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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Iii Uy- ''Vnff ^•!fc;;<i-ii^' > t:. *r .tl«: , tef2 ff"' silfp- >rn 22 NEBELT No. 15 « c rN~T i > ii >^:'- schläft, erwacht die erhabene Seele, und der arme verworfene Mann verwandelt sich in einen Auserkorenen, einen Gerechten und Heiligen, auf dem die Welt ruht. Sechsunddreißig sind sie an der Zahl, und einer von ihnen ist Messias, der Erlöser. Er ist ihnen selbst unbekannt, er weiß selbst nicht, ob er es sei, aber in jedem von ihnen lebt das Bewußtsein, daß er es sein müßte. Nur die Offenbarung vom Himmel, nur eine Stimme von oben kann sagen und verkünden, wer von ihnen Messias sei und Israel und die ganze leidende, in Schmerzen sich windende Welt erlösen werde. Alljährlich versammeln sich diese Sechsunddreißig in der ersten Nacht des Passahfestes, in der Nacht, da Gott einen Bund geschlossen hat mit seinem Volke! Niemand weiß, wo, keine Seele weiß, wie. Aber in dieser Nacht kommen alle, die neuen wie die alten, und beraten, ob sie die Welt noch weiter erhalten sollen und ob nicht schon die Zeit der Erlösung gekommen sei. Alljährlich warten sie auf das Zeichen von oben, dessen Bringer Eliah Hatischbi sein soll. Alljährlich öffnen sie die Tür dem Boten der ewigen Schechina, — und niemand weiß, wann der Bote kam und was er brachte. Und der junge Jisroel horchte, und seine Augen starrten in die dunklen Räume des Bethauses, lauschte dem klagenden Pfeifen des Windes im Schornstein und ahnte und bangte . . . Jahre vergingen; Tage und Monde der Einsamkeit und der unstillbaren Sehnsucht. Der kleine Jisroel ist ein großer „Bochur" geworden, ein nichtsnutziger, wie alle Welt sagte. Seine Mutter starb vor Gram und Arger. Denn, obwohl arm und bescheiden, hoffte sie doch im Innersten ihres Herzens, daß ihr Sohn, ihr Erstling und Einziger, ein Frommer und Gelehrter in Israel sein werde. Aber ihr Wunsch wollte nicht in Erfüllung gehen. Tagelang lungerte er herum, oft ohne zu essen, lag im Sommer in den Bergen, lauschte den kleinen Wasserfällen und lächelte dem blauen Himmel zu, der in den stillen Bächen sich spiegelte. Und im Winter ging er in zerrissenen Kleidern auf den weiten, breiten Schneefeldern, die um das Städtchen gebreitet waren wie weiße Leichentücher um einen Toten. In funkelnden, glitzernden, frostigen Winternächten ging er oft in den nahen Tannenwald hinaus. Die Bäume waren mit Kronen von Eis und gefrorenem, wie in Formen gegossenem, gemeißeltem Schnee bedeckt. Fratzen guckten ihn an und Gebilde einer Welt, die nicht war. In der hellen Nacht spiegelte sich der weiße Boden des Waldes und die schwarzen, mit Silberfäden überzogenen, mit Silberästen beladenen Bäume. Und wenn der junge Bochur in den Wald starrte, da glaubte er in eine neue, unerforschte, von keinem Auge gesehene Welt gedrungen zu sein. Die Bäume standen unbeweglich und träumten. Die Schechina schien ein Fest zu feiern. Die Erde war der Festmahltisch. Eine blendend weiße Decke darüber gezogen, und riesige Leuchter einer ungeheuren „Menorah", lohten und erglänzten vom fernen Lichte des Himmels. Was war dort das Knistern im Walde, was wraren das für lange, wehmütig-tolle Töne, die irgendwoher, irgendwo um das Ohr Jisroels schwirrten? Es war wie Geigenklang und Paukenschlag und der ersterbende Laut einer einsamen Flöte. War es ein Chor der Engel, die ein Lied singen, das Lied einer andern Welt? — Und als die Mutter starb, wandten sich alle Gönner und Beschützer von Jisroel ab. Denn