhandenen Sachwaltern der Emigranten, den philantropischen Organisationen, das Wort lassen. Es sei eine Lehre für die Zionisten, sjch auch in Deutschland der Sache der Emigranten mit aller Kraft anzunehmen, damit sie, wo man außer Geld und Hilfe noch Entschiedenheit und Kraft braucht, in die Schanzen treten können. Aus Berlin versendet das Deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" nachstehendes Communique: Am Dienstag den 1. Mai, vormittags, hatten Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, der

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