Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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die Felsen, und wie weißes Elfenbein schimmerten die Tische und Bänke. Alle Anwesenden nahmen plötzlich eine neue Gestalt an. Jeder Unterschied wich, jede Spur der irdischen Schwere schwand. Sechsunddreißig Heilige mit weißen Mänteln aus Licht und mit Strahlenkronen auf den Häuptern saßen um den langen Tisch, der das Konterfei war des Tisches des „Antlitzes Gottes", und ein glückverheißendes, alles reinigendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Die „Sechsunddreißig" waren nun versammelt, um den Seder zu feiern, die Feier der Ewigkeiten, die Feier der Befreiung, des Kampfes und des Sieges, die Feier des Lichtes. In der Mitte des langen, schimmernden Tisches stand der große Becher, der Becher des Schmerzes, der Becher, in welchem sich jedes Weh der Welt auflöst zu einem schweren, roten Tropfen. War es Wein, waren es Tränen? Und der Becher war der Becher Eliahus des Propheten, Eliahus Hatischbis . . . Jedes Jahr stand er da, jedes Jahr, als die „Sechsunddreißig" sich versammelten, den Seder zu feiern, das Geheimnis der Geheimnisse, auf dessen Grunde das Weltall lag. Aber Eliahit kam nicht. Der Becher blieb immer voll und wrurde jedes Jahr voller, und wuchs von Jahr zu Jahr. Und wenn Eliahu erscheinen sollte, für den der Becher bestimmt war, und den Becher austrinken wird, dann wird das Maß voll sein, — dann ist die Stunde der Erlösung gekommen. Alle zusammen im gleichen Tone, — denn keiner war größer als der andere, bis er nicht von der Stimme des Himmels als der Meschiach erkannt wurde, — sangen sie die Eingangsworte des Seders: „Jeder, der hungrig ist, komme und esse." Und in ihrem Munde klangen die Worte wie die Stimme der tiefsten Sehnsucht und höchsten Verheißung. Und sie sagten weiter die Worte der Sederfeier. Jedes Wort vertiefte sich unter ihren Lippen, dehnte sich aus, entkleidete sich aller irdischen Bedeutung, aller grauen Wirklichkeit und wurde zu einem Worte der Ewigkeit, zu einem Zeichen ungeahnter Welten . . . Und als die Stunde kam, wo Eliahu erscheinen sollte, - da wurden alle still, mit heißem Blick in sich schauend und ihre Seele fragend, ob die Erlösung reif sei ... . Und in Jisroel, der da saß und in sich das Licht und die Strahlen der Worte aufnahm, flammte der Gedanke der großen Befreiung auf, der Befreiung vom Jammer. Er flammte so mächtig auf, daß er auffuhr, — und auf dem Flammengedanken, wie auf einem Feuerwagen, kam der Bote der Schechina, Eliahu .... Eine Krone von perlendem Tau umgab ihn, — und er war ganz aus weißer Flamme. Es ertönte eine Stimme, die wie der Sturm des Ozeans klang und wie der Gesang der Seraphim, — und die Stimme war Eliahus: „Gruß euch, Auserlesene, Kinder und Brüder! Gruß euch von der Schechina! Heilig seid ihr, denn ihr seid in ihr, und sie ist in euch! Bange schaut sie auf euch und liebend, — und doch zögerte sie, mich zu euch zu schicken, denn die Stunde war nicht gekommen. Der Heilige, Auserlesene von euch, der Meschiach war, ist nicht mehr. Ewig seid ihr, aber auch vergänglich. Und auch der Ewigste von euch, der Meschiach, ist vergänglich. Er muß die Welt erlösen, aber die Welt muß einigemal erlöst werden. Durch Tat und durch das Wort, durch Schmerz und durch Freude, durch Schwäche und durch Kraft. An den Toren von Rom saß der Auserlesene, der Meschiach war, in Sklavengestalt, in Elend und in Not. Mit seinem gewaltigen Schmerze und Mitleid umfaßte er die Welt, mit seiner tiefen, heißen Träne wollte er die Welt erlösen. Aber die Träne fiel in den Becher, und der Becher schwoll. Meschiach des Schmerzes hat die Welt nicht erlöst, und er ist in die Ewigkeit gegangen, zum Lichte des Alls. An die Stelle des Fehlenden tritt ein Neuer, an die Stelle des Schmerzes tritt die Freude und die Kraft und die sengende Flamme der ewigen Jugend. Siehe, — das ist der Sechsunddreißigste! Und sieh — ich leere den Becher der Schmerzen." . . . Siedend fielen die Tropfen und versanken in der feurigen Glut, die vom Haupte des Sechstinddreißigsten, Jisroels des Bochurs — denn er war Meschiach der Freude und der neuen Welt — ausstrahlten. Und ein Halleluja erklang aus den Sphären der Himmelsgegend, und die Stimme von oben, wie eine weiße Taube schwebend, rief von der Höhe: „Geh hinaus in die Welten, Erlöser der Freude, und befreie sie!" . . . Und ein weißer Schein verhüllte die Welt...... Als Jisroel erwachte, stahl sich der erste Morgenstrahl in das dunkle Bethaus hinein. Ein Hahn krähte in der Ferne. Aber er glaubte noch zu hören die Stimme von oben. . . Und er wußte, was seine Seele suchte im Dunkel der Nächte. —