Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16 and nach nochmaliger Umfrage schickte er nach einer ungefähr 500 Schritte entfernten Hütte hinaus; dort lag eine schwerkranke Wöchnerin, nach der die Mutter immer sah; dort mußte sie sein. Aber nein, auch dort wußte man nichts, und schon hatte sich das Abenddunkel tief und tiefer herabgesenkt, und inmitten vieler Sterne tand am Himmel der verschwindende Mond. Da hörte er — das )ienstmädchen war eben von dem resultatlosen Gange zurückgekehrt und stand vor ihm, aufgeregt und dem Weinen nahe, in dem Ichtlosen Gemach — da hörte er etwas in dem kleinen Zimmerheil nebenan. Es war wie ein tiefer, heiserer, gurgelnder Atemzug, •nid als er hineinstürzte, lag auf dem Bette ausgestreckt die Mutter, chwer röchelnd und sah ihn aus weitgeöffneten Augen bewußtlos n. Er rief nach Wasser, rüttelte sie auf, und sie flüsterte: „Was;t. das, es ist mir wie ein Jahrmarkt im Kopfe. . . Elie, wo sind die jnder?" Und wir waren doch seit Wochenfrist mehr als 20 Meilen eit weg von dem Elternhause, und nur der jüngste von uns war och, ein vierjähriger Knabe erst, zu Hause . . . Der Vater hatte ie aufgerichtet und hielt sie mit dem Arm umschlungen; plötzlich ■var es aber, als gewänne sie an Schwere, so daß er nachgeben Hißte und sie auf die Polster zurückgleiten ließ. „Wo sind die Kinder," iederholte sie, „ich bin unruhig wegen der Kinder.'4 Dann ein tzter tiefer Atemzug, und sie war tot. Ein Herzschlag hatte ihrem eben gerade am Ausgang des Versöhnungstages ein Ende gemacht. Dies also erzählte mir der Vater während der Wanderung auf -in alten Wiener Judenfriedhof, wie denn die Gespräche über die lütter und Gespräche über den Tod bei uns etwas ganz Regelmäßiges aren. Wir lebten mit unserem Gemüte beide so gerne in der Vermgenheit, daß beim Fehlen ihres Anhauches der Augenblick uns ■vollkommen schien; und vermöge einer eigentümlichen Verfassung /s Geistes zog uns von allem, was Zukunft heißt, nichts so sehr; als dasjenige in ihr, was in ihr einzig gewiß ist, der Tod. Dabei ■eb es merkwürdig, daß der Vater trotz seines Alters das Bild des »des nicht floh, sondern, so oft er ihm begegnete, frei war von lern Entsetzen, welches den Anblick zitternder Greise für die igend so seltsam macht, weil die Jugend nicht begreift, daß man >r etwas erschauern kann, woran man sechsundsiebenzig Jahre mg genug Zeit hatte, sich zu gewöhnen. „Sie ist gut gestorben," igte er also damals, „es hat nicht lange gedauert. Schade nur, ehade, daß sie so jung weggenommen wurde. Ich sage dir, du annst es mir glauben, es war jammerschade, sie war so jung." •r sagte es, wie alles in seinem Leben, ohne lehrhaften Ton und >hne jede Pose. Wenn man ihm zuhörte, konnte man glauben, er präche von einer dritten Person und einem fremden Schmerz. Ich muß erwähnen, daß mir meine Brüder, als sie davon er- 1 ihren, lebhafte Vorwürfe machten wegen der niederdrückenden Virkung so trauriger Ausflüge auf das Gemüt eines alten Mannes, ich konnte nicht finden, daß sie recht hätten, denn der Vater schien reundlich und geistig regsam wie gewöhnlich, wenn auch, wie gesagt, etwas bleich und in sich gekehrt. Da, in einer Nacht, als •ch spät nach Hause kam, machte es mich betroffen, daß er sich fortwährend im Bette herumwarf, während sein Schlaf sonst so nihig und ungestört war. Richtig, er war wach, aber er lächelte, ls ich in sein Zimmer trat, und sagte, an Zolas Worte anklingend, ien er seit der Dreyfus-Affäre abgöttisch liebte: „Ob mir was tehlt? Weil meine Stimme etwas rauh ist? Kinderei, ein Schnupfen ist auf dem Marsch." Und dazu lachte er, mit einem Lachen aber, das sich rasch verlor, als er unter das Kopfpolster griff, um nach dem Taschentuch zu langen. Und da gewahrte ich unter dem Polster ein schmales blaues Bändchen aus meiner Bibliothek, das er anfangs vor mir zu verstecken versuchte. „Du hast neulich davon gesprochen," sagte er dann, als ich darnach griff, „ich möchte es auch lesen." Bs war Gogols „Altväterliche Leute" mit der Geschichte von der Nase und der anderen von der Equipage; mit dem unglücklichen Wahnsinnigen, der am 86. Märzember „soeben" Kaiser von Spanien geworden, und der Figur