Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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17 DIE3HKELT 7 ie Wahlen in Rußland Die „Partei der Volksfreiheit" in Rußland hat jeden Tag neue eklatante Siege i verzeichnen. Alle Kniffe der Regierung haben nichts gefruchtet. Zeder die Knute noch die zahllosen Verhaftungen, Ausweisungen id Hinrichtungen. Die reaktionäre Presse in der ganzen Welt ist; :rigst bemüht, diesen Sieg zu verkleinern, ihm Grund und Motive unterschieben, deren nur ein Reaktionär fähig ist. So z. B. er- / :-ilt das Zentrumsblatt, die „Kölnische Volkszeitung" phantastische .Virchen über die Wahlen der Bauernabgeordneten, Märchen, an d kein Mensch glaubt. Die Juden haben trotz der ursprünglichen l; 'itik des „Boykotts" doch eines Bessern sich besonnen und eini: sehen, daß es besser ist, eine unvollkommene Duma zu haben ü gar keine Duma. Ihr Entschluß, sich an den Wahlen zu bet ügen, hat ihnen auch zu Siegen verhelfen. Wir lesen täglich \ i Wahlerfolgen der Juden. Gewöhnlich gehen sie mit der K D.-Partei zusammen, aber sie betonen in den meisten Fällen ihre i Zonalen Forderungen. Man kann aber behaupten, daß alle Abl ordneten, die von Juden oder mit ihrer Hilfe in die Duma kommen v rden, nationaljüdische Interessen vertreten werden. Natürlich! -nulit sich jetzt Witte nach dem Prinzip „Teile und herrsche'1, i Einigkeit zwischen die K. D. und die Juden zu säen. So ließ i in einem offiziösen Telegramm des Reuterschen Bureaus in die it hinausposaunen: „Um ihren Sieg bei den Wahlen zu sichern, haben die konstitutionellen Demokraten den verschiedenen Klassen der Gesellschaft versichert, daß sie, wenn sie gewählt würden, dafür sorgen würden, daß ihre respektiven Bedürfnisse befriedigt würden. So versprachen sie den Bauern Land, den Arbeitern den Achtstundentag, den Grenzprovinzen Autonomie und den Juden Gleichheit der Rechte mit den übrigen Bürgern. Es stellt sich jetzt heraus, daß die Bauern, vertrauend auf das Landversprechen, für die konstitutionelle Partei stimmten, aber gleichzeitig beschlossen, mit ihr nur so lange zusammenzugehen, als die Judenfrage nicht erhoben werde, da sie nicht damit einverstanden seien, daß den Juden irgendwelche Privilegien gewährt werden. Die konstitutionelle demokratische Partei hat nun beschlossen, die Judenfrage nicht vor die Duma zu bringen, und die Juden sind auf diese Weise in flagranter Weise betrogen worden und befinden sich jetzt in einer schlimmeren Lage als zuvor. Man behauptet, dal.> die Juden entschlossen seien, die konstitutionellen Demokraten zur Rechenschaft zu ziehen, und daß sie Maßregeln gegen sie ergreifen wollen." Für so dumm hätte Witte, der doch die Juden kennt — seine! :.i Mathilde könnte es ihm sagen —, sie nicht halten sollen. Auf Leim werden sie ihm nicht gehen, höchstens foppt er damit 4'e jüdische Bankiers in Westeuropa, die gefoppt werden wollen, nur ihr Geld bei der russischen Regierung unterzubringen. Diese iose Meldung klingt an und für sich unwahrscheinlich, aber sie ine pure Lüge. Denn das Zentralkomitee der K. D. hat dem- ■enüber am 22. 1. M. eine offizielle Erklärung veröffentlicht, in >s heißt: „In den Zeitungen ist eine von der Petersburger Telegraphen- Agentur verbreitete Nachricht erschienen daß die Partei der 'olksfreiheit ihre in der Juden frage gefaßten Beschlüsse;eändert habe. Das Zentralkomitee erklärt, daß keinerlei Vorschläge über irgendwelche Abänderung der genannten Beschlüsse gemacht worden sind, diese Nachricht daher vollkommen erfunden ist." Wir trauen den Erklärungen der K. D. nicht bloß, weil die Juden die zahlreichsten und zuverlässigsten Truppen dieser Partei bilden, weil viele K. D.