Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK X. JAHRO. KÖLN, 20. April 1906 pivrb Ann"« JD^ n"3 No. 16. Die P. T. Abonnenten, die noch mit Einzahlung des Abonnementsbetrages im Rückstände sind, werden dringendst ersucht, den fälligen Betrag unverzüglich einzusenden, da wir sonst die Zusendung des Blattes mit der nächsten Nummer einstellen werden. Die Administration. M*\*^i ^^■^^^^W^ +**+^*m****n DAS SCHICKSAL DER SIEBENTAUSEND In der Reichstagssitzung vom 29. Januar d. J. sagte der Abgeordnete Herzfeld: „Es ist eine sinnlose Barbarei, daß Ausländer ausgewiesen werden, sobald sie hilfsbedürftig sind," Graf Posadowsky erwiderte darauf: „Ist es möglich, einen anderen Weg zu gehen? Gibt es nicht Länder mit niedrigerer Kultur, wo eine Armenpflege in unserem Sinne und eine sozialpolitische Gesetzgebung gar nicht besteht? Würden nicht das Deutsche Reich und die Einzelstaaten der Gefahr ausgesetzt sein, der Sammelort für alle zweifelhaften Elemente von ganz Europa zu werden, wenn wir die bedürftigen Ausländer nicht mehr ausweisen könnten? (Sehr wahr! rechts.) Hat nicht das englische Parlament, weil insbesondere London von allen hilfsbedürftigen und verbrecherischen Menschen aus aller Welt als eine Art Freihort angesehen wurde, eine strenge Fremdenbill angenommen? Das freie Amerika weist in schärfster Kontrolle der Einwanderer jede Woche Leute zurück, weil sie entweder an ansteckenden Krankheiten leiden oder arbeitsunfähig sind oder vorbestraft. ..." Nicht lange nach diesen Auseinandersetzungen begann die „sinnlose Barbarei". Dieser Ausdruck war nur gemünzt auf die Ausweisung „hilfsbedürftiger Auswanderer". Welcher Ausdruck wäre aber stark genug, um das Verfahren zu kennzeichnen, das die preußische Polizei den 7000 russischen Flüchtlingen in Berlin gegenüber einschlägt? Siebentausend Menschen erbarmungslos über die Grenze zu jagen! Warum? Wreil sie hilfsbedürftig sind und dem Staate zur Last fallen könnten? Möge doch der preußische Fiskus einmal die Ausgaben zusammenstellen, die ihm die russischen Juden durch ihre Hilfsbedürftigkeit verursacht haben! Man darf doch von ihm zumindest den Nachweis der Wahrheit seiner Behauptungen verlangen. Dabei wollen wir gar nicht kompensieren. Was ihm die 100000 russischen Flüchtlinge, die jährlich durch seine Lande ziehen, an Eisenbahngeldern, an Geldern für Schiffskarten und für sonstige Lebensbedürfnisse abgegeben haben, das sei ihm gar nicht aufs Konto geschrieben. Die vielen Millionen seien ihm gegönnt. Er möge also seine Rechnung für die Hilfsbedürftigen präsentieren, seine „Barauslagen liquidieren", — wie der technische Ausdruck lautet! Nein, weil sie hilfsbedürftig sind, werden sie nicht ausgewiesen, die Siebentausend. Der größte Teil von ihnen steht in fester Arbeit und ernährt sich redlich. Deutsche Arbeitgeber haben Bittschriften an den Polizeipräsidenten gerichtet, man möge ihnen doch ihre russischen Arbeiter, mit denen sie zufrieden seien, die ruhig und bescheiden und fleißig arbeiten, nicht ausweisen. . . . Nutzlos! . . . Die jüdische Gemeinde hat sich erboten, Garantien zu leisten, daß keiner der russischen Flüchtlinge dem Staate zur Last falle. — Nutzlos! — Leute, die in Berlin von ihren Zinsen leben, werden verjagt. Studenten, die an der Berliner Universität ihre Studien absolvieren, erhalten während des Doktorexamens den Ausweisungsbefehl und müssen, mit dem Diplom derFriedrich-Wilhelms-Universität in derHand, sehen, daß sie schleunigst über die Grenze kommen. Kleine harmlose Pensionsmädchen aus reichen Häusern werden, wenn dabei auch die preußischen Pensionsinhaberinnen zugrunde gehen, ausgewiesen. Etwa auch, weil sie hilfsbedürftig sind? Oder sind diese fünfzehnjährigen russischen Mädchen politisch gefährlich? Das ist nämlich das zweite Argument der preu- #