Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 17 DfE^K ELT 11 ägyptische Schauspieler, oder richtiger gesagt, herumziehende Musikanten und Tänzerinnen, die bemüht waren, den verstand- und kritiklosen Pöbel durch verschiedene arabische, manchmal ganz unanständige, unzüchtige Lieder oder irgend eine geschmacklose Komödie in schlechter arabischer Sprache zu ergötzen, und die ungebildeten Besucher sind dabei überglücklich, wenn die schwarzlockige und schwarzäugige Tänzerin oder Sängerin ihnen einen lockenden Blick zuwirft oder gar mit ihnen kokettiert. Die meisten gebildeten und anständigen Einwohner Jerusalems aber halten sich von diesem sogenannten Theater fern, und wenn sie es doch einmal besuchten, weil sie hier keine andere Vergnügung finden, so verlassen sie es bald wieder voller Abscheu und Ekel. In diesem Hause geht es zu wie in einer Klappermühle. Der Pöbel will von Ruhe nichts wissen, und so wird das fortgesetzte Geplauder auch noch von Fluch- und Schimpfwörtern und einem unaufhörlichen Pfeifen, Johlen und Klopfen begleitet. Dichte Rauchwolken von Zigaretten und Nargillen (ein arabisches Rauchfaß) erfüllen dazu den ganzen Raum, so daß man schon gute Nerven und Lungen haben muß, um ein solches „Vergnügen" auszuhalten. Voriges Jahr besuchten uns zwar auch zwei europäische Schauspielertruppen, die eine aus Österreich und die zweite aus Griechenland, die sich wegen der Sprachschwierigkeiten meist auf Pantomimen beschränkten, es aber in dezenter und befriedigender Weise verstanden, ein ausgewähltes Publikum gut zu unterhalten. So leben wir! Wir haben hier keine Belustigungsorte, keine Konzerte, keine Versammlungen, keine Leseabende oder Vorträge. Der größte Teil der Einwohner ist nur mit der Jagd und dem Piaster beschäftigt. Welch fruchtbares und gedeihliches Fortschreiten der hebräischen Sprache könnte man durch Gründung eines hebräischen Klubs erhoffen! Und doch sorgt kein Mensch dafür, diese und noch andere Lücken auszufüllen. Der große Saal der Bibliothek ist ja für Vortrag- und Leseabende, wenigstens für Sabbatvorträge, sehr geeignet, auch fehlt es nicht an gebildeten Persönlichkeiten in Jerusalem, welche Vorträge halten könnten und dennoch geschieht nichts! Hoffentlich wird es dem „Bezalel" gelingen, auch in dieser Hinsicht das monotone, stagnierende Leben in Jerusalem etwas zu heben. Vor kurzer Zeit ist hier ein amerikanisches archäologisches Institut eröffnet worden. BEN ZION VON DER JÜDISCHEN EMIGRATION Ein Aufruf jüdischer Emigranten aus Antwerpen*) Die Hilfe für die Emigranten liegt in ihren Händen selbst! Brüder und Schwestern! Getrieben von allen Seiten, fahren unsere Brüder durch die Welt und suchen ein Stückchen Heim. Halbtotgeschlagen von dem wilden Pogromgesindel, flüchten wir aus Ru(31and, um einen freundlicheren Ort aufzusuchen. Einen langen und schweren Weg haben wir zu gehen. Aber wieviele Ausbeuter und Blutsauger erwarten uns unterwegs auf Schritt und Tritt. Unsere Eltern und Verwandten, die ebensoviel gelitten haben wie wir, haben nichts getan, um die bittere Lage der später Kommenden zu verbessern, nichts dafür, daß man den Emigranten wie einen Menschen behandle. Allerdings, - sie haben gemeint, daß sie die letzten Emigranten seien und daß es nicht lohnt, mit den Ausbeutern erst einen Kampf zu eröffnen um der paar Tage willen, die sie im Hafenplatz, z. B. hier in Antwerpen, verbringen müssen. Es ist endlich an der Zeit, besonders jetzt, wo die Zahl der Durchwanderer von Tag zu Tag wächst, Abwehrmittel zu suchen gegen die Aussaugerbanden. Im folgenden zeigen wir an, was jeder von uns zu wissen und zu fordern berechtigt und verpflichtet ist: 1. Wir müssen wissen, daß man uns absolut nichts schenkt Darum müssen wir für unsere Geldleistungen verlangen, daß man uns wie Menschen behandelt. 