Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Auswanderer wurden von der Emigrationsbehörde auf Grund der Satzungen der Aliens-Act zur Landung nicht zugelassen. Das Verbot ist aber in zweiter Instanz aufgehoben worden. Wie holländische Zeitungen melden, hat sich die amerikanische Regierung an die holländischen Schiffahrtsgesellschaften gewendet und sie auf die Verschärfung der Einwanderungsvorschriften in Amerika aufmerksam gemacht. Es ist dies somit eine formelle Aufforderung an die Schiffahrtsgesellschaften, bei der Aufnahme der Emigranten vorsichtig zu sein. Wie berichtet wird, hat die Durchwanderung jüdischer Emigranten durch Hamburg in der letzten Zeit das bisherige Höchstmaß bedeutend überschritten. Die Affäre Ritter von Taussig Die Anteilnahme des Wiener Kultusvorstehers Ritter von Taussig an der Placierung der russischen Anleihe hat in Wien eine außerordentliche Erregung hervorgerufen, die in der Forderung gipfelt, daß Ritter v. Taussig von seinem Mandat als Kultusvorsteher zurücktrete. Wir erhalten dazu folgende Berichte: Eine Protestversammlung gegen den Wiener Kultusvorstand Wien. Samstag abend fand im Saale Guth, II. Stefaniestraße, eine zahlreich besuchte jüdische Wählerversammlung statt. Dem Referate des Herrn Max Markus über das Thema: „Das allgemeine Wahlrecht und die Kultusstube" folgte eine lebhafte Diskussion, in der insbesondere die Beteiligung des Kultusvorstehers R. v. Taussig an der Placierung der russischen Anleihe scharf gegeißelt wurde. Schließlich gelangte folgende Resolution einstimmig zur Annahme: „Die hier versammelten Juden halten sich überzeugt, daß das veraltete Zensurwahlrecht den Wiener Kultusvorstand dem jüdischen Volk entfremdet und ihn demoralisiert hat; die Versammlung spricht diesem Vorstande ihre Entrüstung aus, daß er, obwohl die meisten Vorsteher nur ihrer Verpflichtung, für eine Wahlreform einzutreten, die Mandate verdanken, auch die bescheidenste Reform mit leeren Ausflüchten hintertrieben hat, und fordert den Vorstand auf, einen R. v. Taussig, das reichste Produkt jenes reaktionären Wahlsystems, auszustoßen. Da nur das allgemeine .gleiche Kultuswahlrecht eine wahrhaft jüdische Vertretung sichert, drückt die Versammlung ihre Entschlossenheit aus, dieses Ziel mit allen Mitteln zu erkämpfen." Protest der Oster.-Israel. Union Wien, 23. ApriL Der Vorstand der Österreichisch-Israelitischen Union, der sonst den Kreisen des Kultusvorstandes nahesteht, beschloß eine Resolution, worin er erklärt, es sei ein zwingendes Gebot der Ehre, daß die Judenschaft die Solidarität mit jenen jüdischen Finanzrnännern öffentlich ablehne, welche unter Zurückstellung der ethischen Pflicht hinter das Geschäft die Beteiligung Österreichs an der russischen Anleihe vermittelt haben. Die österreichische Union erwartet vom Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, daß er gleichfalls durch eine klare Manifestation die Solidarität mit diesem die Ehre der österreichischen Judenschaft schwer schädigenden Vorgehen öffentlich ablehnen wird. Es kann mit Genugtuung hervorgehoben werden, daß die „Union" nicht gezögert hat, den gerechten Empfindungen der Wiener Judenschaft rückhaltslos Ausdruck zu geben. Eine zweite Protestversammlung Wien. Man telegraphiert uns: Am 25. d. M. fand wegen der russischen Anleihe im Hotel Post, 1. Bez., Fleischmarkt 16, eine Protestversammlung statt. Die Einberufer haben aus diesem Anlasse folgenden Aufruf erlassen: „Juden Wiens! Die russische Regierung, deren blutige Verbrechen, Gewalt und Schandtaten den Abscheu der gesamten zivilisierten Welt erwecken, hat sich wiederum an den europäischen Geldmarkt um eine Milliardenanleihe zur Fortsetzungihrer schmachvollen Unterdrückungspolitik gewendet. Und die Reichen ünd Mächtigen Europas stellen sich bereitwillig in den Dienst von Mördern! In Österreich und Wien sind es jüdische Kapitalisten, die dem russischen Absolutismus, der im Blute Tausender unschuldiger Juden Rußlands watet, Schergendienste leisten. Ein Wiener Kultusrat, ein angeblicher