Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Mo. 17 DIEMKE LT 9 liesen Mangel. Die „Trafiquants de r Antisemitisme" dnd, wie der Untertitel schon angibt, Drumont and Co. Wohlgemerkt, Querin schreibt nicht Maison Drumont :t Co., sondern . . . and Co., d. h. er stellt Drumont;nd Genossen als „Nichtfranzosen" hin. Was man lies erlebt! Es wäre eine mißliche Aufgabe, über das Buch zu eferieren. Es hieße von lauter Lumpereien und Beügereien erzählen, die von einem Quacksalber wiederegeben werden. Aber wer sich für die Persönlichkeit nes Drumont interessiert, der möge die Kapitel „Les ipinions de Drumont" und „Les convictions politiques e Drumont" nachlesen. Drumont war ursprünglich ein kleiner Journalist, ler in verschiedenen Blättern, meistens jüdischer }rovenienz, mitgearbeitet hat. Er war Republikaner, tonapartist und sonst noch vieles. Als er noch ganz ung war, etwa 24 Jahre, schrieb er diffamatorische Vrtikel in einem Erpresserblatt, die ihm folgende öffentliche Abkanzelung seitens des Nestors der franösischen Journalisten Villemessant (man zählte damals 867) eintrugen: „Drumont war und ist ein Genosse ier Bande der Verleumder, er wälzte sich im Kote und 'm Schmutze" usw. Im Jahre 1870 schrieb man a einem Blatte über Drumont: . . . „ein falscher Schriftsteller, obszön und niedrig, eine ekelhafte Schlange", und weiter heißt es von ihm: „Ce petit röle, louchon, jaune, cagneux, haineux, ivrogne, puant : banc, rempli de mercure, mac sans farlane, voue ä •tbsinthe et aux vices paiens, a vecu aux crocs des lerges folles de la Rue de la Lüne." Eine Blumenlese on Schmeichelworten, die zu ekelhaft sind, um sie och zu verdeutschen. Dann kam dieser Ehrenmann in das Blatt von mile Pereire: „La Liberte", und nach dessen Tode in :is Blatt des Juden Moise Millaud . . . Und wie er lesem seinem Vorgesetzten zu schmeicheln wußte! <amals hat er in sich noch nicht den heiligen Geist ntdeckt, die Mission, die Welt von Israel zu erlösen! Dann kam die Epoche des Antisemitismus. Drumont;at verstanden, daß man damit Geschäfte machen kann. Tnd er machte. Seine Associierten, die Mitinhaber der .Libre Parole", waren Mr. J. B. Gerin und ein gewisser Viallard. Stockantisemiten, nicht wahr! Nun reißt der mschätzbare Guerin auch diese Masken ab. Gerin var früher der Redakteur und Herausgeber des „National" md schrieb u. a. im Jahre 1890 folgendes Rundschreiben .n verschiedene „Israeliten" aus: „Teurer Glaubensgenosse! Die Israeliten sind seit einiger Zeit den gehässigsten Verleumdungen ausgesetzt, die in einer gewissen Art ron Blättern aufgetischt werden. . . Der „National", in großes politisches Tagblatt, öffnet uns (d. h. den luden) seine Spalten zum legitimen Kampfe für unsere Interessen, den schon die berühmten Gründer dieses Blattes, Thiers und Armand Carrel, gutgeheißen haben usw." Nun der Zweite. Der Chef-Verwalter des offiziellen Organs des Antisemitismus, M. Wiallard, hieß nach näherer Feststellung Gaston Cremieux und war natürlich ein Jude, der sich aber ad hoc getauft hat und von der Notre-Dame sich die „erste Kommunionu bestätigen ließ. Das waren die echt-gallischen Mitarbeiter des „Chef de V Antisemitisme". Drumont hat sich seinen antisemitischen Kollegen gegenüber nicht besonders liebenswürdig gezeigt, wenigstens versichert es uns Jules Guerin. Er