Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 15 DIEHaEELT 25 DER SÜNDIGE EIN AKT VON SCHALOM ASCH (Übersetzung aus dem Jüdischen von (ALLE RECHTE PERSONEN: Der Rabbiner des Städtchens Erster Dajan (Gehilfe des Rabbiners) Zweiter Dajan Der Vorsteher der Chewra Kadischa Ein älterer Totengräber Ein jüngerer Totengräber Volk: Erster, Zweiter, Dritter, Vierter Des Rabbi Diener Eine Frau im schwarzen Schleier Ein Melancholischer Männer, Frauen, junge Leute Die Handlung spielt in einem kleinen jüdischen Städtchen. Die Szene stellt dar einen kleinen Friedhof, von einem niedrigen alten Holzzaune umgeben. Da und dort niedrige, aber dicht belaubte Bäume. Verborgen in ihrem Schatten ragen aus hochgewachsenem Gras die oberen Hälften der Grabsteine hervor. Inmitten des Friedhofs ein kleiner Hügel, um ihn herum Bäume. Beim Hügel steht ein Jude, still betend. Rechts ein kleines halbverfallenes Häuschen mit zwei armseligen Fenstern zum Friedhof heraus. Hinter dem Häuschen ein breites schwarzes Tor, vor dem Tor stehen zwei hohe Holzklötze mit Blechtafeln, darauf hebräische Inschriften. Vor dem Häuschen zwischen halbeingesunkenen Steinen mit Stricken an pflöcke angebundene Ziegen, die nach Futter herumschnuppern. Vor der Türe des Häuschens, neben einem alten Sargwagen der Melancholische" mit einem zerrissenen Kaftan über dem nackten, braungebrannten Körper, mit aufgerissenen Augen nach einer Stelle •lotzend . . . Auf der linken Seite jenseits des Zaunes -ein dunkler vVeg, der sich zwischen grünbewachsenen Feldern schlängelt. In der Ferne sieht man im flammenden Abendrot Dächer und den hohen Kirchturm klar in die Luft ragen. Auf dieser Seite des Friedhofs stehen der ältere und der jüngere Totengräber und schaufeln ■■/m Grab. Neben dem Grab auf einem Erdhaufen liegen Bretter. Links tief Grabsteine und Bäume. Erste Szene (Die beiden Totengräber, indem sie graben.) Der jüngere Totengräber: Auch seine Zeit gekommen. Solang geht der Krug zum Wasser .... Der Ältere: Wir haben so was auch schon gesehen. Der dort der beim Zaun liegt in der Nachbarschaft vom Aufgehängten, ist noch ein ganz anderer Kerl gewesen als er ... . Der Jüngere: Jörn Kipur im Wirtshaus gesessen und gebratene Hühner mit Butter gegessen. Der Ältere: Damit die Würmer in der Grube etwas Besonderes zu fressen haben. Der Jüngere: Ein Talis für die Bahre — nicht zu finden. Der Ältere: Ist doch unbeweibt gewesen. Der Jüngere: Hat mit irgend einer zusammengewohnt, eine Christin, eine Jüdin? Der Teufel mag wissen, ob's sein Weib oder seine Geliebte war. Der Ältere: Seine Verdienste sollen mich nicht in jener Welt erlösen müssen. Der Jüngere: Zum Waschen hat sie parfümierte Seife gebracht. Für den Toten, daß er besser riecht! Der Ältece: Wenn die Seele unrein ist, was kann dir — mit Vergebung — der sündige Leib helfen. DerJüngere: Die Chewra der Sargträger hat sich geweigert, den Toten herauszutragen. Man hat vier Leute gedungen. (Er schüttet eine Schaufel Erde aus, ein Knochen eines Skeletts fällt heraus.) Der Ältere: Schau, ich glaub' ein Knochen von einem Toten. (Er hört auf zu graben und bückt sich, um den Knochen näher zu betrachten.) ESTHER SCHNEERSON-FEIWEL) VORBEHALTEN) Der Jüngere: Von einem Toten! (Er