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Die Welt · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 17 DIEIq^E LT 13 gezwungen, sich jedes halbe Jahr bei dem betreffenden Gouverneur einen Aufenthaltsschein zu hohem Preise zu kaufen, und es hing ganz und gar von der Gnade des Gouverneurs ab, ob der Schnei erneuert werden sollte oder nicht; auch wurde den Gouverneuren dann und wann vom Senat empfohlen, keinen zu spärlichen Gebrauch von dem ihnen zustehenden Recht der Ausweisung von Juden zu machen. Ferner wurde jüdischen Kindern nicht gestattet, finnische Schulen zu besuchen, und der einem jüdischen Familienvater ausgefertigte Aufenthaltsschein hatte für die Kinder keine Gültigkeit, wenn sie das väterliche Haus verließen. Bald dürfte es in dieser Beziehung besser werden. Der bekannte Senator Leo Mechelin, der unmittelbar nach der glücklich durchgeführten Oktoberrevolution vorigen Jahres aus der Verbannung zurückkehrte und an die Spitze der heimischen Regierung trat, hat schon längst die Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung des Landes befürwortet und scheint fest entschlossen zu sein, nun diese Reform durchzusetzen. Eine zurückgewiesene Doktor-Dissertation. Wir lesen in der „Vossischen Zeitung": Die Pariser Juristenfakultät ist als eine Hochburg des Nationalismus bekannt. Diese Gesinnung blüht hier in allen ihren •Erscheinungsformen, als Klerikalismus, als Monarchismus, als Antisemitismus, und zwar im Lehrkörper ebenso wie unter den Hörern. Wie vollständig der nationalistische Geist die Fakultät beherrscht, ias hat ein Vorkommnis der letzten Tage packend geoffenbart. Zur ■Erlangung der Doktorwürde ist, wie an allen anderen, so auch an!er Rechtsfakultät eine Dissertation vorgeschrieben. Diese wird jedoch ur noch als bloße Förmlichkeit betrachtet, man stellt so gut wie eine Anforderungen an sie, und es ist seit Menschenaltern nicht orgekommen, daß die Fakultät eine Doktordissertation als un- ■ einigend oder aus irgendeinem anderen Grunde zurückgewiesen ritte. Vergangene Woche aber ist dies, vielleicht zum erstenmal eit einem Jahrhundert, unter eigentümlichen Umständen geschehen. ■er Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Herr L6on AI lern and hatte ine Dissertation „Über die Lage der Juden in Rußland" einereicht. Am 26. März wurde ihm vorn Dekan der Rechtsfakultät er Bescheid, sie könne zur Disputation nicht zugelassen werden, vis Grund gab er an, daß die Dissertation erstens Meinungen ausrücke, die den vom Vorsitzenden der Prüfungskommission in seinen orträgen verteidigten widersprechen, zweitens in einem Ton geuilten sei, der nicht derjenige eines wissenschaftlichen Werkes sei. Rechtsanwalt Allemand hat sich gegen diesen Dekanatsbeschluß >eschwerdeftihrend an den Unterrichtsminisfer gewendet. In seiner 'Eingabe führt er aus: „Meine Dissertation, nach dem Urteil des Vorsitzenden Professors ein gewissenhaftes Werk voll interessanter und ergreifender Tatsachen», ist lediglich wegen der darin ausgedrückten Meinungen iirückgewiesen worden. Sie haben also nicht über das Schicksal neiner Dissertation, sondern über das der Freiheit des höhern Unterrichts in Frankreich zu entscheiden ... Ich habe Tatsachen mfgeführt. Wenn sie erschreckend sind, so hat man dafür nicht nich, sondern die russischen Behörden verantwortlich zu machen. )iese Tatsachen haben eine Beredsamkeit, die den Gedanken nicht n gleichem^ Maße eignet. Sie sind schwere Anklagen. Alle Welt veiß, daß die russischen Behörden Judenmorde begangen haben. Wie das antike Gemeinwesen, um den Zorn der Götter abzulenken, Menschenopfer brauchte, so brauchten die letzten Zaren, um sich liegen den Zorn der Menschen zu schützen, Opferungen der Kinder Israels ... Ich würde allenfalls die Bedenken der Pariser Juristenfakultät begreifen, wenn sie nicht Werke voll des heftigsten Antisemitismus zugelassen hätte. In Doktordissertationen hat man sagen können, daß das jüdische Element zwischen den Eingeborenen ein fremdes Element ist und daß nur die Eingeborenen als wirklich national angesehen werden können. Die