Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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6 DIEE^ELT No. 17 POLITISCHE REVUE San Francisco. Die Erde zittert. Gibt's eine Tragödie, die größer wäre? Alles, was Menschen mit Müh und Not aufgebaut, was sie aus ungeformter Masse zur Schönheit gedichtet — wird durch ein paar grausame Stöße zerstört. Und niemand weiß, woher das gekommen. Gibt's ein größeres Unglück, als dieses? Und doch! es gibt ein Unglück, das noch grausamer ist. Es ist das Verderben, durch Menschenhand gebracht. Vor der Natur sind wir alle nichts. Staub der Erde, Sandkörnchen am Strande des Meeres der Unendlichkeit. Vor ihr beugen wir uns. Niemand hat sich dadurch gedemütigt gefühlt, daß sein Nächster von einem Blitze erschlagen, von der rasenden See verschlungen wurde. Anders ist es, wenn der Mensch dem Menschen gegenübersteht. Hier tritt das Bewußtsein der Macht und der Schwäche, des grausamen Hochmuts und der kriechenden Demut in die Reihe der Erscheinungen. Ein Sklave, der unter den Geißeln blutete und und verblutete, empfand nicht nur den physischen Schmerz, sondern auch das bittere Gefühl der Schande, der Ohnmacht das er mit sich ins Grab herübernahm. Man hat uns Juden oft beschuldigt, daß wir bei jeder Unbill, die uns widerfährt, in ein allzulautes Wehklagen ausbrechen, daß wir unsere Misere sogar überschätzen, daß wir das Verständnis für Distanz verloren haben. Und dies haben nicht bloß Judenfeinde behauptet. Vor zwei bis drei Jahren schrieb ein Jude in einer der ersten russischen Zeitschriften einen Artikel über den Zionismus, der großes Aufsehen erregte. In diesem Artikel beschuldigte der Autor, der, wie gesagt, selbst ein Jude aus dem Ansiedlungsrayon ist, die Juden, daß sie ihre Leiden übertreiben. Kämpft denn nur das jüdische Volk um seine Rechte? Sind denn nicht unzählige Massen von Menschen dem Elend und dem Jammer des Lebens ausgesetzt, leiden denn nicht die Proletarier in aller Welt? Es ist eine Argumentation, die bloß auf den Verstand, nie aber auf das Gefühl ihre Wirkung haben wird. — Es sind in den Oktoberpogromen von Rußland Hunderte von Juden ermordet worden. Es sind in Francisco an einem Tage 1000 Menschen getötet worden. Und siehe! vor der letzteren Erscheinung beugen wir unser Haupt. Weil es das Verborgene ist, das hervorgebrochen. „Wer wagt ihn zu nennen — und wer ihn bekennen?" Aber angesichts des Mordes von Menschen durch Menschen, von Juden durch entmenschte Feinde, — da empört sich unser Blut, da beugen wir uns nicht mehr in Demut, sagen nicht: „Dein Wille geschehe!" Zähneknirschend stehen wir rachedürstig. Warum dieser Unterschied? Woher diese Differenzierung der Empfindung? Haben wir wirklich Auge und Ohr nur für unsere Leiden? Nein, — aber hier kommt ein zweites Moment hinzu. Wir leiden von Menschenhand. Und das ist die tiefste tragische Note des jüdischen Lebens, daß sie immer im Laufe ihrer ganzen Geschichte zu den übrigen, allgemeinmenschlichen Leiden auch die Schmach des Schwachen und die Kränkung des Verfolgten erdulden mußten. ------ ---------- 4 . Über die Ausweisungen von rus- Die „Ausweisungsschmach". . , , , r» , sischen Juden aus Berlin bringen die oppositionellen Blätter, besonders aber der „Vorwärts", täglich neue Berichte. Neulich wurden wiederum über 200 „Russen44, darunter Leute, die seit längerer Zeit in Berlin wohnen, ausgewiesen. Die Polizei gewährte den Ausgewiesenen bloß eine dreitägige Frist und verweigerte ihnen sogar die Beschwerdefrist. Die „bürgerlichen" Blätter schweigen darüber. Nun läßt