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Die Welt · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 17 DIE^ELT 15 O [(□□□□□□ o o -O FEUILLETON □ □□□□□ J o ' O o ALLEIN Skizze von Ch. D. NOMBERG Aus dem Jüdischen übersetzt von BERTHOLD FEIWEL Die enge Kellerstube ist matt erhellt durch ein schwaches Licht. Zitternd huscht es über den halb zerbrochenen Tisch und verflattert von da demütig, verzagt, wie mutlos. Das kleine Lämpchen raucht. Das gesprungene, zerbrochene Larnpenglas ist mit geöltem Papier verklebt, von dem ein Schatten ausgeht, der sich breit hinlegt über einen Teil des Fußbodens und dann kerzengerade in die Höhe steigt, die Mitte einer Zimmerwand hinauf. Über den Tisch beugt sich die gebrechliche Gestalt eines alten Juden, der sich damit beschäftigt, einen Schlafrock zu flicken. Er wendet ihn von einer Seite auf die andere, rückt ihn über dem Tischbrett hin und her. Seine alten, müden Augen folgen den Bewegungen seiner Hand. Mit einem Male hält er inne, faßt mit beiden Händen den Schlafrock, der auf den Boden hinab gleiten will und drückt ihn fest an den Tisch an. So steht er eine Weile. Hat er sich in irgendeinen Gedanken verbohrt? Sein Blick wandert unruhig über die armseligen vier Wände, streift eine Sekunde lang die gelbverschlissenen Bettlaken, fliegt dann hinüber zum andern Bett, und dort wird sein irrendes Auge festgehalten, wie durch eine magnetische Kraft. Seine Augen öffnen sich weit. . . Eine starke, nur mühsam zurückgehaltene Erregung, scheint es, ist aufgeblitzt in seinen alten Augen. Ein Funke verbitterten Schmerzes schlägt wie ein kleiner Blitz unter den langen Wimpern hervor. Will der Alte aufseufzen und kann es nicht? Er geht einige Schritte vom Tisch zurück, mühsam die Füße schleppend. Die nägelbeschlagenen Stiefel klappern über die Dielen. Plötzlich bleibt er mitten in der Stube stehen, als wollte er sich erinnern, was er sucht, weswegen er vom Tisch weggegangen. Bald aber geht er wieder zurück, beginnt abermals den Schlafrock über den Tisch zu rücken, hierhin, dorthin, als sollte ihm das alte Zeug über seine Einsamkeit hinweghelfen. Er zieht die Nadel hervor, die unter der Rockklappe steckt, öffnet die Schublade, nimmt einen schwarzen Faden heraus und versucht, ihn einzuziehen. Doch seine Hände zittern, zittern eine gegen die andere. Und der Faden hat sich förmlich verschworen, nur nach einer Seite zu gehen, — er will auf keinen Fall durchs Öhr. Er versucht das Flämmchen in der Lampe aufzuziehen. Das Flämmchen hat begonnen, auf und nieder zu steigen. Seine Bewegungen übertragen sich auf den Schatten, der nun anhebt, wild über die Stube zu tanzen, indem er bald zum Gebälke hinaufhuscht, bald niederflattert auf den Fußboden. Der Alte hebt mit zitternder Hand das Lämpchen ein wenig in die Höhe. Er betrachtet es eine Sekunde: das Lämpchen ist mit seiner Kraft zu Ende, es will ausgehen. Nachdenklich steht der Alte da. Ein unbestimmter Ton, etwa wie ein „hmu drängt sich durch seine bläulichen Lippen. Dann stellt er das Lämpchen zurück auf den Tisch. Was tut man? — Der Gedanke blitzt plötzlich in seinem Kopfe auf. Was tut man? — Einige Male fragt er sich so, da er das zappelnde Flämmchen betrachtet. Das zitternde Licht blendet seine Augen. Seine Augäpfel bewegen sich mit jedem Sprung des Lichtes. Dabei ist sein irrender Blick wieder an dem Bette haften geblieben. Soll er sich schlafen legen? Es wäre schon lange Zeit. Er glaubt, es müsse ein gut Stück nach Mitternacht sein. — Zeit, schlafen zu gehen! Doch ein Schauder durchzuckt seine alten Glieder bei dem Gedanken ans Schlafengehen. Drei Nächte hintereinander hat er sich auf seinem Lager gewälzt und kein Auge geschlossen. — O, wie furchtbar waren die langen, langen Nächte dem elenden, einsamen Alten! Das dehnt sich und dehnt sich, ohne Ende. Umsonst dreht er sich von einer Seite nach der andern, umsonst preßt er mit Gewalt die Augen zu. Er kann nicht schlafen, es will nicht gehen, obwohl die Augen fast brechen vor Schlafmüdigkeit. Drei Nächte, drei schreckliche, endlose Nächte hatte er schon durchwacht, seit das Unglück über ihn hereingebrochen, seit seine einzige Tochter von ihm fort ist, fort, Gott weiß wohin, in die weite, weite Welt . . . und mit wem? Wozu? — - Nein, — der alte Kopf kann das alles nicht mehr durchdenken. Er weiß nur, daß er allein zurückgeblieben ist, ganz allein. Er spürt nur, wie eine furchtbare Last ihm das Haupt niederdrückt zum Boden....... Ein stumpfes, ungeheures Weh, das ihm seit drei Tagen das Herz zusammenschnürti Aber die letzte Nacht ist schrecklicher, finsterer und endloser gewesen als alle früheren. Einige Male hat er sich vom Bett er- . hoben, sich durch die Stube geschleppt, ist müde geworden, zurück gehumpelt zum Bett, bis der Himmel sich seiner erbarmt hat und der Morgenschein durchschlug durch die schmutzigen Scheiben .... und er hinausgehen konnte, „in die Gaß". Er will gar nicht daran denken, daß er sich auch in dieser Nacht zu Bette legen sollte. Darum hat er sich die Arbeit ausgesucht, den alten Schlafrock hervorgeholt, den er ein anderes Mal gar nicht in die Hand genommen hätte. Solch einen elenden Hausrat, so schäbig, daß man dafür auf dem Trödelmarkte nicht einen Groschen bekommen könnte!-------------— Doch das Öl, das Öl geht aus und er •- Gott, was tut man, was tut man?!, murmelt er und preßt in zitternder Erregung den Schlafrock an den Tisch. Vor fünfzehn Jahren hatte ihn auch ein Unglück getroffen: Sein Weib war ihm gestorben, nachdem es während der Krankheit die Maschine mit dem übrigen

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