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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 26)
Language
German
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26 DIE mm K * V mf;'- vm ELT No. 15 x :. I, > -' r i ,> ' ■ 4 <|U ,n K L» >' .ji * 'v Ein vierter: Polnisch wird er ihm antworten. Noch einer: Eine Sabbatzigarette wird er ihm anbieten. Ein anderer: Und dazu Hühner, in Butter gebacken. Ein alter Jude: Laßt ab, er ist doch so wie so tot! Stimmen aus der Menge: Sich lustig machen über einen Toten! (Die Menge wird still, nur da und dort hört man noch ein Tuscheln.) Der jüngere Totengräber: Meine Schaufel rutscht so weich in die Erde hinein, wie wenn's gar keine Erde war! Der Ältere: Ich hab' Furcht, daß .... Der Jüngere (indem er das Graben einstellt): Ich will nicht weiter graben. Der Ältere (gleichfalls aufhörend): Ich auch nicht. Der Vorsteher (aus der Ferne): Was ist los? Der jüngere Totengräber: Ich fühl' so, wie wenn meine Schaufel auf einen Menschenleib geraten war' . . . (Bewegung in der Menge, man drängt sich an die Grube,) Der Vorsteher (eine messinggefaßte Brille aufsetzend, die er aus einer Seitentasche hervorgezogen hat): Was kann das sein? (Die Menge "schweigt, einer sieht den andern erschreckt an, gespannt auf etwas wartend. Plötzlich schießt aus der Grube ein Strahl Wassers hervor. Aufregung, eine lange Pause des Schweigens.) Einer aus der Menge (voll Schrecken): Die Erde will ihn nicht zu sich nehmen! Ein zweiter: Sogar die Hölle hat vor ihm die Tore zugesperrt! Ein dritter: Vater im Himmel! Wie groß müssen seine Sünden sein! (Die Menge rückt scheu vom Toten ab, die Frau in Schwarz bleibt allein zurück. Sie kniet vor der Bahre nieder und bedeckt ihr Gesicht mit dem schwarzen Tuch. Man läßt sie tun, was sie will, indem man ihr den Rücken kehrt. Eine lange Pause. Es wird Nacht. Da und dort hört man aus der Menge ein leises Flüstern: „Was wird sein? Was wird sein?" Der Vorsteher: Man soll um den Rabbi gehen! Die Totengräber: Man muß die Stadtlaterne bringen. Es wird finster. (Einige entfernen sich.) Einer aus der Menge: Was tut man? Der Vorsteher: Meine Meinung ist, man gräbt das Grab für ihn neben Reb Judel. Der ältere Totengräber: Neben Reb Judel heiligen Andenkens? Stimmen aus der Menge: Neben Reb Judel — für ihn? Der Vorsteher: Durch Reb Judeis Verdienste wird er zu seinem Grab kommen. Neben Reb Judeis Grab wird's kein Wasser geben, und aus der Hölle können die bösen Geister nicht heraus, es sei denn, man müßte einen Gerechten durch die Hölle führen. Dann klammern sich die Sündigen an den Gerechten und durch sein Verdienst kommen sie aus der Hölle . . . Stimmen aus der Menge: Und Reb Judeis Ehre? Der Vorsteher: Reb Judel hat zu Lebzeiten wenig auf Ehrung gegeben — um wieviel weniger nach seinem Tod! Der ältere Totengräber: Ich will es nicht wagen, neben Reb Judeis Grab zu schaufeln. (Legt die Schaufel weg.) Der jüngere: Ich auch nicht. Der Vorsteher (nimmt einen Gürtel um, geht zu einem niedrigen Stein, der in einem Winkel hinter einem Baum steht und beginnt mit schaukelnden Bewegungen des Oberkörpers zu sprechen): Es weiß der, der da gesprochen hat: Es werde die Welt! da(3 wir nicht, um Reb Judeis Ehre zu mindern, den Toten begraben wollen in seiner Nachbarschaft. Wir wollen erlösen die Seele des Unreinen durch die Hilfe eines Reinen .... (Er nimmt die Schaufel und beginnt zu graben. Pause des Schweigens.) Einer aus der Menge: Das ist Reb Judeis Stein. Vierzig Jahre hat er bei Lebzeiten darauf gelegen in Verborgenheit und hat Thora gelernt. Ein zweiter: Ausgerieben ist der Stein worden von dem dürren Körper, der vierzig Jahre