Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-04-20 · 16 (20.4.1906) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316203--48047-3342958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

das Alter," sagte er mit einer Stimme, die plötzlich ihren Klang verlor, „nun, es macht nichts." Später aber, zu Hause angekommen, sagte er: „O, es macht schon, es ruft mich!" Und als man ihn fragte, wen er meine, erwiderte er dunkel: „Der, der jedermann ruft." Aber das war später. Von dem Platze weg, da er sein Alter entdeckt hatte, taumelte er mehr, als er ging, weiter. Auf dem Wege raffte er sich aber wieder auf, und schreiende Plakate, an denen er vorüberging, führten, ihn in die Gegenwart zurück. * Es waren Aufrufe an die Wiener Wählerschaft, die in dieser Zeit wiederwählen vornehmen sollte, und da las man: „Hoch der Antisemitismus! Nieder mit den Juden! Hoch Lueger!" Es war empörend, und ihn, man darf es mir glauben, empörte es doppelt, weil er ein starkes Gedächtnis hatte und den Schaukelgang der Gesinnungen kannte, vermöge dessen einzelne und Völker heute wie immerdar in dem einen Augenblick verraten, was ihnen in dem früheren Gott gewesen. Und ihn ging die Sache übrigens noch des nähern an. Um sich den Sieg zu sichern, hatten die Herrschenden eine Unzahl jüdischer Stimmen aus den Wählerlisten herausgeworfen, und nun ging er, da ihm dasselbe geschehen war, in wiedergekehrter Energie direkt auf ein Postamt und schrieb dort, den Rücken ungebeugt —- nur die Hand zitterte sehr — an einen Freund in unserer Heimat unter Anschluß der einigen Gulden: „Geehrter Freund! Ich bitte Sie, schicken Sie mir Gebtirts- und Heimatsschein, damit ich mein Wahlrecht reklamieren kann. Wie Sie wissen, habe ich, selbst arm, arme Verwandte ausgeheiratet, und jahrelang habe ich nur von Kartoffeln gelebt und Bauernpelz und Bauernstiefel getragen, weil es mir schlecht ging und ich doch wollte, daß die Kinder etwas lernen. Und dann erinnere ich mich, als mein gutes Weib schon acht Jahre lang auf unserem kleinen Friedhof begraben lag, kam ich einmal auf dem Weg zur Mühle an der katholischen Kirche vorbei, wo der blinde Bettler sitzt, der dort immer seine Leier spielt; und da erkannte er mich an der Stimme und sagte, daß niemand gegen ihn so gut gewesen wie ich und meine Gottselige, verstehen Sie? Nach acht Jahren. Und nun werden Sie fragen, warum ich Sie daran erinnere. Nämlich Sie wissen, das Leben von uns Juden ist voller Verbrechen, und hier in V/ien dürfen jetzt nur Leute wählen, die niemals auch nur das geringste Verbrechen begangen haben. Nun, und darum hat man mich ebenfalls aus der Wählerliste herausgeworfen, weil ich mit meinen 77 Jahren zu schlecht bin für diese frommen und tugendhaften Menschen. Schicken Sie mir also den Geburts- und Heimatsschein, damit ich mein Wahlrecht reklamieren kann." Dies schrieb er, an dem Pult im Postamt stehend, mit zusammengebissenen Zähnen wohl eine halbe Stunde lang; dann übergab er von der früheren Aufregung ohnehin schon mitgenommen und jetzt noch müder — den Brief am Postschalter und ging nicht mehr, sondern schleppte sich langsam und keuchend nach Hause. Aus dem Briefe, diesem Briefe eines Siebenundsiebenzigjährigen sieht man, welcher heiteren Energie er fähig war; aber es war ihr letztes Aufleuchten, denn zu Hause angekommen, fiel ihm etwas ein, das ihn förmlich zerbrach. Er erzählte der alten Wirtschafterin, die bei uns in Diensten stand, alle Erlebnisse des Tages, den Irrtum inbetreff des Neujahrs, die Kränkung darüber, den Gedanken, daß es ihn rufe, und dann die Geschichte mit den Wahlen und dem Briefe, und während er von dem Inhalt des letztern sprach, lachte er noch. Aber plötzlich sank er mit einem Aufschrei jähen Wehs in den Sessel zurück und rief: „Sophie, wo ist der Tales und das Gebetbuch? Ich habe sie verloren!" Und während sie ins Vorzimmer eilte, um Nachsuche zu halten, rief er fortwährend: „Besiegelt! besiegelt! Verloren! Wie? Warum?" Sie verstand nicht — auch ich erst später — und war immer