sich auch die Regierung vernehmen. In der „Köln. Zeitung" wurde vor einigen Tagen ein offenbar inspirierter Artikel unter der Spitzmarke: „Die Ausweisungsschmach44 veröffentlicht. Es heißt dort: „Unter dieser Überschrift bringt seit einigen Tagen der Vorwärts bewegliche Klagen über die Ausweisungen, die vom Polizeipräsidium gegen Russen, vorwiegend jüdischen Glaubens, verfügt werden. Ganz besonders empört ist er über eine Notiz des Berliner Tageblatts, das zu dieser Angelegenheit erfahren hat, daß die meisten der Ausweisungen im Einvernehmen mit dem jüdischen Unterstützungsausschusse erfolgen, und er spricht daraufhin von einem Boykott deutscher Waren in Rußland. Auch in diesem Falle ist der Vorwärts wieder einmal über die wirklichen Verhältnisse recht schlecht unterrichtet. Infolge der Ereignisse in Rußland hat eine Einwanderung von ungefähr 5000 Russen, zumeist Juden, nach Berlin stattgefunden, die hier zum großen Teil ganz mittellos angekommen sind. Man mag in sozialdemokratischen Kreisen darüber anderer Ansicht sein, aber die große Mehrheit der Deutschen würde einen solchen Bevölkerungszuwachs als nicht sehr wünschenswert erachten. Es ist also vollkommen begreiflich, daß wir diese Leute los zu werden trachten, und das einfachste wäre gewesen, sie über die Grenze nach Rußland zurückzuschieben, da andere Staaten diese mittellosen Einwanderer jedenfalls nicht angenommen haben würden. Daß in einer solchen Maßregel eine große Härte gelegen hätte, ist indessen nicht zu verkennen, und deshalb macht 'das Polizeipräsidium gegenwärtig den Versuch, diese Leute allmählich abzuschieben, und zwar unter Beteiligung des jüdischen Unterstützungsausschusses, der wohl in der Lage ist, kleineren Transporten die Auswanderung nach überseeischen Ländern zu ermöglichen, dessen Mittel aber nicht ausreichen, um den ganzen Schub auf einmal zu befördern. Es geschieht also lediglich aus menschlichem Interesse, wenn man die Rückgängigmachung der unerwünschten russischen Einwanderung nicht auf einmal, sondern in zeitweisen Abständen ausführt, und wenn das jüdische Hülfskomitee sich bei der Regelung dieser Angelegenheit mit dem Polizeipräsidium ins Einvernehmen setzt, so gewinnt es damit lediglich Anspruch auf die Dankbarkeit seiner Glaubensgenossen. Dadurch daß die Ausweisungen nicht auf einmal verfügt werden, wird den Auszuweisenden auch noch die Möglichkeit geboten, sich in der Zwischenzeit etwas zu verdienen, um nicht ganz mittellos in ihrer neuen Heimat einzutreffen. Es handelt sich also bei diesem ganzen Vorgehen keineswegs um eine Brutalität, sondern vielmehr um ein durchaus schonendes Vorgehen, was auch von den wirklich unterrichteten jüdischen Kreisen anerkannt wird. Wer freilich auf dem Standpunkt steht, daß das Deutsche Reich gegenüber einer mißliebigen Masseneinwanderung von seinem Ausweisungsrechte keinen Gebrauch machen soll, wird sich auch damit nicht befreunden, doch wird das an dem Verlauf der Sache nichts ändern.'4 So argumentiert man in Preußen. Gegen solche Beweisgründe ist schwer zu streiten. Es handelt sich ja um Russen „vornehmlich jüdischen Glaubens44. — Und das ist das Ausschlaggebende an der Sache. — Unsere Stellung in dieser Frage haben wir schon geäußert. Wo bleiben aber die „Deutschen jüdischen Glaubens"? Ist denn nicht diese Schmach ihre Schmach? Nicht Russen werden ausgewiesen, und nicht um Politik handelt es sich hier. Juden werden ausgewiesen, weil sie Juden sind. Das sollten die Herren von der jüdischen Philanthropie und die Mächtigen in Israel sich vorhalten.------