jenes Athanasius Ivanitsch, der ein Leben 11 lang nur die Kuchen und Krapfen und Kompotte und Äpfelschalen frißt, mit denen seine Pulcheria Ivanoona von früh bis in die Nacht hinein ihn füttert, bis ihr eine graue Katze erscheint, bei deren Anblick sie sich in jähem Schrecken zuflüstert: Das ist der Tod! Hier, zwischen den Blättern dieser Skizze lag ein Lesezeichen. Ich konnte nicht herausbringen, ob er mit dieser oder einer anderen Skizze angefangen; aber von da ab trennte*er sich nicht mehr von dem Buche. Nun, und was ging in all' dieser Zeit in ihm vor, und was war ihm das Buch eigentlich? Wir merkten es nicht. Denn* wenn ein Kind, das uns Spielzeug ist, seine ersten Laute lallt, findet es eine bewundernde und beobachtende Gemeinde, und der Greis, in dem ein geheimes Gefühl wie ein Dolch bohrt, ist mit seiner Angst allein. Erst später erfuhren wir alles, als es nämlich schon zu spät war. Der Oktober nahte bereits heran, da verließ der Vater eines Tages — es herrschte Frühlingswärme — im schwarzen Rock und Zylinder das Haus, um sich in den Tempel zu begeben. Es war Neujahr, und er hatte die Ripstasche mit dem Gebetbuch und dem seidenen Gebetmantel darin mit, den ich ihm einmal aus Jerusalem mitgebracht hatte. Denn zusammen mit noch zwei Herren aus Wien war ich anfangs der neunziger Jahre dort gewesen, und da wir darum baten, hatte uns der alte, kluge und hochgebildete Chacham Jehuda diese seidenen Gebetmäntel, für jedes Vater einen, selbst gekauft. Ich lächelte, als ihn mir der Chacham damals mit der Mahnung übergab, dieses Stück Seide aus dem gelobten Lande immer zu achten; aber als ich dann, nach Hause gekehrt, die Bewegung gewahrte, mit der der Vater das Geschenk aus der heiligen Stadt empfing und die Inbrunst sah, mit der er es mit seinen bebenden Fingern leise streichelte und mit seinen sanften Augen liebkoste, da kamen mir selbst fast die Tränen. Und welches Gespräch sich dann daran knüpfte, welch' nie erlöschende und nie auch zum Schweigen zu bringende Sehnsucht zum Ausbruch kam! Diese Seide mit den feinen, starken Rippen, dem silbernen Kragenbesatz und den Randstreifen, woran die Fransen wie knisternder Schnee herabhingen, nahm also der Vater auch heute mit sich, und da es noch frühmorgens und Zeit für den Tempel war, machte er vorerst seinen gewohnten Morgenlauf, die Gartenanlagen längs der Donau am Franz-Josefs-Quai hinauf und hinunter. Unten hielten volle Barken, die, von Gartenland her kommend, das Obst donauwärts herbrachten, und auf dem untersten Plateau der in Terrassen aufsteigenden Parkanlagen reihten sich unter uralten dichten Bäumen die Obststände aneinander, vor welchen es zu jeder Zeit von allerhand Besuchern wimmelte. Und das liebte er: das eilende Wasser, das Blätterrauschen zu Häupten, das Kommen und Gehen und diese Derbheit, die niemanden kränkte, und das Sonnenlicht, das nur so durch die Blätter schlug, und die Kähne voll farbigen Obstes. Er war auch ganz heiter, mehrere Bekannte trafen ihn, die er ansprach; dann ging er an die hundert Schritte stromaufwärts, um auf den Weg zu gelangen, der dort vor einigen Jahren noch an Fischständen vorbei wieder zu der Höhe der Straße emporführte, — heute sieht es da ganz anders aus. Da, an einem der Fischstände angekommen, widerfuhr ihm etwas, das, so unbegreiflich die Wirkung uns Jüngeren erscheinen mag, den Siebenundsiebenzigjährigen mit eins und für immer aus dem heitern Lachen dieser unserer Welt herausriß. Nämlich, ein Mann grüßte ihn, der Inhaber eines Fischstandes, und frug, wohin des Weges, und bemerkte, als er es erfuhr: Heute, an einem Wochentag? Worauf der Vater maßlos betroffen zurückgab: „Wie, Wochentag? Es ist doch Neujahrstag heute!" Und nun war es an dem Manne, erstaunt zu sein. Was reden Sie da, antwortete er. Neujahrstag ist doch erst in fünf Tagen. Haben Sie sich so verrechnet? Und er lachte, während der Vater sich plötzlich an einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken, und die Neigung, sich in alles hineinzugrübeln, war in der ganzen Heftigkeit wieder da. Was war das nur? Nie war ihm in den Dingen seines Herzens je Ähnliches zugestoßen, und stand es also so mit ihm? „Das ist