bestürzter, da er nun sogar weinte. „Still, gnädiger Herr, gewiß haben Sie die Sachen auf dem Postamte gelassen." Und sie eilte fort, um nach wenigen Minuten sie wirklich zurückzubringen. Allein es half nichts mehr. „Sagen Sie den Kindern nichts, — schwören Sie es mir, — die Gottselige ruft mich, es geht mit mir zu Ende. . ." Und dann hüllte er sich in die Seide, zog sie über Kopf und Augen und küßte sie, bevor er sie in die Lade schloß, wie man etwas Lebendiges küßt, wenn man sich davon für immer verabschiedet. Und dann schlief er im Lehnsessel, wo er saß, erschöpft ein. Aberglaube? Altersmelancholie? Ja gewiß, aber tut sie darum weniger weh, und ist das Leid, das den Armen ergreift, minder herzzerreißend? Gewiß, Aberglaube! Ich fand einen Zettel von ihm aus jenen Tagen, worin er mir schrieb: „Mein Kind, du hast mir einst diese Seide aus dem heiligen Lande gebracht und mir damit eine große Freude bereitet. Denn wisse, ich habe geglaubt, das Land der Väter zu sehen, so oft ich sie mir vor die Augen nahm und mir mit ihr die Augen verhüllte. Jetzt aber wisse, einen großen Schmerz hat sie mir gemacht, denn es ist bestimmt, daß alles, was wir lieben, uns einmal im Leben Schmerz macht. Mit der Mutter war es auch so, die ist gestorben und hat mich allein zurückgelassen; das war ein großes Unrecht. Und jetzt diese Seide, die du mir gebracht hast. Du bist nicht schuldig, —- aber wisse, wenn wii sterben und man uns in die Grube legt, da darf nicht Ziei noch Schmuck mit uns wandeln. Denn Lehm sind wir, unc( zum Lehm kehren wir zurück, und in kein seidenes Grabge wand, sondern nur in Linnen kleidet man uns, und ganz ein fach aus Wolle nur darf der Tales sein, mit dem man das Angesicht des Toten für den Schlaf der Ewigkeit umhüllt. Dem Lehm sind wir, und was ist für die Ewigkeit Zier und Seide und Schmuck? Darum, mein Kind, wehe, denn mir ist der Spruch gesprochen; denn wehe, wenn einer seinen seidenen Tales verliert; einen solchen Mann hat der Ewige aus dem Buche dc^ Lebens ausgelöscht. Und wisse, mich schaudert, wenn ich denke ich soll vor sein Angesicht treten. Und' trauern muß ich auch weil ich euch, meine guten Kinder, verlassen muß. Denn wissei es ist mir ein Zeichen, daß die gottselige Mutter mich ruft; ich muß sterben." Und noch ein Zeichen kam für ihn, am Vorabend des Ver söhnungstages. Zu Neujahr hatte er noch den Tempel zu besuchen vermocht, aber man meldete mir, wie bleich und mit Blicken, dir bereits von anderen Gesichten zeigten, er bei dem furchtbaren Gebeti immer nur Zustimmung nickte, das von den Büchern des Lebens unu des Todes erzählt. Und die folgenden Tage war es merkwürdig wie im seltsamen Kontraste zu seiner zunehmenden Schwäche alle- Schlaffe aus seinem Antlitz wich und eine eherne und feierliche Strenge plötzlich darin auftauchte, die sich steigerte und steigerte so daß wir beklommen auf ihn hinsahen, der uns förmlich zu Leb zeiten so in feierlicher Verwandlung entschwand. Und so kam de- Versöhnungstag heran, der Mutter Jahrzeit, der Mittelpunkt seines geheimen Denkens all die vielen Jahre her. Und als wir ihm an Vorabend Glück wünschten, wehrte er stumm und ernst und ohin mit der Wimper zu zucken ab, unerschrockenen Blicks und mh strenger Handbewegung. Dann ging er sichereren Schrittes ah seit langem, um sich in den Tempel zu begeben, brach aber bak auf der Strafße schier zusammen und wurde bitterlich weinend zurückgebracht. Abermals versteckte er sich mit seinem Leid vouns, den Kindern, und wieder hieß es: „Sophie, schwören Sie, da! Sie den Kindern nichts sagen; denn es ist ja Dummheit....... Sehen Sie, heute ist gerade Jahrzeit, und zum erstenmal seit 3: Jahren kann ich sie nicht halten; denn wissen Sie, es ist besiegel und eingetragen: Die Mutter ruft mich ....." Und er behielt rechi Einige Tage saß er, nur noch mit den Augen lebend, da, dann hüstelte — hustete — röchelte, er, von wahnsinnigen Krämpfen herumgeworfen und nach Atem ringend. Die Ärzte kamen, er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.