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Die Welt · 1906-04-20 · 16 (20.4.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Verband", wir wenden uns an das ganze russische Volk: Wie lange noch werden wir gleichmütige Zuschauer der Greuel, die uns alle schänden, bleiben? Wie lange noch werden offen und unverschämt die Vorbereitungen zu den Pogromen vor unserer aller Augen getrieben werden? Von allen Nationalitäten, die die russische Regierungsbehörde knechtet und unterdrückt, gibt es keine einzige, deren Geschichte mit so viel Blut und Unglück geschrieben ist wie die jüdische. Unter allen von der russischen Regierung Bedrückten steht der russische Jude in seiner Rechtlosigkeit, in seiner bürgerlichen Schutzlosigkeit einzig da. Wir wissen, wie man die Armenier im Kaukasus geschlachtet hat; wir erinnern uns an das Morden der Schuljugend; wir kennen die Bestialität, mit welcher die Regierung die russische Intelligenz und die Freiheitskämpfer verfolgt; aber in der jüdischen Frage, in diesem blutigen Gespenst, welches stets über dem Haupte dieses Volkes schwebt, sammeln sich wie;. in einem Fokus die russische Willkür, die russische Rechtlosigkeit und die Schmach und Schande des russischen Lebens. — Der Aufruf schließt mit folgenden flammenden Worten: Die Juden sind russische Bürger. Der „Pogrom" der Juden ist nicht bloß unser „Pogrom", er ist auch unsere Schande. Der Kampf für die niedergetretenen Rechte der Juden ist der Kampf für unsere niedergetretenen Rechte, — ihre Befreiung ist gleichzeitig % unsere Befreiung. — Die russische Literatur — diejenige, die würdig dieses Namens ist, nicht die käufliche, nicht die haßerfüllte — kannte und kennt nur einen Menschen und kümmerte sich weder um seine Nationalität noch um seinen Glauben; sie fühlte und fühlt nur den allrussischen Schmerz und kämpfte und kämpft nur für das allgemeine Menschenrecht. Und jetzt, wenn schon in der Luft die unheilverkündenden Drohungen und die wilden Rufe zittern, jetzt, wenn ins Innere der jüdischen Wohnungen die blasse Angst hineinschleicht, jetzt, wo die düstere Provokation neue Ströme unschuldigen Blutes auf die ohnehin so sehr blutgetränkte russische Erde zu gießen sucht, — können wir russischen Schriftsteller nicht gleichmütige Zuschauer bleiben. — Wir wenden uns an euch, russische' Bürger, im Namen der Wahrheit, im Namen der Ehre, im Namen eures Gewissens, im Namen eurer Würde. Ihr alle, die ihr Rußland liebt, ihr alle ehrlichen Leute! Verhindert die Judenhetzen, verteidigt die Juden, macht ein Ende den mittelalterlichen Greueln! In allen Versammlungen, auf den Straßen und Plätzen, in den Spalten der Blätter, überall erhebt eure entrüstete und warnende Stimme! Nagelt an den Schandpfahl alle diejenigen an, die das schändliche Werk vorbereiten oder es unterstützen! Wirkt mit allen Mitteln, die euch eure Ehre und euer Gewissen anraten! Es ist eure Pflicht als Russen, es ist eure Pflicht als Menschen! REVUE DER PRESSE Zwischen Tigris und Euphrat. Wir haben schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, daß in Mesopotamien Restaurations- und Meliorationsarbeiten projektiert werden, die, wenn ausgeführt, nicht ohne Rückwirkung auf Palästina bleiben können. Wir lesen zu diesem Gegenstand in der Brüsseler Zeitschrift „L'Orient" folgende interessante Notiz: „Eine technische Kommission studiert an Ort und Stelle in Mesopotamien ein verheißungsvolles Projekt. Es handelt sich um die Bewässerung der Ebenen von Mossul, Bagdad und Bassora, indem die Wasser des Tigris und Euphrat, die diese drei Provinzen durchströmen, ausgenutzt werden. Die Ausführung dieses Projektes bietet von zwei Gesichtspunkten aus ein großes Interesse. Es wird dadurch erstens