Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316203--48052-3342963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nalitäten dem Kaiser gleich teuer seien, daß alle Kinder desselben großen Vaterlandes seien, und daß ihre Interessen gegen jeden Angriff Tgeschützt werden würden. Odessa, 10. April. Der Gouverneur gab einen charakteristischen Aufruf heraus, der die Einwohner zur Ruhe während der )stern ermahnt. Er erinnert an den Kriegszustand und daran, daß eder Mord- und Plünderungsversuch mit dem Tode bestraft werde, nid wendet sich an die Mütter und Ehefrauen mit der Bitte, ihre ^öhne und Männer in beruhigendem Sinne zu beeinflussen. Beendigung des russischen Hilfswerks Vom Bureau des „Hilfsvereins der deutschen Juden" wird folendes Communique" ausgegeben: In einer Konferenz, die in Dover stattgefunden hat und an der eitens des Zentralberichtsbureaus und des „Hilfsvereins der deutchen Juden" Herr Dr. Paul Nathan-Berlin, seitens des Russo Jewish ommittee Herr N. S. Joseph-London und seitens der verschiedenen liernationalen Organisationen Herr D. Feinberg (Ica Petersburg) 'ilgenommen haben wurden die definitiven Beschlüsse über die : ntschädigung der durch die Pogrome heimgesuchten Juden in Mißland gefaßt. Gleichzeitig wurden dort die Bestimmungen über die Versorgung ■er Waisenkinder, der Witwen und der Krüppel und der erwerbsfähig Gewordenen festgesetzt. Nachdem die Vorschläge von dem Russo Jewish Commtitee ge- : uhmigt worden sind, ist die Hilfsaktion in bezug auf Rußland als; ^geschlossen zu betrachten. )ie deutsche Zigarettensteuer und die jüdischen Emmigranten in Ägypten Aus Kairo, 6. April, wiid uns geschrieben: Aus Südrußland nien, vertrieben durch die entsetzlichen Verhältnisse im Reiche s Zaren, zahlreiche jüdische Emmigranten nach dem Orient, namenth nach Ägypten. Viele von ihnen fanden als Zigarettenarbeiter den Zigarettenfabriken Kairos Beschäftigung. Infolge der dronden Gefahr der Einführung der Zigarettensteuer in Deutschland d des damit verbundenen Ausfalls an Absatzgelegenheiten haben le Fabriken ihre Tätigkeit eingeschränkt oder eingestellt, so dass 1 inderte von jüdischen Arbeitern brotlos geirden sind. Die Fabrik Engel und die von Laurent haben 100 Arbeiter entlassen. Von den weltbekannten Firmen haben i mitrino & Co. ihre Arbeiten zeitweilig eingestellt. Hier sind 180 heiter betroffen worden. Die Firma Kyriazi freres hat sogar 0 Arbeiter entlassen müssen. Nur die Firma Dimitrino & Co. heitet jetzt wieder, aber nur mit beschränkter Arbeiterzahl. Die •ideren müssen neue Exportgebiete suchen. Die brotlos gewordenen dischen Arbeiter sehen einer schweren Zukunft entgegen. Juden im deutschen Heere Über eine Reihe von Fällen systematischer Zurücksetzung der iiden im Heere gehen dem Organ des Vereins zur Abwehr des -.ntiseinitismus detaillierte Mitteilungen aus den Reichslanden zu, Hc gewiß im Reichstage, der sich zurzeit gerade mit dem Militäretat eschäftigt, nicht unerwähnt bleiben dürften, da die antisemitische : endenz hier besonders in die Augen springt. Die Zuschrift lautet: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment 126 zu Straßburg Ii. stand bis März 1905 unter der Führung des Obersten von Löffler. dieser Offizier konnte zwar auf die Beförderung jüdischer Einjähriger 1 Offizieren der Reserve keinen bestimmenden Einfluß ausüben; nmerhin tat er, was er konnte: er beförderte seine jüdischen Einengen nach Verdienst, wie die übrigen Einjährigen. So kam es, aß, als dem antisemitischen Obersten v. Gerok das Regiment 126 übertragen wurde, sich folgender schreckliche Zustand vorfand: -in ehemaliger Einjähriger jüdischer Konfession hatte es bis zum H'fiziersaspiranten und Vizefeldwebel d. R. gebracht, zwei andere nenfalls zu Offiziersaspiranten und Unteroffizieren d. R., die vor- -indenen sieben jüdischen Einjährigen mußten, da der „verflossene" )berst alles geregelt hatte, von dem neuen Kommandeur zu Gezeiten ernannt werden. Aber der Herr Oberst wußte Rat: die;eiden jüdischen Unteroffiziere, die am Anfang seines Regimes •üe Übung antraten, wurden nicht befördert, die übrigen Unter- •m'ziere sämtlich. Dem Vizefeldwebel, der die Übung B machte, u'urde die Qualifikation nicht erteilt, — den übrigen sämtlich. Die jüdischen Einjährigen wurden aus dem Offiziersunterricht entfernt und keiner zum Unteroffizier befördert. Dagegen durften sie Unteroffiziersdienste leisten. Einer der Einjährigen, den man aus dem Offiziersunterricht auszuschlinßen vergessen hatte, wurde unmittelbar vor dem Ausrücken zur Prüfung am Kasernentor auf höheren Befehl zurückbeordert." Die „BreslauerZeitung" bemerkt hierzu: Was an diesen Vorgängen charakteristisch ist, ist folgendes. Man bestreitet offiziell, daß die jüdischen Einjährigen wegen ihrer Konfession in der