jüdische Rasse soll nach den Verfassern dieser Werke eine Rasse sein, die man aus der Gesittung, aus der Menschheit ausstoßen müßte. Der Fehler, den ich in meiner Dissertation beging und den begangen zu haben ich mir zur Ehre anrechne, ist, bewiesen zft haben, daß derartige Anschauungen irrig sind. Dazu hatte ich das Recht. Ich habe gesagt, daß die Lage, welche die russischen Juden, besonders das jüdische Proletariat, das unglücklichste aller Proletariate, erleidet, ungerecht ist; ich habe das tapfere Eingreifen der amerikanischen Diplomatie m die russischen Angelegenheiten nach den Scheußlichkeiten von Kischinew gerechtfertigt; ich habe auch gesagt, daß Frankreich nicht durch unbedachtsame Anleihen eine Gewalt befestigen sollte, deren Zeit vorbei ist. Diese Gedanken haben beunruhigend geschienen .....Möchten die Gepflogenheiten des ancien r6gime, das in Frankreich tot und in Rußland im Sterben ist, nicht in der Pariser Rechtsfakultät fortleben.4' Es bleibt abzuwarten, ob der Unterrichtsminister sich veranlaßt sehen wird, den Fakultätsbeschluß aufzuheben, wie es sein Recht ist. Inzwischen zeiat der Fall des Herrn Leon Allemand, daß der Zarismus und seine Regierungsmethoden, die Judenmetzeleien inbegriffen wenn sie in Rußland selbst dem Zorn des wachgerüttelten Volkes erlegen sind, immer noch eine Verteidigerin haben werden: die Rechtsfakultät von Paris. n . „ . a Unter dieser Spitzmarke schreibt die Schlagt die Juden tot! 0 ... , * Berliner „Welt am Montag": „Verbohrte Antisemiten sorgen von Zeit zu Zeit dafür, daß Deutschlands Ruf eines Kulturlandes erhebliche Einbuße erleidet. Kürzlich war in Beuthen (Oberschlesien) eine in Säcke verpackte, zerstückelte Leiche gefunden worden. Flugs wurde von gewissen Blättern die Lüge aufgebracht, es handle sich um einen „Ritualmord". In einem anderen Fall behauptete ein Stettiner Antisemitenblatt, in Posen sei am Bahnhof eine Kiste von Beamten geöffnet worden, worin man einen acht- bis neunjährigen Knaben fand, dem der Mund verstopft und ein Bein gebrochen war. Die Kiste sei an einen Rabbiner in Bromberg adressiert gewesen. Natürlich hatte der erste Fall, wie der Staatsanwalt selbst erklärt, absolut nicht die Merkmale, aus denen man auf einen „Ritualmord" hätte schließen können. Der zweite war überhaupt vollständig erfunden. Aber die Tatsache, daß solch ein Blödsinn gedruckt werden konnte, wird durch die amtliehen Richtigstellungen nicht aus der Welt geschafft und ist, schwarz auf weiß, ein Beweis, wie tief wir noch im Aberglauben stecken. Mit solchen Mitteln — das sollten sich die Antisemiten doch nachgerade sagen — wird nicht das Judentum, sondern nur die Kultur bekämpft. Etwas Wahrheit ist dagegen in einem Angriff enthalten, den Adolf Bartels in der „Deutschen Tageszeitung" gegen die Zunahme des jüdischen Elements im Buchhandel richtet. Er schreibt sicher nicht zu Unrecht: „Von den großen, neuen Firmen unserer Zeit, von denen jedenfalls, die am häufigsten von sich reden machen, sind die meisten schon jetzt jüdisch, und wenn es so fortgeht, wird, da die alten, vornehmen, deutschen Firmen meist der Wagelust entbehren, in absehbarer Zeit der ganze deutsche Buchhandel verjudet sein." Aus dieser Tatsache folgert Bartels die Befürchtung: „daß dem deutschen Geist im allgemeinen immer mehr die Möglichkeit geraubt wird, sich frei und so, wie es seiner würdig ist, zu offenbaren, daß gerade für unsere Besten nach und nach Verhältnisse entstehen, die sie verbittern und um einen Teil ihrer Wirkung bringen. Denn mit dem jüdischen Buchhandel kommt bei dem bekannten Zusammenhalten der jüdischen Rassegenossen wenigstens die Bevorzugung der jüdischen Produzenten vor den rassedeutschen, die nicht Judengenossen sind, kommt ein noch viel schwereres Ringen um das bißchen Existenz, kommt eine noch größere Verketzerung konservativer Geister, kommt langsam und sicher die geistige Verjudung, wenigstens der haltlosen deutschen Geister und der Massen, die ja schon jetzt, und nicht mehr bloß in den ersten Anfängen, zu beklagen ist."

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