Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Das letztere ist ein Unsinn. Gerade jüdische Verlagsanstalten*) sind es gewesen, die uns die Bekanntschaft des jungen, nichtjüdischen Deutsch Tand vermittelt haben. Und gerade der Geschäftssinn der jüdischen Verleger wird sie davor bewahren, die jüdische Literatur zu bevorzugen. Denn es sind doch in der großen Mehrzahl Deutsche, die Bücher kaufen. Das jüdische Lesepublikum würde seinen Mann allein nicht nähren. Darum können wir die Befürchtungen des Herrn Bartels nicht teilen. Mögen die nichtjüdischen Verleger in Zukunft es den jüdischen an Wagemut gleich tun. Das wäre praktischer Antisemitismus. Lächerlich aber macht sich Herr Bartels ebenso wie jene Ritualmordschwindler, wenn er den jüdischen Buchhändlern die weite Verbreitung unzüchtiger Schriften zuschreibt. In dieser Beziehung wird hier wie dort gesündigt, und die kleinen Händler, die ihren kargen Verdienst durch heimliche Empfehlung von Laszivitäten vermehren, sind sogar sicher weniger unter den Juden zu suchen als unter den Christen." 0 . . . «. _ _ Veranlaßt durch die Redak- Beim Wunderrabbi von Sadagora. L. J T11 A XXT. tion des „Illustr. Wiener Extrablatts" stattete der berühmte Wiener Komiker Alexander Girardi dem Wunderrabbi von Sadagora einen Besuch ab. In einer Feuilleton-Plauderei erzählt er darüber u. a. folgendes: „ . . . Also, Sie wollen wissen, wie's mir bei dem Wunderrabbi von Sadagora erging. Danke der gütigen Nachfrage, ganz ausnehmend gut. Und sehr interessant war die Expedition obendrein. Am Sonntag den 8. April fuhren wir. von Czernowitz gen Sadagora. In 25 Minuten war das Dorf erreicht. Ein elendes Nest; überall Lehmhütten, die Leute in tiefste Armut versunken. Männer und Frauen betreiben Hausindustrie, aber die Beschäftigung trägt nichts. Die Erzeugnisse finden keinen Absatz, oder sie werden zu Spottpreisen verschleudert. So erstand meine Frau ein mit prächtigen Stickereien bedecktes, mit Glasperlen reizend geziertes Hemd um den Preis von 2 Kronen! Unter Elendsniederlassungen ragt das schloßartige, von vier Türmen flankierte Haus des Wunderrabbi empor. Es ist von weitem sichtbar, macht den Eindruck einer Festung, die in einem Garten* liegt. Von dem Dache funkeln zwei Löwen mit vergoldeten Köpfen, die Marmortafeln bewachen, in welchen die zehn Gebote in hebräischen Lettern eingemeißelt sind. Es ist nicht leicht, in diese Rabbiburg zu gelangen, Frauen ist für gewöhnlich der Eintritt verwehrt. Wollen sie in dringendsten Ausnahmsfällen mit dem Rabbi sprechen, so geschieht dies hinter einer spanischen Wand, so, daß die weibliche Besucherin unsichtbar bleibt. Nur seine eigene Frau schaut der Rabbi, der für seine Spaziergänge die Stunden wählt, in welchen Sadagora in Dämmerung gehüllt ist. Der Wundermann wählt die einsamsten Wege, oder er geht direkt in das für ihn eigens erbaute Bethaus, dessen Ausstattung geradezu märchenhaft ist. Überall orientalischer Prunk, eine in überladener Pracht schwelgende Fantasie. Von der Decke herab hängt ein herrlicher Luster, Wert 10 000 Kronen. Die Bundeslade verkleidet ein kostbarer Seidenvorhang, bedeckt mit Brillanten, Rubinen und Saphiren. Dieser Vorhang ist ein Geschenk russischer Frauen und kann als ein Unikum der Stickerei bezeichnet werden. Die Wohnung des Rabbi selbst ist sehr behaglich, doch einfach möbliert. Rabbi Friedmann hat neun Söhne, der älteste heiratete im Alter von 13 Jahren eine reiche Russin. In früherer Zeit ging es dem Rabbi von Sadagora besser als heute. Sein jährliches Einkommen wurde mit 400000 Kronen beziffert. Das Geld floß ihm aus allen Teilen der Welt zu, besonders aus Rußland. Heute verspürt auch der Wunderpriester die — Konkurrenz. Andere Heilspropheten sind mit ihm in Wettbewerb getreten, und besonders sein Bruder ist sein stärkster Konkurrent! *) Gemeint sind die deutschen Verlagsanstalten, deren Inhaber .Inden sind. Dieser wohnt nämlich näher der russischen Grenze und empfängt deshalb alle jene Klienten, die es sehr eilig haben. Der Wunderrabbi von Sadagora ist sehr schwer zugänglich. Als man ihm meinen Wunsch ankündigte, seine Bekanntschaft zu machen, lehnte er zuerst ab. Er sei kein Schaustück, mache keinen Hokuspokus und habe kein Bedürfnis, sich auf die Bühne bringen zu lassen. Der Bürgermeister von Sadagora, ein Doktor der Medizin und ein sehr intelligenter Mann, zerstreute seine Bedenken. Der Bürgermeister von Sadagora hat in Wien studiert, ist Jude, verfügt über eine große Praxis und war in seiner Jugend ein Kollege des Bürgermeisters Dr. Lueger. Um 10 Uhr vormittags empfing mich der Rabbi. Mit mir zugleich meine Begleiter, zusammen sieben Männer. Meine Frau und die Gattinnen meiner Genossen mußten in einem Nebenzimmer sich aufhalten und betrachteten durch einen Türspalt den Rabbi. Als wir in das Zimmer traten, saß Herr Friedmann, aus einem Tschibuk rauchend, auf einem Kanapee. Das Gemach war von Möbeln fast ganz entblößt, fast alle Einrichtungsstücke des Hauses hatte man in den Garten geschafft, um sie wegen der Osterfeiertage einer Reinigung zu unterziehen. Der Rabbi erhob sich. Eine hohe Gestalt mit männlich schönen Zügen, sehr ernst, das Gesicht eingerahmt von einem blonden Vollbart, in dem bereits graue Haare erscheinen. Der Kopf des Priesters deckte eine hohe Pelzmütze; den Körper hüllte ein seidener Kaftan ein, der, über der Brust offen getragen eine breite, massive Goldkette sehen ließ. Der Rabbi hieß mich Platz nehmen. Er reichte mir die Haiu und sagte, er habe von mir viel in den Zeitungen gelesen, um: es freue ihn, meine Bekanntschaft zu machen. In sehr guten Deutsch fügte er lächelnd bei: „Aber das Eine sage ich Ihnen Herr Girardi, Sie dürfen mich ja nicht auf das Theater bringen mich nicht kopieren." — Worauf ich antwortete: „Hochwürdige Herr, Sie können ruhig sein. Erstens wäre das nicht schön von mir, und dann so ernste Männer, die so g'scheidt reden wie Sie, die spiel ich ja gar nit." Der Rabbi ließ sich nun von mir mancherlei über Wie erzählen und zeigte sein besonderes Interesse für die Politik Er verriet große Informiertheit mit den Strömungen im Reichs rate und im Gemeinderate und fragte namentlich nach einige; markanten Persönlichkeiten. Der Rabbi selbst unterbrach sehr selten meinen Redeflul- und hielt mit seinen Urteilen zurück. Er trat in keinem Augen blicke aus der Reserve heraus, und man merkte ihm an, dal er alles vermeiden wolle, was als eine Parteinahme oder al eine Kritik hätte gedeutet werden können. Während wir sprachen — d.h. ich redete fast ununterbrochen klopfte es an die Türe, und ein Diener brachte eine Depesche tu einen meiner Begleiter herein. Sie enthielt die Nachrichter über die Beendigung der ungarischen Krise und über die Bilduiu des Ministeriums Wekerle. Der Rabbi hörte die Mitteilunge an und sagte, es sei gut, daß der Friede gekommen. Hierauf rief er einen Diener herbei und ließ mehrere Gläsei gefüllt mit Wein aus Palästina, auftragen. Wir ^tranken de* edlen, feurigen Wein. Der Rabbi selbst rührte kein Glas an Er streckte mir über den Tisch die Hand entgegen und rief mi zu: „Daß es Ihnen Wohlergehen möge!" Dreiviertel Stunden währte das Beisammensein. Der Wunder mann stand auf und sagte mir: „Jetzt will ich Sie segnen, mögen Sie und Ihr Haus Glück haben!" Das alles geschah schlicht, ohne jede Affektion. Wir fuhren zurück nach Czernowitz, voll von sehr interessanter Eindrücken. ..."