Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Israel, nehmt ihn unter euern heiligen Schutz. Und Ihr, Reb Judel, der Ihr im Leben nichts gegeben habt auf Ehrung, werdet gewiß nicht bestehen auf Ehrung nach Euerem Tode! Laßt ablösen seine Schuld durch Euere großen Verdienste und laßt ihn teilhaftig werden Euerer Fürsprache! (Die Menge schweigt. Aus der Entfernung hört man das leise Weinen der Frau in Schwarz.) Der Vorsteher (zu den Totengräbern): Steigt hinunter und grabt! (Die Totengräber ergreifen die Schaufeln und beginnen zu graben. Man hört, wie Eisen an Stein schlägt.) Der ältere Totengräber: Der Stein liegt und rührt sich nicht. Wohin man die Schaufel wendet, stößt sie auf Stein. (Der Rabbi und die Dajanim halten wieder stillen Rat. Die Menge schweigt. ) Der Rabbi (sich zur Erde wendend): Erde, Quelle alles Lebens, von der alles kommt, zu der alles geht, vielleicht hat dich der Tote zu Lebzeiten beleidigt, so flehe ich dich an in seinem Namen und im Namen von ganz Israel, laß ein den Toten bei dir, denn wie steht geschrieben: Von Staub ist der Mensch und zu Staub wird er, und zur Erde kehrt er zurück. (Pause des Schweigens. Die Totengräber beginnen von neuern y.i\ graben, man hört bald wieder das Aufschlagen des Eisens auf einen Stein.) Der ältere Totengräber: Der Stein rührt sich nicht. (Furchtbar beklemmendes Schweigen. Von weitem hört man loch immer das stille Weinen der Frau in Schwarz.) Der erste Dajan (nach einem langen Stillschweigen): Vielleicht uit der Tote Seinen heiligen Namen beleidigt? Der zweite Daj an: Vielleicht gehört der Tote schon gar nicht iehr zu diesem Friedhof! Der Rabbi (nach kurzer Überlegung): Wo ist der Friedhoflichter? Der ältere Totengräber: Was will der Rabbi? Der Rabbi: Bring' Holz, zünd' ein Feuer an auf dem Friedhof, ■g auf's Feuer sieben Ziegel. (Zur Menge:) Wenn die Ziegel zergingen werden, so wird es ein Zeichen sein, daß sein Judentum •tzwei gegangen ist ... . Gehört er nicht zu diesem Friedhof, ,:;mn darf ihn die Erde nicht aufnehmen. (Man bringt Holz, entzündet ein Feuer gegenüber dem Toten md legt sieben Ziegel auf den Holzstoß. Das Feuer flammt auf, icleuchtet die herumstehende Menge und wirft seinen Schein auf die Totenbahre und auf die knieende Frau in Schwarz. Lange Pause. Beklemmendes Schweigen. Plötzlich hört man ein Knacken — ein Siegel platzt.) Stimmen aus der Menge: Zersprungen! Der Rabbi: Der erste! (Ein Knacken — ein zweiter Ziegel platzt.) Stimmen aus der Menge: Zersprungen! Der Rabbi: Erst der zweite! (Nacheinander zerfallen alle Ziegel bis auf den letzten, der sich in der Glut hält. In der Menge ist es still. Da und dort hört man einen schreckensvollen Ausruf: Großer Gott! Vater im Himmel!) Stimmen aus der Menge: Vater im Himmel, was hat der Mensch getan? Der Rabbi: Noch einer ist geblieben. Stimmen aus der Menge: Er hat schon Risse! (Pause.) Eine Stimme: Der Länge und der Breite nach. Gleich muß er zerspringen! (Man hört ein Knacken.) Stimmen aus der Menge (schreckensvoll): Schon! Der Rabbi: Noch nicht zersprungen. (Pause.) Einer aus der Menge: Die Stücke halten fest, wie wenn das Feuer sie zusammengeschweißt hätte. Erster Daj an: Eine jüdische Seele, nicht so leicht geht sie ab vom jüdischen Weg! Zweiter Dajan: Gewiß Qualen ausgestanden, eh' es dazu gekommen ist! Der Rabbi: Wie der Ziegel im Feuer, so hat sich seine Seele gequält. (Das Feuer brennt langsam aus, es bleiben noch glimmende Scheite zurück, der Ziegel aber bleibt ganz. Die Menge steht schweigend da. Der Rabbi und die Dajanim treten an den Holzstoß und betrachten den Ziegel. Dann geht der Rabbi zum offenen Grabe und sagt mit ruhiger, ernster Stimme) Der Rabbi: Du mußt ihn aufnehmen, Erde! Er ist ein Jude geblieben und gehört hierher. Und ihr, Tote, müßt ihm einen Platz geben unter euch. Der Vorsteher (zu den Totengräbern): Grabt! (Die Totengräber beginnen zu graben.) Der ältere Totengräber: Der Stein zerfällt unter meiner Schaufel. Der jüngere: Wie, Erde zerbröckelt er sich. Der Rabbi (zum Diener): Geh hin zum Toten und sag' ihm. daß er nicht ihr Mann ist und sie nicht sein Weib. Der Diener (umgürtet sich, bleibt vier Ellen vor der Totenbahre stehen und ruft): Du bist nicht ihr Mann, sie ist nicht dein Weib. (Der Vorsteher und einige aus der Menge treten zu, fassen die Bahre an und tragen sie fort. Die Frau in Schwarz bleibt knieend auf ihrem Platz zurück. Man nimmt den Toten von der Bahre herab und senkt ihn, gehüllt ins schwarze Linnen, ins Grab. Der Vorsteher zerbricht einen irdenen Topf und legt die Scherben dem Toten auf die Augen und auf den Mund.) Der Vorsteher (zum Toten): Ich decke zu deine Augen, die das Schlechte gesehen haben, deinen Mund, der Schlechtes geredet hat. (Man verschüttet das Grab. Die Menge verliert sich in kleinen Gruppen, Laternen tragend. Der alte Totengräber bleibt zurück. Im Schein einer Laterne und im letzten Glanz des verglimmenden Feuers hackt er ein Brettchen und steckt es in das Grab. Man sieht, wie jenseits des Zaunes die Menge, immer mehr verschwindend, auf dem dunkeln Wege ins Städtchen zieht. Der Totengräber ist mit seiner Arbeit zu Ende, bleibt einen Augenblick vor dem neuen Grabhügel stehen und spricht) Der Totengräber: Ruhe in Frieden in deinem Bett! (Es wird ganz finster. Die Scheite glühen noch im letzten Verglimmen. Bei ihrem schwachen Schein sieht man, wie die Frau in Schwarz mit stillen Schritten an das Grab herantritt und ihren schwarzen Schleier auf den Erdhügel wirft. Ganz in der Ferne verschwimmen die Lichter der Laternen.) Der Vorhang fällt langsam.