Beförderung zurückgesetzt werden. Wie die Sache liegt, glauben wir, daß auch der geschickteste Diplomat bei dem Versuch, den Obersten von Gerok von der Anschuldigung rein zu waschen, daß er bei jüdischen und nichtjüdischen Einjährigen einen verschiedenen Maßstab anlege, scheitern würde. Das glaubt kein Mensch, daß gerade zu der Zeit, als Herr von Gerok das Regiment übernahm, die ihm zugewiesenen jüdischen Offiziersaspiranten plötzlich nichts mehr taugten. Strittig ist nur die Frage, ob der Oberst von Gerok geglaubt hat, aus eigener Initiative mit eiserner Hand in die durch die konfessionelle Vorurteilslosigkeit seines Vorgängers geschaffenen Zustände hineinfahren zu müssen, oder ob ihm von irgendwoher zärtlich gewinkt worden ist. Projekt einer staatlichen Organisation der Juden in Preußen Im Auftrage des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat Professor Dr. Rosin in Freiburg einen Gesetzentwurf für eine staatliche Organisation der Juden im Königreich Preußen ausgearbeitet. Für die jüdischen Gemeinden in den altpreußischen Provinzen ist im wesentlichen noch das Gesetz vom 23. Juli 1847 in Geltung; in den neuen Landesteilen sind zum Teil andere Judengesetze in Kraft geblieben. Der Wunsch nach einem Ausgleich der verschiedenen Rechtssysteme hat sich häufig geltend gemacht. Der Rosinsche Entwurf sucht diesem Wunsche zu entsprechen, indem er einem auf dem zu Frankfurt a. M. Pfingsten 1905 abgehaltenen Gemeindetage gemachten Organisationsvorschlage juristische Formulierung gegeben hat. Versuchte Ritualmordhetzen in Deutschland Der Ritualmord-Schwindel ist von antisemitischen Blättern wieder einmal versucht worden. Kürzlich war in Beuthen (Oberschlesien) eine in Säcke verpackte zerstückelte Leiche gefunden worden. Flugs wurde von gewissen Blättern die Lüge aufgebracht, es handie sich um einen „Ritualmord". Diesen Verdacht weist, wie wir der „Volksztg." entnehmen, eine Erklärung des Staatsanwaltes zurück, in der es heißt: Die Zerstückelung der Leiche muß unter Anwendung großer Gewalt und mittels eines Fleischerhackbeils oder eines ähnlichen Werkzeugs bewirkt sein; der Täter muß mit der Zerlegung von Fleisch Bescheid wissen. Für einen Giftmord fehlt nach dem Ergebnis der gerichtlichen Leichenöffnung jeder Anhalt. Auch die Annahme eines Ritualmordes ist nach dem Gutachten der obduzierenden Ärzte ausgeschlossen. Die Leichenteile waren keineswegs blutleer. Die Sektion hat mit Sicherheit ergeben, daß der Tod durch die Schädelverletzungen verursacht und die Zerlegung der Leiche, insbesondere auch die Trennung des Kopfes vom Rumpfe erst nach dem Tode erfolgt ist.— In einem anderen Falle hat ein Stettiner Antisemitenblatt einen Mord einfach erfunden. Der Reichstagsabgeordnete Pfarrer a. D. Krösell erzählte in seiner Leibpresse von einer Mordaffäre mit rituellem Beigeschmack, die sich in Posen zugetragen haben sollte. Angeblich hatte man in einer Kiste, die von einem Rabbiner in Breslau an einen Rabbiner in Bromberg adressiert war, einen chloroformierten Knaben gefunden, dem der Mund verstopft und ein Bein gebrochen gewesen sei. Diese blödsinnige Behauptung hat selbst die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" stutzig gemacht. Sie wandte sich an die Posener Bahnhofsinspektion und erhielt folgende Antwort: „Posen, Hauptbahnhof, den 13. April 1906. Ew.Hochwohlgeboren mit dem Bemerken ergebenst zurück, daß an der Sache kein wahres Wort ist. Etwas Derartiges hat sich weder hier noch auf irgendeiner anderen Station zugetragen. In den hiesigen Blättern ist diese unwahre Meldung auch erschienen, und hat sich selbstverständlich die Kriminalpolizei der Angelegenheit sofort bemächtigt und festgestellt, daß es eine Ente war. Mit ausgezeichneter Hochachtung Prieur, Oberbahnhofsvorsteher." Jüdische Kolonisation in Entre Rios (Argentinien) Aus der jüdischen Kolonie Carmel in Entre Rios wird der „La Plata-Post" in Buenos Aires geschrieben: Die infolge der anhaltenden Hitze entstandene Dürre ist fast unerträglich. Das Vieh leidet stark durch den in allen Kolonien fühlbaren Wassermangel. Auch die Maisfelder sind ganz hoffnungslos. Alles Grün ist vollständig verbrannt. Die Weizenernte ist mittelmäßig ausgefallen. Doch viele Kolonisten haben eine gute Leinernte gehabt, welche sie teilweise zu Wohlstand gebracht hat. Die Bevölkerung ist streng sittlich und friedlich. Ein wahres Paradies im Vergleich zum Stadtleben. Wegen der großen Hitze konnte ich bis heute nur vier Kolonien besuchen. Beliz galt meine erste Visite. Die Ansiedlung liegt 2 km von Estacion Clara und hat ca. 30 Kolonistenhaushaltungen. In Clara und Beliz wohnen einige jüdische Krämer und Handwerker, die keinen Bodenbesitz haben. Sie ernähren sich redlich und leben neidlos mit der Kolonistenbevölkerung. Auch