-Abgeordnete Juden sind, sondern auch, weil diese Partei sich wohl bewußt ist, daß ohne Lösung der Judenfrage die Zustände in Rußland nie gesunden können. Das ist eine Tatsache, die sogar die Regierung selbst einsieht. Aber der schlauseinwollende Witte weist auf die Bauern hin. „Ja," meint er, „die Konstitutionell-Demokraten möchten vielleicht die Judenfrage lösen. Und noch mehr als diese will es die Regierung. Aber die Bauern werden es nie zulassen." So erklärte er neulich einem Vertreter der „Vossischen Zeitung", daß „er persönlich den Juden sehr sympathisch gegenüberstehe und wünsche, sie völlig frei zu sehen; aber die Juden seien .überall in der Revolution an der ersten Stelle. Deshalb könne die Regierung in der Judenfrage nichts gegen den Willen des Volkes tun, denn die Massen würden sagen, die Juden seien frei geworden, weil sie Minister und Gouverneure gemordet haben." Wie plump diese Politik ist! Der Bauer Großrußlands, der keine Ahnung von den Juden hat, dem der Jude kein Konkurrent sein kann, dessen Interessensphären in denen der jüdischen Vollberechtigung liegen, soll gegen die Judenemanzipation sein! Woher weiß es denn Witte? Hat man ein Referendum in Rußland gemacht? Hat man die Bevölkerung betragt? So oft eine Enquete in Rußland über die Judenfrage gemacht wurde, fiel sie immer zugunsten der Juden aus. Aber Witte läßt sich durch solche Kleinigkeiten, wie Tatsachen und Wahrheit, nicht beirren. Er telegraphiert ruhig an die Presse in ganz Europa: Petersburg, 22. April. (Petersb. Telegr.-Ag.) Die Israeliten aus allen Gegenden Rußlands brachten dem Ministerpräsidenten Witte ihren Dank dafür zum Ausdruck, daß dank der von ihm getroffenen tatkräftigen Maßnahmen während des Osterfestes es zu keiner gegen die Juden gerichteten Handlung gekommen sei, während in früheren Zeiten, als sich Rußland der Ruhe erfreute, sich die Osterfeiertage stets durch Gewalttätigkeiten gegen die Juden kennzeichneten. Witte hat sich offen als Beschützer der Israeliten erklärt. Nach Nachrichten, die aus offiziellen Quellen geschöpft sind, ist nirgends eine antisemitische Bewegung zu befürchten. Dabei muß man unwillkürlich an den Witz des „Kladderadatsch" denken. Es heißt in einem Kladderadatsch-„Telegramm", die Gouverneure und Polizeibehörden in Rußland haben Befehl erhalten, keine besonderen Vorbereitungen für die Niedermetzelungen der Juden zu treffen. Es geht, meint das Blatt, auch ohne Extra-Vorbereitungen......... Telegramme in die Welt hinausschicken, die kein Wort von Wahrheit enthalten, die jedes Grundes entbehren, Versprechungen zu machen, an die kein Mensch glaubt, eine Politik zu treiben, deren Fäden so grob sind, daß jeder die Mache sofort sieht, — das nennt man in Rußland Staatsweisheit. Indessen naht die Stunde — dies illa — heran. Bald werden wir wissen, wie stark die Vertretung der Juden sein wird. Eines aber können wir schon jetzt voraussehen, daß sie stark national sein wird. Bvk' & Co. werden in Rußland nicht Platz finden. — \ kV**^ **^*km*+*F**** ■^^■^VV*>^^W^^Nrf^i Die P. T. Abonnenten, die noch mit Einzahlung des Abonnementsbetrages im Rückstände sind, verden dringendst ersucht, den fälligen Betrag unverzüglich einzusenden, da wir sonst die Zusen= Jung des Blattes mit der nächsten Nummer einstellen werden. Die Administration. ^■^ii^^/"'V>» ^■suw** wJ**^H+*+»