den Überschwemmungen, - die alljährlich der Bevölkerung und dem Staatsschatz großen Schaden zufügen, ein Ende gemacht. Zweitens aber werden die großen Flächen Landes, die infolge des Wassermangels brach liegen, bewässert und dem Ackerbau zugänglich gemacht werden." Der Wettstreit der Mächte im Orient. Mit diesem Kapitel beschäftigt sich ein bekannter französischer Schriftsteller, Rene" Bazin in der „Revue Marne" in einem temperamentvollen Artikel „Croquis d'Orient", dem wir folgende Stellen entnehmen: „Der peinlichste Eindruck, den alle Franzosen, die in der letzten Zeit den Orient besucht haben, empfangen haben, war die Konstatierung der Tatsache, daß der Einfluß Frankreichs gesunken ist und daß der französische Name, der aus den fernen Zeiten Glanz hatte, verdrängt worden ist. In Konstantinopel, in Syrien, Palästina, Ägypten ist dieser glorreiche Name gefallen. .... Von verschiedenen Seiten klagt man: „Was macht Frankreich? Hat es sich von uns abgewendet? Sehen Sie doch, wie die andern tätig sind, welche Fortschritte sie machen!" . .. Diese Klage ist aber teilweise ungerecht. . . . Frankreich hat nicht ganz Palästina und Syrien verlassen. Es unterhält dort Bildungs- und Wohltätigkeitsanstalten, die seine Zivilisation verbreiten. Das alles lebt und kann sich entwickeln. . . . Aber der Vorwurf gewinnt an Berechtigung, wenn man zusieht, wie sich Deutsche und Russen dort betätigen. Deutschland gründet dort Kolonien, schickt Schiffe hin, schickt seinen Kaiser; er streut Orden aus, zieht die Massen an und zeigt ihnen die Macht der deutschen Nation. . . . Rußland hat keinen „reisenden" Kaiser. aber es hat ein Volk. Es kommt auch nach Palästina. In Laufe von drei Jahren hat Rußland in Syrien über 100 Schuler gegründet, wo Russisch gelehrt wird. Alljährlich werden Tausendt und Abertausende russischer Pilger nach Palästina geworfen. Der Orient sieht sie und gewöhnt sich an sie. Und wir, was tun wir, das sich der Machtentfaltung Rußlands und Deutschlands an die Seite stellen könnte? ..." Et de nobis fabula narratur! Auch wir müssen uns in diesem Wettstreit fragen: Was tun wir? „ . In der letzten Zeit wird wie- Cypern als Kolon.sat.onsgebiet. derho,t yon minder großen Auswanderung russischer Juden nach Cypern gemeldet. Gleichzeitig aber enthalten jüdische Blätter Warnungen vor einer solchen Auswanderung, die als höchst riskiert erklärt wird. Die „Frankfurter Zeitung" bringt nun in einer ihrer letzten Nummern einen Artikel von Davis Trietsch (bekanntlich einem warmen Freunde der Cypern-Kolonisation), aus dem wir, ohne auf eine kritische Betrachtung einzugehen, die nachstehenden Ausführungen hervorheben : Ein einwandfreies Abflußgebiet für die jüdische Auswanderung aus Osteuropa sollte möglichst vielen der nachstehenden ,, .Anforderungen entsprechen: Nähe zum Auswanderungsgebiet, leichte Erreichbarkeit und entsprechend billige Übersiedelungs kosten, gute Regierungs- und Bevölkerungsverhältnisse, gutes Klima und günstige Bodenbeschaffenheit, günstiger Kulturzu stand (nicht zu wenig, aber auch nicht zu sehr entwickelti. industrielle Möglichkeiten. Ich muß es dem Leser überlassen, die Wichtigkeit dieser Gesichtspunkte zu akzeptieren, oder abzulehnen, und ich muß ihm ebenfalls, wenn er sie anerkennt, überlassen, danach die Eignung der verschiedenen Länder, an die er denken mag, zu beurteilen. Mich zwingt der knappe Raum, ohne weitere allgemeine Erörterungen zu zeigen, inwiefern die Insel Cypern den oben angeführten und einigen anderen Anfor derungen des gegebenen Zweckes entspricht. Die Insel Cypern steht seit 1878 unter englischer Verwaltung, die das Land hoch über den Zustand der türkischen Nach-

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