Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316202--48017-3342927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 15 diee|ei ELT 23 In einer Ecke des Bethauses lag er auf einer Bank. Ober den Himmel zogen Wolken, sie verdunkelten allmählich den Mond, und ein kalter Wind begann zu wehen. Und dann tauchte der Mond wieder hervor. Wechselweise, wie im Ringkampfe, lösten sich Milde und Strenge, Klagen und Jauchzen ab. Es war still. Nur aus den nahen und fernen Häusern trug der Wind die Stimmen der Feiernden herbei. Und da waren Siegestöne und Klagerufe durcheinander gewirbelt.....Jisroel neigte sein Ohr und lauschte. Da ertönte ein Siegeslied, die Hymne Israels, als es vor grauen toten Jahren unter einem anderen Himmel, auf einer anderen Erde ein Volk besiegt hat. Und das Volk war ein Traum und auch der Sieg. Nur die Geschichte vom Leiden und vom Siegen war lebendig und die ur- _ war der Eingang zu einer Höhle. Schwarze Säulen aus Porphyr und schwarzem Marmor bildeten die Vorhalle, die zu weiteren inneren Gemächern führte. Und als Jisroel eintrat, sich nach den blauen Strahlen richtend, die von irgendwoher durch die Mauern von Felsen drangen, ging er in das Innere der Höhle, wo er ein leises Geräusch vernahm wie von einem Wasserfalle oder einem rieselnden Bergquell. Er kam endlich in eine weite Halle aus grauem Stein, die wie eine Bucht, eine Versenkung war. In der Halle, wo unbehauene graue Felsblöcke standen und lange Tische aus Sandstein, waren viele Männer versammelt, — fünfunddreißig an der Zahl. Ein fahler Schein drang in das Innere der Höhlenhalle und beleuchtete die Gesichter alten Weisen, die aus der Zeit, die gewesen, lebendig geblieben sind. . . . Jisroel horchte, aber in seiner Seele fanden die Laute keinen Nachhall. Sie zitterte von anderen Tönen, von anderen Liedern. Und in einem Augenblick der höchsten Sehnsucht vernahm er die Stimme seiner Seele, die aus allen geheimen Tönen der Welten erklungen: lieh! Du bist der Erkorenen einer, der Sechsunddreißig einer. Geh, eine neue Welt zu finden, m erlösend . . . Und er •ing. Eine unsichtbare Wacht trug ihn, wie auf Sturmflügeln war er gerragen. Oberländer, über Berge und Meere setzte er mit einem Sprunge, — die Erde trug ihn wie ein feuriges Roß. Ebenen und Seen streifte sein Auge, neue Blumen berauschten seine Sinne, die Gewürze einer anderen Erde. Endlich hielt er an, unwillkürlich , unbewußt, 7rals wenn hin eine höhere Macht gebannt hätte. Fr stand auf einer Ebene Blumen. Ein See dehnte smaragdener, goldigschimmernder, der in ein Meer von blauem und rötlichem Lichte hineingetaucht war. Und gegenüber dem See ein Berg. Steil fielen die Abhänge des Berges, und die Felsen glänzten weiß und blau, als ob sie aus Silber wären, durchzogen von Türkisen. Und die Spitze des Berges war golden. Mit einem sehnsüchtigen Blicke schaute Jisroel auf das andere Ufer des Sees, wo der wunderbare Berg stand. Aber er breitete sein Tuch, das er am Halse trug und das er einst einem sterbenden Bettler genommen hatte, über das Wasser und ging trockenen Fußes über den See. Geblendet vom Schimmer des Steines, stand er vor dem Abhang des Berges. Und am Abhang, dicht am Ufer, JOZEF ISRAELS: AM FENSTER (STUDIE von weißen und blauen sich vor ihm aus, ein der Anwesenden. Männer von verschiedenem Alter und verschiedenartigem Aussehen waren da, uralte, von Jahren gebückte, wie Eichen, die vom Wind und vom kalten Hasse der Nacht gebeugt und gebrochen und sichj|sehnsüchtig nach der Erde neigen, —- und junge, starke, mächtige Stämme, in denen noch der Saft der Erde berauschend kreiste. Verwundert sah sich Jisroel um. Sind das die Gerechten und die Erlesenen des Herrn? Auf den Gesichtern aller lag ein Schein des schwarzen irdischen Lebens, der grauen und schweren Tage. Zerlumpte Bettler und Mißgestaltete, mit dem Schandmale der Armut und des Elends Belastete, standen da. Aus ihren Augen rannen tropfenweise Tränen der Schwäche und der Krankheit, und ihre Hände zitterten. Dawaren wieder andere — festlich gekleidet, mit reichen Gewändern, wie die Herren, die einem Leben der Lust und der Sinnengenüsse nachjagen und wie jene leben, die Gottes Wort nie gekannt haben. Alle standen sie, mit sehnsüchtigem Auge auf die Tür schauend. Sie hatten ihre Spuren des Daseins mitgebracht — und konnten noch nicht geheiligt und gereinigt werden; denn der Sechsunddreißigste fehlte. Ohne diesen aber konnten sie alle noch nicht zur höchsten Stufe ihrer Seele und ihrer Heiligkeit gelangen, denn nur in allen Sechsunddreißig spiegelte sich die Schechina. --- Mit beklommen fragendem Herzen trat Jisroel der Bochur ein, — und aller Blicke hefteten sich wie Flammen auf ihn, — und er wußte, daß er es war, den sie erwartet haben. Denn die Zahl war voll. Und in demselben Augenblick drang eine Säule von Licht in die Halle, und alles ringsumher war lichtdurchflutet. Silbern wurden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.