bleibt still stehen, die Schaufel in der Hand, und sieht auf den Alten.) Der Ältere: Von einer Leiche. Man muß es wieder zuscharren. (Sie werfen Erde in die Grube.) Der Ältere: Der Friedhof wandert. Das muß einmal ein ehrlicher Platz gewesen sein. Heute steht der Zaun da, und es ist der Ort für Mörder und Diebe. Man vergißt, die Steine sinken ein, und man baut darauf den Zaun ... Es beginnt dunkel zu werden/ Ein kalter Wind bläst zwischen den Bäumen. Von dem schwarzen Weg hinter dem Zaun sieht man vier Leichenträger mit der Bahre heranziehen. Hinter der Bahre geht eine Frau im schwarzen Gewand, über das Gesicht einen schwarzen Schleier gezogen. Ein Stück danach einige neugierige junge Leute und Kinder, unter ihnen der Vorsteher der Chewra Kadischa, ein Mann in mittleren Jahren mit großem schwarzem Bart und dichten schwarzen Augenbrauen. Sie gehen in kleinen Abteilungen und sprechen still miteinander. Der jüngere Totengräber: Sie kommen schon mit der Bahre. Der Ältere: Man muß auf den Vorsteher warten. (Sie stellen sich zum Zaun und winken mit den Händen.) Der Vorsteher (von der anderen Seite des Zaunes den Kopf zum Friedhof hereinsteckend): Was, noch nicht fertig? Der ältere Totengräber: Wir haben auf Leichen gestoßen. Wir haben die Grube wieder zugeschüttet. Der Vorsteher: Leichen .... (vom Zaun zurücktretend) Wie kommen daher Leichen? .... Zweite Szene (Die Totengräber, der Vorsteher, die Frau in Schwarz, Volk.) Das schwarze Tor öffnet sich knarrend, vier Träger tragen auf den Achseln die Bahre und stellen sie vor den Klötzen nieder, man schlägt das schwarze Leichentuch zurück, Kopf und Füße werden sichtbar. Die Frau in Schwarz stellt sich zu Häupten der Leiche, das Gesicht in die Hände bergend und schweigt , . . . Die Träger wollen die Bahre anfassen, da ruft der Vorsteher von weitem: „Halt! Halt!" Die Menge steht abseits in kleinen Gruppen, blickt auf den Toten und auf die Frau in Schwarz. Man spricht ganz leise miteinander. Einige Minuten ist es still. Einer aus der Menge: Der Tote wartet auf das Grab — ein gutes Zeichen! Ein zweiter: Sogar die Hölle will ihn nicht zu sich nehmen. (Man tuschelt einander in die Ohren. Die Frau in Schwarz tritt zu, will das schwarze Tuch vom Gesicht des Toten aufheben.) Der Vorsteher (von weitem): Nicht, man darf nicht! Die Frau in Schwarz (polnisch sprechend): Laßt mich ihn noch einmal ansehen! Der Vorsteher (von weitem, jüdisch sprechend): Man darf nicht! (Die Frau stellt sich wieder zu Häupten des Toten, schweigt.) Einer aus dem Volk: Wer ist sie? Ein zweiter: Sie ist mit ihm aus dem Ausland gekommen. Man weiß nicht: Sein Weib, seine Geliebte, eine Jüdin oder eine Christin. Niemals im Bethaus gewesen und niemals, Gott bewahre, ins Frauenbad gegangen! Ein dritter: Sie wird sein Kadisch sein! Der Vorsteher (auf einen Platz hart neben dem Zaune weisend): Versuchet dort zu graben! Der ältere Totengräber (die Schaufel ergreifend): Neben dem Aufgehängten!" Der jüngere: Schöne Nachbarn! (Folgt dem Alten, sie beginnen zu graben.) Einer aus der Menge: Große Ehre das für den Toten! Ein zweiter: So wie er's verdient hat! Ein dritter: Er soll sich nur an seinen Namen erinnern, wenn der Engel des Gerichts ihn fragen wird, wie er heißt.