Repräsentant des Judentums, hat auf sich die unsagbare Schmach geladen, für die Beschaffung von Millionen zur Organisation neuer Judenmassakres den Vermittler abgegeben zu haben. Juden! Durch die Subskription der russischen Anleihe verkauft ihr um *5 Prozent die Ehre des jüdischen Volkes, ihr werdet des Mordes an Tausenden Volksgenossen mitschuldig, ihr macht euch zu Verbündeten Durnowo- Wittes gegen die Freiheit aller Rußland bewohnenden Völker! Kommt zu der Mittwoch den 25. d. M,, 8 Uhr abends, im Hotel Post, l.Bez., Fleischmarkt Nr. 16, stattfindenden Volksversammlung — Tagesordnung: Die jüdischen Kapitalisten und die russische Anleihe —, um eurer Entrüstung Ausdruck zu geben. Agitiert und erscheint in Massen! Die Einberufer!" In der Versammlung sprachen Dr. Paul Weisengrün, der die Moral der Finanzjuden geisselnd die Handlungsweise R. v. Taussig's aufs Heftigste angriff, sodann Gg.Kaplan-Kaplanski, der denHerren des Kulturvorstandes die Nationaljuden entgegenhielt. Abgeordneter Ofner sprach in scharfen Worten von den sittlichen Verpflichtungen gerade des jüdischen Banquiers. In einer Schluß-Resolution forderte der Vorsitzende Gg. Gross die Demission Taussig's und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in der Kultusgemeinde. Diese Resolution gelangte unter stürmischem Beifall zur Annahme. Eine Interpellation im Parlamente Wien, 24. April. Im Reichsrat brachte der sozialdemokratische Abgeordnete Ellenbogen eine Interpellation ein über die Kotierung der russischen Anleihe. Es wird darin erklärt, daß die Kotierung in finanzieller Beziehung die gewissenlose Auslieferung des österreichischen Publikums, der österreichischen Staatsfinanzen und der österreichischen Industrie, in politischer Beziehung ein Verbrechen bedeute, denn sie bedeutet nichts weniger als die Bezahlung der durch den russischen Absolutismus verübten Massenmorde mit österreichischem Gelde. Der österreichische Finanzminister, offenbar veranlaßt durch Goluchowski, fordere die österreichische Bevölkerung auf, der Regierung Durnowo:Witte Geld zur Niederschießung von Freiheitskämpfern, zur Veranstaltung von Judenmassakres, zur Bestechung europäischer Zeitungen, kurz zur Fortfristung des kulturwidrigen Regimes zu schenken. Ellenbogen fragt schließlich, ob der Finanzminister trotz aller dieser Tatsachen die russische Anleihe zur Kotierung zulassen wolle, und verweist dabei auch auf die Darstellungen des preußischen Regierurigsrates Martin über die Zerrüttung der russischen Finanzen und auf die Weigerung Deutschlands, sich zu beteiligen. Protest und Warnung Einige hervorragende Wiener Gelehrte und Politiken darunter die Hofräte Prof. Mach, Weichselbaum, Burkhardt, erlassen eine Warnung an die Bevölkerung, sich an der russischen Anleihe zu beteiligen. Diese Warnung ist öffentlich plakatiert worden. REVUE DER PRESSE "Vi ttu i j . j - i berichtet die „Frank- Uber die Lage der Juden in Finnland , , _ ., furter Zeitung" in einer Zuschrift aus Helsingfors, wie folgt: Es dürfte im Ausland venig bekannt sein, daß die Juden in Finnland noch heute sehr ungerecht behandelt werden. Im Jahre 1782, somit zu der Zeit, wo Finnland noch eine schwedische Provinz war, wurde infolge einer Resolution des schwedischen Reichstags vom Jahre 1779 den Juden gestattet, in den drei Städten Stockholm, Göthenburg und Norrköping zu wohnen, und die Betreffenden wurden dann mit einem „Schutzbrief" versehen. Auch nachdem Finnland sich als autonomes Großfürstentum dem russischen Reich angeschlossen hatte, dauerte es viele Jahrzehnte, bis die Juden Aufenthaltsrecht erhielten. Erst im Jahre 1859 wurde früheren russischen Soldaten und Matrosen jüdischer Herkunft sowie ihren Hinterbliebenen gestattet, in Finnland zu wohnen, wenn sie sich von den russischen Behörden die erforderlichen „Freibriefe" verschaffen konnten. So bildeten sich allmählich jüdische Kolonien in Helsingfors, Abo und Wiborg. Die Lage dieser Juden war aber und ist noch heute eine für das kulturell so hochstehende Finnland beschämende. Sie waren