darauf gelegen hat. Ein dritter: Nach seinem Tode hat man ihm den Stein als Grabstein gestellt. Der erste: In der Nachbarschaft von Reb Judel — wie kommt er zu dieser Ehre? Der zweite: Er muß irgend etwas Gutes getan haben, dafür bekommt er den Lohn auf dieser Welt. ( Auf dem Weg jenseits des Zaunes sieht man aus der Ferne das Aufblitzen von Laternenlichtern, allmählich nähern sich Gruppen von Männern in schwarzem Kaftan und Frauen in Tücher eingehüllt. Junge Leute mit Laternen in der Hand betreten den Friedhof und fragen leise: Was ist geschehn? Was istgeschehn? Den Toten und die Frau in Schwarz erblickend, treten sie erschreckt zurück, mischen sich in die Gruppen der andern neben dem Grab und warten. Pause.) Der Vorsteher (hört plötzlich zu graben auf): Ich fühl', wie meine Schaufel auf etwas sehr Hartes anschlägt. Die Schaufel kann nicht weiter hinein in die Erde. Stimmen aus der Menge: Großer Gott! Vater im Himmel! Andere: Was wird man mit dem Toten tun? Eine Stimme aus der Menge: Warten wir auf den Rabbi! Ein zweiter: Soll das hohe Gericht kommen! Ein dritter: Ein Unglück ist über uns alle gekommen, Vater im Himmel! Der Vorsteher: Reicht mir eine Laterne, ich will sehen, was in der Grube liegt. Der ältere Totengräber: Ich möcht's nicht machen. Der Vorsteher (kriecht aus der Grube heraus, nimmt eine Laterne, kriecht wieder hinunter, schaufelt die Erde auf. Plötzlich schreiend): Ein Stein liegt da! Viele Stimmen aus der Menge: Ein Stein! Einer aus der Menge: Der Grabstein von Reb Judel hat sich der Länge nach hingelegt. Er will den Toten nicht liegen lassen neben Reb Judel. Ein zweiter: Die Erde will ihn nicht zu sich nehmen! Einige aus der Menge: Was soll man tun? Eine Stimme: Schweigt, der Rabbi kommt. (Auf dem Weg jenseits des Zaunes sieht man helleuchtende Laternen, später drei Greise mit weißen Bärten und hohen Pelzmützen. Der mittlere, der älteste, geht die eine Hand gestützt auf einen Stock die andere gestützt auf seinen Diener. Sie treten ein, gehen an dem Toten vorüber, blicken verwundert und erschreckt auf die knieende Frau, gehen schnell weiter, treten an die offene Grube und beginnen zu beraten. Man hört sie flüstern. Die Menge stellt sich um sie. Schweigen.) Der Rabbi (nach kurzer Beratung mit den Dajanim sich der Menge zuwendend): Brüder, wir haben beschlossen und uns also geeinigt: Damit der Tote zu einem jüdischen Grab komme, soll jeder von uns ihm eine seiner gottgefälligen Taten abgeben, daß sie ihm angerechnet werde in der ewigen Welt. Ich gebe ihm zwanzig Talmudseiten, die ich gelernt habe. Der erste Dajan: Ich tret' ihm einen Sabbatsegen ab. Der zweite Dajan: Ich geb' ihm ein Jomkipurfasten. Einer aus der Menge: Ich ein Morgengebet. Ein zweiter: Ich ein Kapitel Thilim. Ein dritter: Ich ein Stück Raschi! .... Der Rabbi: Genug! (zu den Totengräbern): Versucht zu graben! (Die Totengräber beginnen zu graben. Man hört, wie die Schaufel an einen Stein schlägt.) Der ältere Totengräber: Der Stein rührt sich nicht vom Ort. (In der Menge wird es still. Der Rabbi und die Dajanim halten Rat. Eine große Furcht legt sich auf die Menge. Man hört nur ein leises Flüstern in der Gruppe neben der Grube.) Erster Daj an: Vielleicht hat der Tote die Gerechten und Reinen beleidigt, die da ruhen unter den Flügeln der Heiligkeit. (Pause des Schweigens.) Der Rabbi (wendet sich zu den Gräbern, mit heiserer, stockender Stimme): Ihr, die ihr ruhet unter den Flügeln der göttlichen Heiligkeit, vielleicht hat euch der Tote beleidigt zu seinen Lebzeiten, so flehe ich euch denn an, im Namen des Toten und im Namen von ganz Ifcu I;

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