Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Da auf einmal, ich erinnere mich, gab es in jenem Sommer ein fürchterliches und zugleich seltsames Gewitter, welches sich, wie dann die Zeitungen meldeten, über ein ausgedehntes Gebiet erstreckte. Die Formation der Wolken war unerhört, der Regen raste wie in einem Tropenlande hernieder, und als sich das Gewitter verzog, blieb der Himmel stundenlang in einer so düsterzauberischen und wechselnden Färbung, daß die Leute auf Straßen und Plätzen stehenblieben, unfähig, sich an dem phantastischen Schauspiele satt zu 'sehen. Ich glaube sogar, daß es, in unserer Gegend wenigstens, viele geben wird, die sich beim Lesen dieser Zeilen an jenen schauerlich-prächtigen Nachmittag erinnern werden. Nnn, während jenes Gewitters überkam mich auf einmal eine heftige Angst, und knapp nachdem es vorbei war und das Telephon wieder in Funktion trat, wurde ich fast zu derselben Minute von zwei Seiten aufgerufen, nämlich von meinen beiden Brüdern, die ebenfalls hier in Wien -wohnen. Auch sie waren während des Sturmes und Regengusses in Angst geraten, und zwar in die gleiche Angst wie ich, und beide telephonierten mir: „Um Gott, es wird doch dem Vater nichts geschehen sein! " Dies klingt ein wenig unverständlich, aber man wird diese unsere gleichzeitige Sorge begreifen, wenn ich hinzufüge —, was ja übrigens in dem Vorhergesagten angedeutet ist — daß der Vater trotz seiner 76 Jahre ein vortrefflicher Fußgänger und daß er, wie hier in Wien, so noch mehr draußen auf dem Lande stundenlang im Freien und auf den Beinen war. War er auf dem Lande, dann führten ihn seine Spaziergänge weit von der Wohnung weg in den Wald und auf die Matten, bergauf und talab, so daß er, wenn er das Haus verließ, vor vier, fünf Stunden niemals zurückkam, und in Ischl, wo er sich besonders wohl fühlte, gab es des Gehens für ihn überhaupt kein Ende. Und so sagten wir uns mit nur zu viel Grund: Am Ende wird er irgendwo draußen im Freien von dem fürchterlichen Unwetter überfallen worden sein. Und wir täuschten uns nicht. Anfangs machte man vor uns daraus ein Geheimnis, aber später, wenn ich nicht irre, um die Mitte August, erfuhren wir die Wahrheit. Er war von dem Wolkenbruch ungefähr eine Stunde weit von Ischl auf freiem Felde überrascht worden, und von heftiger Angst befallen, begann er zu laufen — und lief und lief, schwer in Schweif3 gebadet, bis er endlich auf die Haut durchnäßt zu Hause ankam und ohnmächtig zusammenbrach. Er erholte sich scheinbar wieder, und meine Schwägerinnen wichen nicht mehr von ihm und hofften, daß es doch gut vorübergehen werde. Da, des Nachts ein neuer Anfall, der die Berufung eines Arztes notwendig machte. Der Arzt kam, untersuchte in seiner stillen und ruhigen Weise und sprach dem geängstigten Greise *) Für unsere Passah-Nummer bestimmt, aber verspätet eingelangt. fröhlich Mut zu. Aber das war drinnen beim Kranken, draußen sprach er anders und eröffnete den Schwägerinnen, daß man sich in jedem Augenblick auf das Schlimmste gefaßt machen müsse. Vor sechs Jahren hatte der Vater einen leichten Schlaganfall erlitten, den er, dank seiner Konstitution ausgezeichnet überwunden hatte; aber jetzt — ob nun die Sache sich langsam herangeschlichen hatte oder ob die heftige Angst und der fürchterliche Lauf des heutigen Nachmittags sie beschleunigte — genug, die fortschreitende Verkalkung der Gefäße hatte bereits das ganze Herzsystem erfaßt. Am 10. September holte ich den Vater von Ischl ab; er sah bleich und müde aus, das Seltsamste für uns aber war, daß er so schweigsam und in sich gekehrt geworden war. Es war, ohne daß je eine Klage über seine Lippen kam, als ob er in sich selbst etwas suchte. Einige Tage nach seiner Rückkehr sagte er: „Erinnerst du dich, wo wir voriges Jahr um diese Zeit waren?" Ich erinnerte mich. Wir hatten den alten melancholischen Judenfriedhof in der Seegasse besucht, und dort unter den herbstlichen Bäumen, zwischen den uralten Grabsteinen erzählte er mir von dem berühmten Judenfriedhof in Prag, von dem Grabstein jener Sarah, die dort seit dem fünften oder sechsten Jahrhundert begraben liegt, und von dem Grabe des großen jüdischen Zauberers, der in astrologischen Dingen der Berater des Kaisers Rudolf II. gewesen, und von vielem anderen. Diesen Friedhof wollte er wieder einmal besuchen. Wir machten die paar Schritte von unserer Wohnung hinüber, und wieder unter den Toten umherwandernd, erzählte er mir zum hundertsten Male im Laufe der Jahre — genau und ausführlich, wie meine Mutter gestorben war. Sie hatten auf einem kleinen Gütchen in Ostgalizien gelebt. An dem Vortage des Versöhnungsfestes wollten sie in die nahe Stadt, um dort den Feiertag zuzubringen. Da fühlte sich die Mutter mit einem Male schwer unwohl, so daß man Hals über Kopf den Wagen in die Stadt schicken mußte, um den Arzt zu holen. Der kam und sagte irgendetwas und tröstete mit freundlichem Zuspruch, verbot aber die Fahrt in die Stadt. Über Nacht wurde es besser, und tags darauf, am'Versöhnungstage, war die Mutter wieder auf. Im Festgewand, die weiße Schürze vorgebunden, saß sie nun — es war ein schöner, freundlicher Septembertag — vor dem kleinen milchweißen Häuschen mit dem schwarz und gelb gefleckten, hohen Strohdach auf der kleinen Veranda, von der aus der ganze Hof zu übersehen war, und verbrachte die Stunden abwechselnd in dem Gebetbuch lesend und mit fleißiger Umschau in Scheune und Stall. Gegen Mittag wieder ein wenig Sorge: sie fühlte sich schwach, und der Vater ließ rückwärts im Garten unter dem großen Birnbäume einen Plaid ausbreiten, auf dem sie sich hinstrecken und ausruhen mußte. Es ward aber doch wieder gut, und gegen fünf Uhr nachmittags, als der Vater durch die lange Pappelallee vor dem Hause daherkam, um sich nach rechts gegen eine sanft ansteigende Heuwiese hinzuwenden, sah er sie auf die Entfernung von zwanzig oder dreißig Schritten auf dem Plaid am Straßenrain sitzen, im Gespräch mit den Arbeitern, die auf dem Felde nahebei beim Flachsbruch tätig waren. Um sechs Uhr kehrte er nach Hause zurück und fragte nach der Herrin. Niemand wußte Antwort. Sie wird da sein, sie wird dort sein, hieß es, und er trat, ohne Arges zu denken, in das Zimmer und begann — die Tage waren noch lang und die Sonne hatte noch eine Strecke vor sich bis zum Untergange — beim offenen Fenster aus dem Gebetbuch das Nileh-Gebet zu lesen. Aber dabei wurde er immer besorgter, denn sie kam nicht und kam nicht, wmm