2. Wir fordern, daß die Transportfirmen unser Gepäck von der Bahn zum Hotel und wieder zurück, wie bedungen, auf ihre Rechnung transportieren. 3. Wir müssen fordern, daß jeder von uns für sich eine Schlafstelle erhält. 4. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, daß fremde Männer und Frauen gezwungen werden, in einem Raum zu schlafen. 5. Wir fordern, daß man uns nicht auf Dachböden und in Kellern nächtigen heißt. * ) Wir geben oben in extenso den Aufruf jüdischer Emigranten wieder, den wir in unseren, „jüdisches Emigrantenelend" überschriebenen. Ausfühiungen der letzten Xummer erwähnten. Wir haben indessen auch weitere Zuschriften von Emigranten erhalten, die sich wiederum gegen andere Schiffahrtsgesellschaften und andersgeartete Quälereien wenden. Wir haben diese Zuschriften zur Prüfung weitergegeben. Es ist jedenfalls sicher, daß zurzeit die jüd. Emigranten an den Grenzen und auf 'len Schiffen in unerhörter Weise ausgebeutet und brutalisiert werden. Wir werden <Jie publizistische Behandlung dieser ungeheuer liehen Mißstände fortsetzen und glauben, daß durch den öffentlichen Hinweis auf die Schäden und die Schädlinge sich doch endlich einigermaßen Abhilfe wird schaffen lassen. 6. Wir dürfen unbedingt die brutale Behandlung der Kinder nicht mehr zulassen. Niemand darf sie schlagen. 7. Wir dürfen es nicht dulden, daß die Hotel dien er unsere Frauen anrühren. 8. Wir müssen verlangen, daß man uns wenigstens bis 11 Uhr ins und aus dem Hotel läßt. 9. Wir müssen verlangen, daß Bekannten nicht den Zutritt zu uns im Hotel verwehrt wird. 10. Wir müssen genügend Brot und frisches Essen fordern. 11. Wir müssen verlangen, daß man uns, wenn wir es brauchen, kaltes und warmes Wasser bringt. 12. Wir müssen verlangen, daß man uns für unsere Briefe einen Platz und Feder und Tinte im Hotel gibt. 13. Wir müssen fordern, daß man uns die Freiheit läßt, unsere Sachen dort zu kaufen, wo wir wollen. Brüder und Schwestern! Vor den Hoteldienern sollt ihr keine Angst haben, sie können uns nichts anhaben. Wenn man uns Unbill zufügt, müssen wir uns dringend an den hiesigen Verein „Esra" und an die hiesigen Juden wenden, deren Pflicht es ist, uns beizustehen. Sprecht nicht, wie es die Emigranten vorher getan haben, daß es nicht lohnt, wegen einer Leidenswoche erst viel Aufhebens zu machen. Hätten sie damals sich zur Wehr gesetzt, wir müßten heute nicht mehr so viel leiden. Und wenn wir auch nicht alles auf einen Schlag erreichen werden, mit der Zeit wird man unsere Forderungen erfüllen müssen, und die nachkommenden Emigranten werden nicht mehr zu leiden haben. Brüder und Schwestern! Laßt keinerlei Unrecht schweigend über euch ergehen! Jüdische Auswanderung aus Rußland Aus Bialystok wird gemeldet, daß in dieser Gegend eine gewaltige Auswanderungsbewegung entstanden ist. Es wandern hauptsächlich jüdische Arbeiter und kleine Kaufleute aus. Aus Bialystok allein sind in der letzten Zeit gegen 10000 Menschen ausgewandert. Der Emigrationsstrom richtet sich hauptsächlich nach Amerika und Afrika. lin Laufe des Monats-März 1. J. sind nach London 5971 jüdische Einwanderer gekommen, von denen 388 in England blieben. Zwei