Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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„DIE SCHACHERER DES ANTISEMITISMUS" Als Herostratus durch keine Tat berühmt werden konnte, hat er einenTempel verbrannt, wodurch ersieh den Herostratusruhm verschaffte. Wie soll ein minderwertiger, unbegabter Mensch, dem offenbar alle Stufen des Ruhms versperrt bleiben müssen, zu dieser seiner verzehrenden Sehnsucht nach Popularität gelangen? Und um so mehr, wenn er von der „auri sacra fames", von des Goldes verruchtem Hunger gequält wird! Nichts leichter als das. Wenn man nämlich die Chance hat, Nicht-Jude zu sein, — so wird man Antisemit, übrigens muß man gar nicht unbedingt Nicht-Jude sein. Arthur Meyer und Qaston Pollonais in Frankreich und wie viele in Deutschland haben es auch trotz ihres Judentums zustande gebracht. Ein Jude hat eben einen guten Kopf. Es gab eine Zeit, wo der Antisemitismus in Westeuropa, der offene, brutale, feigenblattlose, ein sehr einträgliches Geschäft war. Damals gelangten Leute vom Schlage eines Lueger oder Bielohlawek oder eines Stöcker und Ahlwardt und Bruhn in Wien und Berlin zu Ansehen, damals blühte der Stern Drumont et Co.'s in Paris. Drumont et Co., — das ist nicht etwa ein von einem Anti-Antisemiten erfundener Titel. Im Gegenteil, dieser wie der an der Spitze dieses Artikels prangende Titel: „Die Schacherer des Antisemitismus" stammen von einem unverfälschten, waschechten Antisemiten aus der guten alten Zeit. Es ist Mr. Jules Guerin, der diesen Namen zum Titelseines „Buches", oder sagen wir lieber 'in seinem Geiste, seiner „Enthüllungen" gewählt hat. „Les trafiquants de l'Antisemitisme — La Maison Drumont and Co." heißt das „Buch" des Mr. Guerin, das vor kurzem bei Juven in Paris erschienen ist. Wer ist Guerin? Der arme Kerl, den heutzutage kein Mensch mehr kennt, trotzdem er schon im Konversationslexikon steht, hat einst auch bessere Tage gesehen. Es waren die Tage des „Fort Chabrol". Er steht im Lexikon, aber in der Tat, es wäre besser, wenn er nicht drin stünde. „Jules Guerin", besagt das Lexikon, „ist ein französischer Politiker (die arme Politik) und in Madrid geboren. Betrieb 1885—96 sehr zweifelhafte Handelsgeschäfte. Da er mehrlach Bankrott gemacht hatte, versuchte er sein Glück in der Politik und schloß sich dem Antisemiten Drumont an. Er trat für die nationalistische Sache ein, beteiligte sich 1899 an Umtrieben gegen die Republik und den Präsidenten Loubet, und als er Mitte August deswegen verhaftet werden sollte, verbarrikadierte er sich in einem Haus in der Rue Chabrol zu Paris und konnte erst nach 38-tägiger Belagerung am 20. September gezwTungen werden, sich zu ergeben. Er wurde am 3. Januar wegen Beteiligung an einem Komplott gegen die Republik, Widerstand gegen die Staatsgewalt etc. zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Die Gefängnisstrafe wurde dann in Exil umgewandelt."— So lautet das curriculum vitae des „Helden" vom Fort Chabrol. Ehrenwert ist ein solches Zeugnis nicht und auch wohl kaum erstrebenswert. Ein verkrachter, bankrotter Händler, der sich mit allerlei „zweifelhaften", um „parlamentarisch" zu sprechen, Geschäften befaßte, assoeiierte sich mit Mr. Drumont, dem „Chef de L'Antisemitismen mit „iVlores et ses Amis" und wurde ein Politiker. Wie er endete, was für Blödsinn er stiftete, indem er, der spießbürgerliche fallierte Krämer, für du Royalisten, Bonapartisten, Nationalisten und für da^ „Volk" eintrat, brauchen wir hier nicht zu schildern Vor solchen Persönlichkeiten empfindet man einen mo raiischen Ekel, und man verweilt ungern bei ihnen Aber die „Enthüllungen" Guerins sind von einem ge wissen Standpunkte aus interessant, natürlich nicht von literarischen, höchstens vom grammatikalischen. Ma: wirft sich so oft als Jude die Frage vor: Welches sin eigentlich die inneren Beweggründe der Antisemiten Nicht derjenigen, die danach leben, — denn ihrer sinja ungezählte Legionen, — denn zu ihnen gehöre Völker und Herrscher, — sondern der Zunftantisemiter die sich organisieren, deren einziges Lebensziel de Kampf gegen die Juden ist. Besonders wunderlich ei scheint dieser enragierte Antisemitismus in einem Land, wie Frankreich, das doch eine minimale, verschwindend Anzahl von Juden hat. Oft will man auch dem Feinde Gerechtigkeit wider fahren lassen. Und man denkt sich, der Antisemit, de seinen Judenhaß zu seinem Lebensprinzip macht, ha wohl eine von der unseren weltverschiedene Psyche, ein andere Weltanschauung. Und man denkt dabei a die gewundenen Konstruktionen von Gobineau, and; Gemeinplätzigkeiten Chamberlains. Drumont, dt hat einen Juden gefressen! Warum? Ist es der „espr Gaulors", der in ihm gegen den „semitischen Geist revoltiert? Ist es der „stolze Sigambrer", der alte Keltt der in seiner Seele wieder auflebt? Wir hegen kein allzugroße Achtung vor dem Rassengeiste der Sigan brer und Pikten und Kelten zusammengenommer aber eine psychologische Erklärung wäre da gebotei Menschen, die verfolgt werden, sinken oft in ihren eigenen Augen. Ein Volk, das in einem fort leidet, ve zweifelt oft an sich selbst. Die jüdischen Prophete des Altertums wären nicht so rücksichtslos, schroff, liel los gegen ihr eigenes Volk aufgetreten, wenn diest nicht so schwach und aller Welt Beute gewesen wär< Der Starke flößt sich selbst Achtung vor sich ein. Beii Schwachen ist das Umgekehrte der Fall. Und wie o hat mancher unter den Juden Westeuropas, besonder unter denen, die das Judentum als Last und unliebsam'. Erbe betrachten, sich im stillen gesagt: Vielleicht h; Drumont doch recht! Vielleicht sind wir wirklk solche Ausbeuter, solche Degenerierte, und sie, d Gallier, die Germanen, sind die Auslese der Menschhe:' Und als mancher französische Jude auf der Bühne d Phrasen des Puppenhelden in Donnays Stück: „! Retour de Jerusalem" von der Vaterlandslosigkeit tu Gemeinheit der Juden gehört hat, da dachte er sie- Vielleicht sind meine Eltern und Verwandten wirklu solche „Sales Youpins", solche „Vaterlandslose" un was weiß ich noch! Aber siehe, — da kommt ein „waschechter Qallier und zieht die Vorhänge und führt uns hinter die Kulisse des Antisemitismus. Herr Guerin hat diese Aufgabe d< Kulissenschiebers übernommen — und glänzend erfüll Ein Mensch von Geist und Talent hätte im Interes.1 seiner eigenen Sache, der er ja treu geblieben ist, d Farben etwas mildern, die Wahrheit etwas abschwächt sollen. Aber an Guerins Verstand kann man solch Ansprüche nicht stellen, und wir sind ihm dankbar h