Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ßischen Polizei. Wo das Argument der „Hilfsbedürftigkeit4* zu absurd wäre, muß das der politischen Gefährlichkeit herhalten. Und um zum Schaden noch die Schande hinzuzufügen, gibt's noch ein drittes Argument. Es besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß es sich bei den russischen Flüchtlingen, die ausgewiesen werden, um Leute handelt, die mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten sind. — Weiset die russischen Juden aus, ihr habt dazu die brutale Macht; aber schmäht nicht noch schamlos die Unglücklichen! Fügt nicht den russischen Pogromen, die sie haben erdulden müssen, den preußischen Pogrom der Beschimpfung und Erniedrigung hinzu! Daß aber eine jüdische Zeitung, die sich stolz „Allgemeine Zeitung des Judentums" nennt, diese „polizei-offiziösen" Argumente sich hat zu eigen machen können, das gehört zu den traurigsten Kapiteln der jüdischen Publizistik. . . Ebenso wie seinerzeit das größere Mosse'sche „Judenblatt", das „Berliner Tageblatt", nach dem traurigen Königsberger Vorfall schrieb, das „Schutzkomitee werde schon seine Gründe für das Rundschreiben gehabt haben", so schreibt jetzt das kleinere, die „Allg. Ztg.", wie folgt: „Allgemeine Beachtung haben in diesen Tagen die Mitteilungen russischer Blätter über die beabsichtigte Ausweisung von 7000 russischen Flüchtlingen aus Berlin gefunden, von denen etwa 6500 Juden sein sollen. Es handelt sich natürlich (!) in diesem Falle um wenig bemittelte beschäftigungslose Ausländer. Da sie dem städtischen Armenwesen zur Last falleu könnten, vielfach auch schon durch ihr Verhalten den Behörden lästig geworden sind, so ist es nötig, dafür zu sorgen, daß die Leute das deutsche Gebiet bald wieder verlassen. Der Polizeipräsident von Borries hat den „Hilfsverein der deutschen Juden" um seine Mitwirkung ersucht, damit die Lästigen zur willigen Abreise veranlaßt würden.*) Außerdem mußte man, wie die Behörde mitteilt, wöchentlich etwa 50—60 Russen ausweisen, weil sie sich gesetzwidrig verhielten oder völlig mittellos hierher kamen. Sollten *) Hierzu ist zu bemerken, daß der „Hilfsverein" selbst nach Erkundigungen, die wir eingezogen haben, diesen Blätter-Notizen fernesteht. Anm. d. Red. die übrigen lästigen Ausländer trotz gütlicher Aufforderung sich nicht freiwillig entfernen, so würde man zu ihrer Ausweisung schreiten müssen. Nächster Tage werden über die weitern Maßregeln Beratungen unter Hinzuziehung des Vorstands des Hilfsvereins stattfinden. Die große Anzahl der hier Weilenden macht es aber dem Hilfsverein unmöglich, eine Überführung mit einmal vorzunehmen, wogegen er sich der Hoffnung hingibt, die Auswanderung der russischen Juden allmählich bewerkstelligen zu können, wenn ihm hierzu eine längere Frist gelassen wird. Da auch bei der Regierung lediglich der Wunsch vorliegt, das Land von unerwünschten Elementen zu befreien (!), so ist wohl anzunehmen, daß man sich auf gewisse Obergangsmaßregeln einigen wird, durch die allzugroße Härten vermieden werden können." „Natürlich wenig bemittelte" . . . „lediglich unerwünschte Elemente" . . . „gewisse Obergangsmaßregeln", — das alles ist in seiner Stilisierung ebenso liberal-verlogen und so knechtig-unterwürfig, wie es seinem Inhalt nach beschämend und traurig ist. Qraf Posadowsky hat im Deutschen Reichstage auf England und Amerika exemplifiziert, und seine Worte fanden Beifall rechts. In England und Amerika sind trotz aller Einwanderungsbeschränkungen doch gesetzliche Bedingungen aufgestellt, unter denen der Fremde ruhig und sicher wie ein Einheimischer leben kann. Aber in Deutschland, da hängt das Damoklesschwert der Ausweisung über jedem. Da gibt es keine gesetzliche Duldung. Und gar in Preußen! Da scheint nur ein Gesetz zu gelten: „Der russische Jude wird verbannt!" Eine energische, unzweideutige Kundgebung der deutschen Juden tut not, wenn nicht die russischen Brüder glauben sollen, daß man sie mit dem letzten großen Almosen abspeisen« will. Es darf auch nicht einmal der Schein des Verdachtes auf sie fallen, daß sie — dem Beispiele der „Allg. Ztg. des Judentums" folgend — die grausamen Vertreibungen selbst beschönigen, daß sie „die Schnorrer herauswerfen lassen, damit sie ihnen nicht das Herz zerreißen". _n. =3! oo o o o 3T^= POLITISCHE REVUE ...... „ . „ Es ist wahrhaftig an der Zeit, Judisches Emigrantenelend. daß sjch dje jüdische öffentHch. keit regt, daß sie laut Protest erhebt gegen die Behandlung, welche die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland auf ihrer schweren Wanderung zu erdulden haben. Wir haben bereits in einer der letzten Nummern das Elend „auf Zwischendeck" geschildert und uns dabei u. a. auf einen Artikel der Zeitschrift „Export" berufen, worin Kapitän und Mannschaft der Cunard-Dampfer wegen ihres brutalen Benehmens jüdischen Emigranten gegenüber heftig angegriffen wurden An anderer Stelle unseres Blattes finden unsere Leser eine ganz allgemein gehaltene Berichtigung der Cunard Company, die auf die Tatsachen selbst nicht eingeht. Indessen haben wir leider Veranlassung, uns heute mit anderen Gesellschaften und anderen Beiträgen zum Kapitel „Auf Zwischendeck" zu beschäftigen. Aus Antwerpen kommt folgender erschütternder Aufschrei der gequälten jüdischen Emigranten: „Wir verlangen, wie Menschen behandelt zu werden, eine menschenwürdige Lagerstätte zu haben. Wir erheben Protest dagegen, daß Frauen und Männer gezwungen werden, in einem Räume zusammen zu schlafen. Wir erheben Protest dagegen, daß wir in dumpfen Kellern und ungesunden Hallen schlafen müssen; wir erheben auch Protest gegen die Mißhandlungen, denen unsere Frauen und Kinder ausgesetzt sind. Wir verlangen genügend Brot und genießbare Lebensmittel." So lautet ein Flugblatt der jüdischen Emigranten, auf das eben die Aufmerksamkeit der belgischen Behörden in Antwerpen gelenkt worden ist.---- Was auf deutschen Schiffen den jüdischen Emigranten blüht, das gibt folgende Nachricht zu erkennen, die man direkt mit: „Fortsetzung der russischen Pogronie auf deutschen Schiffen" überschreiben könnte. In Amerika hat das Rechtsschutzkomitee die Verfolgung der Klagen aufgenommen, die die jüdischen Emigranten gegen die Mannschaft des Dampfers „Praetoria"