fand im Antisemitismus eine melkende Kuh, und als pfiffiger Geschäftsmann wollte er keinen Konkurrenten aufkommen lassen. Das kann ihm der bankrotte Kaufmann Guerin nicht verzeihen. Und er weist dem „geistigen Oberhaupt des Antisemitismus" seine recht zahlreichen Sünden nach. Er nennt ihn sogar den „Jüdischesten aller Juden". Drumont hat manches nette Sümmchen eingesteckt, und nicht selten floß es aus jüdischen Taschen. So in der Affaire Credit Foncier, wobei er 200000 Frcs. als Erpressungsgeld bekommen, — „damit er nicht belle", sagt in solchem Falle der jüdische Volkswitz, dann 10000 Frcs. bei Baron Robert Pacifiqtte Oppenheimer, den er früher in der wütendsten Form und in unflätigster Weise angegriffen hat. Er hat sich noch mehr geleistet. Er hat ein „Comite national antijuif" im Jahre 1901 gegründet, „dessen Dauer" ( Jules Guerin teste) nicht länger war als die Zeit, die dazu nötig war, um eine Subksription zu lancieren — und deren Ertrag verschwinden zu lassen." Von den 10 000 Frcs., die von der „Royalistischen Partei" Drumont übergeben wurden für die „Kasse der antijüdischen Propaganda", hat er bloß über 725 Frcs. an die Liga der Antisemiten abgeliefert. Und dies geschah zu einer Zeit, wo das „Vaterland" in Gefahr stand, d. h. zur Zeit des Prozesses Zola. Soll ich noch weiter die Jeremiaden des jammernden und anklagenden Guerin wiedergeben? Sie sind zu unappetitlich. Es ist, wie wenn man die Memoiren eines Teilhabers der Firma Manolescu & Co. lesen würde. Der eine Ehrenmann klagt den andern an. Jules Guerin als Vertreter der Moral ist eine köstliche Figur. Mit welcher stupiden Naivität er z. B. ausruft, daß Drumont die „Sache" verraten hat, indem er sich von der royalistischen Partei abgewandt hat, trotzdem der „Chef der Partei" in San-Remo „im programme retentissant" erlassen hat, dem er den Antisemitismus einverleibt hat. Der Schluß der Weisheit: — Drumont ist kein rechter Antisemit! Es ist, wie wenn Falschmünzer sich einander ins Gesicht Beleidigungen schleuderten: „Du bist kein rechter Falschmünzer. Du bist kein richtiger Gauner! Du hast uns verraten!" Vom Standpunkt ihrer „Geschäftsmoral" haben sie ja auch recht. Guerin und Drumont, — beide haben recht, der eine, dem seine ganze Lebensader unterschnitten wird, der andere, der ein so gutes Geschäft mit allen Kräften festhält. „Geschäft ist Geschäft!" Wie lächerlich erscheint es dabei, daß die antisemitische Presse in der Figur Lechats im Stücke Mirbeaus einen Juden sehen wrollte! Der französische Antisemitismus ist in die Brüche gegangen. Das Blatt Drumonts geht nicht mehr gut, Deroulede hat sich losgesagt, Syveton hat Hand an sich gelegt, Lemaitre ist des Treibens müde, Leon Daudet und Arthur Meyer nähren sich von alten Resten, wie die legendäre Kuh im Talmud, von der es heißt, „sie soll weiden, bis sie krepiert." Eheu, eheu, Postume, labuntur anni! Frankreich hat jetzt andere Sorgen. Die große soziale Frage nähert sich, die große Frage der Umwälzung in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Vielleicht wird es Frankreich sein, wo die ersten Klänge der neuen Zeit erschallen werden. Dort hat auch die Marseillaise ihre Wiege. Und somit wird der Antisemitismus trotz der Rassenantipathie, die mancher Franzose dem Juden entgegenbringt, durch die Zeit besiegt werden.