Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Aber von der gilt, was der Russe vom ganzen russischen Volke sagt, daß es sich immer zu spät besinnt. Zu spät besonnen hat sich auch der „Verband der russischen Schriftsteller" mit seinem Protest gegen die Pogrome. Der Protest ist ein ehrenvolles Zeugnis für ihren guten Willen, ein geschichtliches Dokument aus der Zeit der wüstesten Orgien der Bureaukatie. Aber als Waffe gegen die Regierung, als ein Versuch der Hilfe gegen die von der Regierung aufgehetzten Volksinstinkte kommt er, wie gesagt, zu spät. Nicht einige Monate nach den Pogromen, zwanzig Jahre vor den Pogromen hätten dieselben Schriftsteller, denen die hervorragendsten russischen Zeitungen zur Verfügung stehen, mit Wort und Schrift für die Juden eintreten sollen. WIE LANGE NOCH?! Von Julius Simon (Mannheim) Vor kurzem hat Herr Dr. Moses an dieser Stelle einen Aufruf zur Gründung eines Vereins zur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas veröffentlicht. Man konnte erwarten, daß sich eine lange und heftige theoretische Debatte an den Vorschlag knüpfen werde. Diese Meinung äußerte wenigstens ich dem Verfasser gegenüber zugleich mit der Befürchtung, daß man über allem Theoretisieren die Hauptsache vergessen werde: „daß etwas Praktisches geschehen muß." Der Verfasser des Artikels aber meinte, daß das Verständnis für die Notwendigkeit, die Palästina-Kommission finanziell sicherzustellen, doch bereits in weite Kreise der Gesinnungsgenossen gedrungen sei. Wohl wisse er, daß sein Vorschlag nicht eine ideale Lösung des gegenwärtigen prekären Zustandes sei. Aber dennoch liege genug Anreiz in dem Projekt, um einen Tätigkeitsdrang dafür bei vielen Zionisten hervorzurufen.-- Nun: heute müssen wir konstatieren, daß wir beide unrecht behalten haben. Mit Ausnahme einiger wenigen Ortsgruppen in Deutschland und Österreich *) erhob sich keinerlei Stimme, weder für noch gegen das Projekt. Der eindringliche Mahnruf ist einfach verhallt. Ist das nicht tief beschämend? Die meisten Ortsgruppen scheinen es nicht einmal für notwendig befunden zu haben, über den Aufruf zu beraten, nicht einmal ihre Mitglieder zu unterrichten. Sie haben anscheinend nicht mal — was doch das Minimum gewesen wäre — eine Liste unter ihren Mitgliedern zirkulieren lassen mit der billigen Frage, ob man Mitglied des proklamierten Vereins werden wolle. Hielt man den Vorschlag für verfehlt? Wo war dann das eifervolle Bemühen nach Besserem, das man erwarten durfte? Wo blieben dann die guten Ratschläge zur Abänderung des Vorschlags, die ihm eine „praktischere" oder eine „anziehendere" Form geben sollten, wenn man's doch besser verstand? Von allen Seiten hätte wenigstens dies eine ertönen müssen als Beweis dafür, wie empfindlich allen der gegenwärtige Zustand sei. Aber nichts von alledem geschah. Dann erschien auch der Artikel Professor Warburgs in der „Welt". Er war eine eindringliche Bestätigung dafür, wie unabwendbar die Schaffung einer Organisation regelmäßiger Beiträge zugunsten der Palästina-Kommission ist. Aber über allen Wipfeln ist Ruh'.