Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316204--48072-3342984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„bischen Bettel" verzehrt hatte. Da ist er aus einem Schneider ein Flicker geworden. .... Doch damals ist er nicht allein zurückgeblieben. Sein Weib hatte ihm ein Mädchen zurückgelassen, ein prächtiges Kind.. . . Ja, sie, seine Sarele ist ein herziges Mädel gewesen. Sie hatte in einer Waschwerkstatt auf dem „Wolewer"*) Markt arbeiten gelernt, und wenige Jahre nach dem Tode der Mutter hatte sie bereits zu verdienen begonnen: Zwei, dann drei und endlich gar vier Rubel die Woche. Wahrhaftig, die Arbeit ist nicht leicht gewesen. Sie hatte aufs Stück gearbeitet. Drei Kopeken bekam sie für ein Paar Beinkleider, und davon machte sie täglich zwanzig! Doch die kleine Familie lebte fürstlich. Sarele war ein lebendiges, fröhliches Mädchen. Wie oft hatte der Alte zu Beginn der Nachtzeit seine innige Freude, wenn Sarele das Abendbrot bereitete und dabei ein lustiges, liebes Liedchen sang. Oder wenn gar am Sabbat abends nach dem Essen zu Sarele Qäste gekommen waren und man zu tanzen begann! Da hat sich der Alte nicht satt sehen können daran, wie sein Sarele tanzte —--über alle hat sie das Kommando geführt, und er saß auf dem Bett und lächelte ihr zu. Damals hat er sich nicht selten gedacht, daß er so recht glücklich ist.....Manchmal machte er sich im Stillen Vorwürfe, daß er seiner Tochter Aussteuer aufgezehrt, — — doch was verschlug's: Glücklich ist er gewesen, wie nur irgendeiner — — und nun plötzlich das unsagbare Unglück! Von der Werkstatt auf der „Wolewer" Gass sind drei Mädchen plötzlich verschwunden. — — Man erzählte, die Drei seien fortgeführt worden.---Der Vater eines der drei Mädchen, der etwas weniger arm war, setzte sich wirklich auf und fuhr den Dreien nach. Er brachte auch seine Tochter von der Grenze zurück. Doch Sarele, — sie hatte durch ihn ihrem Vater sagen lassen, „er solle sich keine Sorge machen, es werde ihr schon gut gehen." — — — Drei Tage und drei Nächte geht er nun umher, zerschlagen an Leib und Seele und murmelt vor sich hin: „Keine Sorge machen, keine Sorge machen!" Er ist nicht imstande, sich die richtige Bedeutung der Worte zum Bewußtsein zu bringen. „Ich soll mir keine Sorge machen!" Er wiederholt es sich hundertmal, reibt *) Der Warschauer Trödelmarkt. dann seine Stirne und kann dennoch nicht den Sinn und die Lösung für die Worte finden. Der alte Kopf ist schon stumpf und schwach geworden von den unzähligen Versuchen, sich sein Leben weiter ohne sie vorzustellen.--Ihm scheint, es läge vor ihm ein tiefer Abgrund, und er mit seinen schwachen, müden Füße schleppe sich hin. . . Er fühlt nur eines, daß mit ihr zugleich seine Seele von ihm geflohen, daß er wie tot zurückgeblieben ist. — — Das Lämpchen beginnt, immer lebhaftere Sprünge zu machen. Das zitternde Licht sticht dem Alten in die unausgeschlafenen Augen. Er wendet sich einen Augenblick ab vom Tisch. Plötzlich bleibt er stehen, starrt vor sich hin, wie gebannt vom Schrecken, Der tanzende Schatten hat ihn aufgerührt. Mit einem Male überfällt ihn der Gedanke, daß er wissen muß, was alles das bedeute, aber er kann sich an nichts erinnern.-- Und dann springt er auf und humpelt zur Tür und will hinaus, dabei aber fällt sein Blick unwillkürlich auf das verklebte Lampenglas--, und erläßt die Türklinke los. Schwerfällig setzt er sich auf den Stuhl, der vor dem Tische steht, stützt den Kopf auf die Hand und verfällt in tiefes, tiefes Sinnen, da er das zitternde Lämpchen betrachtet. Das fängt an, immer kleiner und kleiner zu werden. Zwar, die. Sprünge, so scheint es ihm, sind noch heftiger, noch lebhafter als früher. Er sieht, wie das Lämpchen zappelt, wie es sich emporreißt und weiter leuchten will. „Hm" —, murmelt er, „es hat Öl gefehlt", und dabei irren durch seinen Kopf halbe Gedanken: Was will das Lämpchen, wozu reißt es sich empor?" . . . . Er schließt die Augen und horcht dem leisen Gezische des zappelnden, flackernden Flämmchens. Es scheint ihm, als empfände er ein Vergnügen dabei. . . . Endlich hört er gar nichts mehr, fir öffnet die Augen: rings um ihn ist es stockfinster. Auf dem Dochte ist nur ein kleiner roter Rand zurückgeblieben. Ein dünner Rauch zieht langsam durchs Lampenglas in die Höhe. „Erloschen" — murmelt er wie im Traum, und ein Gedanke wird wach in ihm. Ihm ist, als sähe er sein eigenes Schicksal: Umsonst gerungen, umsonst gezappelt, umsonst gelitten!--- rO O O O O O O ]j ooojj AUS DER BEWEGUNG Rußland Die „Palästina-Pioniere" Das Odessaer Organisations-Komitee der jungen Pioniere, die nach Palästina gehen wollen (vergl. hierzu die Mitteilungen, die wir in unserer letzten Nummer brachten), teilt folgendes mit: Auf den Aufruf des Komitees haben sich Hunderte junger Leute gemeldet. Bis zum 19. März hat das Komitee über 400 Zuschriften aus verschiedenen Orten Rul31ands und Oaliziens erhalten. Alle Briefe sind erfüllt von Begeisterung und Feuer. Es meldeten sich ganze Gruppen von 30, 20 und 10 Personen aus Akerman, Bialostok, Nikolajew. Uman, Borissow, Lenkowetz, Warschau, Nischni-Nowgorod, Smargon etc. Unter denen, die sich als Pioniere melden, stehen 86 Personen im Alter von 18, 79 im Alter von 19, 63 im Alter von 20, 31 im Alter von 21, 34 im Alter von 22, 26 im Alter (foooooocT I o o o o o o o von 23, 12 im Alter von 24 Jahren. Die übrigen haben ein Alter von 25—30 Jahren. Dem Beruf nach sind unter anderem: 10 Arbeiter verschiedener Kategorien, 14 Schlosser, 12 Schneider und Modisten, 10 Tischler, 29 Pharmazeuten und Drogisten, 9 Uhrmacher, 7 Schuhmacher, 5 Strumpfstricker, 6 Photographen, 5 Maler, 4 Arztgehilfen, 3 Gamaschenmacher, 5 Goldschmiede, 3 Hutmacher, 3 Ingenieur-Techniker, 2 Ingenieur-Technologen, 5 Studenten, 3 Barbiere, 26 aus dem Kaufmanns- und Handelsstand. Außerdem haben sich gemeldet Zahnärzte, Elektromechaniker, Typographen, Erdarbeiter, Glaser usw. 90 Prozent derer, die sich gemeldet haben, besitzen das Geld zur Überfahrt. 10 Prozent haben dieses Geld nicht. Die Barvermögen der einzelnen bewegen sich von 1500 Rubeln bis 50 Rubeln. Unter den Anmeldungen kommen 14V2 von Mädchen oder Frauen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.