sie wollten nicht ihre Gunst und ihre Gnade an einem Jüngling vergeuden, der zu nichts Rechtem geboren zu sein schien. Allein blieb er wie ein Stein auf dem Felde. Und frei wie ein Vogel im Walde, wenn der Frühling kommt. Er wußte nicht, was er suchte, er wußte nicht, wohin.er gehe, aber er ging fort. Unaufhörlich, ohne Rast. Nur manchmal, wenn die Müdigkeit der Seele, die Müde des Traumes, aus dem es kein Erwachen gab, ihn übermannte, so ließ er sich in diesem oder jenem Orte nieder. Er verrichtete die niedrigsten Arbeiten und nährte sich kümmerlich. Und überall hieß er Jisroel der Bochur. Er wurde menschenscheu, und eine dumpfe Verzweiflung kam über ihn. Er fühlte, daß es ein Anderssein gebe, und wußte nicht, wie es beschaffen sei; er ahnte, daß über dem düstern, dunkeln, engen Leben ein Meer von blauern Äther ausgegossen sei. Die Wellen des Meeres schlugen an sein Ohr, aber er kannte nicht die Richtung des Lautes der Wellen. Und wie er sich vor den Menschen verschloß, verriegelten sie sich vor ihm. Einsam und verlassen blieb er, kein liebendes Auge blickte in seine liebesuchenden Augen, kein zartes, sanftes Wort schnellte von den Lippen eines Menschen an sein Herz . . . Es war ein Abend des Passahfestes. Der Winter war besiegt und gebrochen. Am Himmel, der noch blaß war von der Strenge des Winters und schon merklich junger und glänzender wurde unter dem milden Streicheln des Frühlingswindes, stand der volle, bleiche Mond. Ruhe über allen Räumen des Weltalls. Ober dem kleinen Städtchen, das noch schwarz w7ar von dem Schmutz der grauen Tage, lagerte sich ein milder Schein; gerade senkten sich die stillen Mondstrahlen wie schlanke Blumenkelche, deren Wurzeln dort oben in dem blauen Boden des Himmelsfeldes steckten und die mit ihren Stengeln und Kronen tief in die Erde hineinragten, Erde und Himmel durch die Strahlen mit silbernen Ketten aneinander gebunden. Und in den Häusern, den kleinen, unscheinbaren, weißgescheuerten, brannten Lichter. Aus dem Innern dieser Häuser drang ein Schimmer von weißem Abglanz der blanken Geräte, weißgetünchten Wänden und weißen Überzügen und verwickelte sich in den Strahlen des Mondes. Um die Tische saßen jüdische Familien, königlich und weltentrückt. Jeder Jude fühlte sich als König eines Reiches, das nur ihm gehörte, eines Reiches der Vergangenheit und der Zukunft. Nur Jisroel der Bochur nahm an keinem Seder Teil. Ein Widerwille gegen alles, was besteht und bestanden hat, erfüllte seine Seele. Er wurde von niemanden zum Seder geladen und hielt sich auch von den andern Armen und Enterbten fern, die auf Kosten der Gemeinde im Armenhause einen gemeinsamen Seder veranstalteten. Etwas war in ihm gereift, in der Seele des Einsamen, während der langen Zeit der dumpfen Verzweiflung. Mit einer dicken Eiskruste war sie lange bedeckt, durch die keine Wärme durchsickern konnte. Aber unter dieser Kruste reifte eine Wunderblume heran, fremd und schön, wie sie noch keiner gesehen . .. Und es war ihm wie einer Mutter, die mit ihrem ersten Kinde schwanger geht. Eine unendliche, tiefe Traurigkeit kam über ihn, in die das Jauchzen eines neuen Lebens, das das Leben noch nie gesehen hat, aber seine ersten Töne hineinsummte, erst leise, dann immer lauter, immer vernehmlicher, immer wildlustiger und schmerzlicher, bis die höchste Stunde kam, die Stunde der größten Not und des unnennbaren Glückes, die Stunde des Gebärens . . . In dieser Nacht, der erstenPassahnacht, kam es über ihn.

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