-- Wie ist das zu erklären? Niemand, der in unserer Bewegung arbeitet, ist sich doch über die Bedeutung unserer Palästina-Kommission im unklaren. Sei er selbst ein ganz exklusiver „Nur-Politiker". Ich bin sicher, daß keine einzige Propaganda-Rede hinausgeht, in der man nicht mit einigen stolzen Worten ihrer Tätigkeit gedenkt. Weil wir allesamt begreifen, wie notwendig es ist, daß wir etwas Praktisches arbeiten, wie jedermann einen derartigen Nachweis von uns erwartet. War nicht der ganze Kongreß begeistert, als die Palästina-Kommission ihren Bericht erstattete? Und doch war dieser Bericht nicht viel mehr als der Nachweis einer Fülle von „Möglichkeiten", von Möglichkeiten, die reifen könnten. Aber doch nur, wenn man dieser Kommission *) Und in Rußland (Anm. der Red.). die notwendigen Mittel zur Arbeit gibt. Man bringt ihr alles Mögliche entgegen: Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Stolz . . . aber nicht die nötige materielle Stärkung. Ein jeder von uns spürt, wie sich seine Palästinatreue immer mehr und mehr noch vertieft. Es geht gerade eben wieder ein starkes Sehnen nach dem Heimatboden durch unsere Reihen; wir sehen geradezu, wie es sich in uns und um uns breitet. Eine förmliche Palästinawut. Nicht nur im Osten. Wir hören auch von herzerfrischenden Beweisen, wie es viele der Wandernden nach Palästina zieht. Eine neue, eine starke, gesunde Klasse von Auswanderern, gerade die Besten. Wir hören und sehen es, wie sich viele von jenen, die nach dem Westen wandern, vom Osten geradezu los reißen müssen. Und was es sie kostet, sich loszureißen von ihrem schönen Traum, da der Verstand dem Herzen gebietet! Ich selbs1 habe kürzlich ein erschütterndes Beispiel erlebt. Sollen wir inner zürnen? Dürfen wir es? Ich muß sagen, daß ich mich nicht einmal über jene rech' freuen kann, die stark und hoffnungsvoll genug waren, dennoch in Jaffa ans Land zu gehen. Selbst nicht über die finanziell Unab hängigen von ihnen, die doch eine Stärkung unserer Position be deuten müßten. Denn was werden sie drüben viel vorwärts bringen - Ist denn alles schon von uns vorbereitet? "Wieviele Möglichkeiten industrieller und kommerzieller Art z. B. sind bisher schon so reit so ernstlich erwogen, geprüft, daß den Einwandernden ein verläßliche Rat zur Seite stünde. Was wurde bisher dafür getan?!-- Das ist beileibekein Vorwurf gegen dieFührung. Uns, die Truppen trifft der Vorwurf allein. Und nun ruft man zu einer neuen Organisation auf, durch dk bei geringem Jahresbeitrag für den einzelnen sehr große Summei zusammenfließen könnten, gegen die keine starken prinzipielle! Bedenken bestehen (wo immer hätte man sie gehört?), deren drängende Notwendigkeit jedem klar sein muß, und — bis auf wenige Aus nahmen — bleibt alles still und tatenlos. Noch einmal: Wie ist das zu erklären? Ich kenne die ersn Erklärung derer, die die jetzt immer höher anschwellende Palästina Stimmung in Rußland nicht sehen: Es seien traurige Verhältnisse in Rußland. Der gewaltige Resonanzboden unserer Bewegung funktioniere gegenwärtig nicht so stark wie früher. Der mächtig; Impuls aus dem Osten fehle, deshalb teilnahmslose Stille. —<■> Vielleicht bin ich ungerecht. Ich weiß, wie sehr auch wir in Westen noch alle unter dem lähmenden Eindruck des grauenvollen Gestern und des schrecklichen Morgen stehen, das uns andenberührt, tiefer bewegt als die, die sich mit den „Glaubensbrüdern dort nur durch ein geistiges Band verbunden fühlen. Aber mai dürfte selbst ein wenig ungerecht sein in der drängenden, stürmende; grausamen Notwendigkeit unserer Tage! — Über die ganze Wen reicht unsere, die zionistische Gemeinschaft. Westeuropa, Amerika Südafrika sollten nicht allein imstande sein, mit der Beschaffung der Gelder für eine so wichtige Sache wie die Palästina-Erschließung für eine unserer bedeutendeten Institutionen, wie es die Palästina Kommission ist, zu beginnen?! Das ist nichts, was unsere Werbe-